Ein Meinungsbeitrag von Götz Warnke

Deutschland im Dürresommer 2026: Menschen sterben, die Umwelt leidet, Unternehmen klagen, Verbraucher:innen stöhnen. Dieser Dürresommer, wohl noch einer der kühlsten in diesem Jahrhundert, macht Deutschland auf unterschiedlichste Art und Weise zu schaffen; ist aber zugleich ein Sommer intellektuell dürrer Ideen:
Da schlägt eine ehemalige CDU-Bundesministerin neue Atomkraftwerke und Klimaanlagen als Problemlösungen vor. Offensichtlich hat die Dame nicht verinnerlicht, dass bei hohen Flusstemperaturen oder gar Wassermangel Atomkraftwerke wie auch andere Dampfkraftwerke ihre Leistung reduzieren bzw. ganz abschalten müssen – so geschehen in diesem Sommer in Ungarn und Rumänien. Überdies: Wärmepumpen sind bei entsprechender Auslegung auch Klimaanlagen, aber erstere in Form des Habeckschen Gebäudeenergiegesetzes hat ja die CDU noch im letzten Wahlkampf bekämpft.
Der neue Bundesverkehrsminister reagiert schnell und profilorientiert auf die Klagen der Wirtschaft über neue Kostenexplosionen im Verkehrswesen, weil z.B. die Binnenschiffe auf dem Rhein nur noch halb beladen fahren können und daher für die gleiche Transportmenge mehrfach fahren müssen. Der Vorschlag des Ministers: die Fahrrinne des Rheins ausbaggern und so vertiefen. Vielleicht hätte er sich besser vorher einmal bei den Kolleg:innen in Hamburg informiert: dort muss der Senat Jahr für Jahr ca. 200 Millionen Euro für Baggerarbeiten ausgeben, damit die vertiefte Elbe nicht so bald wieder verschlickt.
Wasser in der Fläche halten – aber wie?
Zudem beschleunigt die Vertiefung das Austrocknen der Randbereiche des Flusses und das Abfließen des Süßwassers ins Meer. Dabei sind sich alle Fachleute einig, dass man angesichts der häufigeren Dürresommer das Wasser möglichst in der Fläche halten und ein schnelles Abfließen verhindern muss, was zugleich auch bei Hochwasser hilft. Dazu ist im Prinzip jedes Mittel recht: von der „Entgradigung“ und Renaturierung von Bächen und Flüssen über Wiedervernässung von Mooren – die sich dann als Moor-PV oder Paludikultur nutzen lassen, neue Landwirtschafts-Methoden wie z.B. Agriforste, grüne Gräben als Wasserspeicher für Felder, die Entsiegelung von Flächen, Wehre zur Entschleunigung von Bächen und Flüssen, die Reaktivierung alter Mühlenstandorte mit ihren Mühlteichen, usw.
Eigentlich müsste angesichts Klimakrise und Hitzesommer das Thema „Wasser in der Fläche halten“ ein Hauptschwerpunkt der Naturschutzverbände sein. Doch diese geben sich angesichts der vielen, auch technischen Wasserhaltungs-Möglichkeiten eher schmallippig, reden meist nur von Renaturierung, möchten Fließgewässern mehr Raum geben.
Der alte Streit um die kleine Wasserkraft
Einer der Gründe ist wohl der jahrelange Kampf der Naturschutzverbände zusammen mit Angler:innen gegen die kleine Wasserkraft. Fast wäre es den Naturschützer:innen gelungen, die kleine Wasserkraft bei der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) 2022 abzuwürgen, doch das Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck verhinderte das schließlich. Aus guten Gründen: Nicht nur Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group und Mitbegründer des EEG, weist immer wieder auf die Bedeutung der Wasserkraft hin – nicht nur als regeneratives, grundlastfähiges Energiepotential, sondern auch als Mittel, um Wasser in der Fläche zu halten. Auch für die schwächelnde Wärmewende bietet die kleine Wasserkraft erhebliche Potentiale, wie eine wissenschaftliche Analyse der TU Braunschweig zeigt. Die Nutzung der Wasserkraft ist wichtig für einen funktionierenden Klimaschutz, da sie Fossilenergien ersetzen kann.
Die Naturschutzverbände hingegen beklagen, dass die Wehre der kleinen Wasserkraftanlagen die Flüsse für aufwärts wandernde Fische undurchlässig machten und die Wasserkraftanlagen Fische häckseln würden. Doch moderne und reaktivierte Wasserkraftanlagen verfügen über Fischaufstiegshilfen wie Fischtreppen, und auch mit dem vermeintlichen Skandal um die gehäckselten Fische ist es nicht allzu weit her, wie die o.a. Studie der Energy Watch Group zur Bedeutung der Wasserkraft auf S. 17 f. zeigt. Natürliche Fischfresser wie Kormorane oder die bei den Naturschutzverbänden beliebten Fischotter töten ca. das Vierzigfache an Fischen. Zudem konnten die Naturschutzverbände bisher nicht plausibel erklären, warum vor 150 Jahren, als es ca. zehnmal so viele Wasserkraftwerke gab wie heute, die Flüsse und Bäche in Deutschland voll von Fischen waren.
Klimaschutz nur zweite Wahl?
Warum aber lehnen viele Natur- und Umweltschutzverbände sinnvolle Klimaschutzmaßnahmen wie z.B. die kleine Wasserkraft ab. Ein Grund dafür dürfte sein, dass für sie die Klimakrise wohl allenfalls zweitrangig ist und daher primär nur ein natürlicher Klimaschutz infrage kommt, etwa wenn die Deutsche Umwelthilfe ihre Rundmail vom 21.08.2026 betitelt: „Unsere Flüsse trocknen aus – wir brauchen jetzt natürlichen Klimaschutz!“ Dabei ist doch klar: Ohne technischen Klimaschutz und Erneuerbare Energien – wozu auch die Wasserkraft gehört – wird sich die Klimakatastrophe kaum verhindern lassen. Und speziell hinsichtlich der Wasserkraft stellt sich die Frage, warum ein den Fluss verbauender und den Fischzug verhindernder Biberdamm besser sein soll als ein kleines Wasserkraftwerk mit Fischaufstiegshilfe!
Fazit
Manche Haltungen und Ideen der Naturschützer können heute durchaus als klimafeindlich gelten. Der heutige Natur- und Umweltschutz berücksichtigt zu wenig, dass durch die galoppierende Klimakrise viele Bereiche der Natur für immer verloren gehen werden und dass bereits heute manche Versuche zur Wiederherstellung von natürlichen Lebensräumen illusorisch sind. Heute muss Klimaschutz Vorrang vor Naturschutz haben.
Vor wenigen Wochen hat der Grünen-Politiker Jürgen Trittin die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung, insbesondere von Wirtschaftsministerin Reiche und Kanzler Merz, als „palliative Industriepolitik“ bezeichnet, also eine Art Sterbebegleitung. Mit gleichem Recht lässt sich beim traditionellen Naturschutz ohne wirkliche Berücksichtigung des Primats der Klimakrise von einer palliativen Naturschutzpolitik sprechen.
