Ein Meinungbeitrag von Götz Warnke

Mitte Mai veröffentlichte die Angler-Postille „Blinker“ ein Pamphlet unter dem Titel „Ein Abgesang auf die Wasserkraft“. Auch wenn es sich hierbei um eine Übersetzung aus dem Englischen handelt, so ist der Inhalt dem Blinker zuzurechnen, zumal jede Relativierung wie „Inhalt gibt nicht die Meinung der Redaktion wieder“ fehlt. Das Manifest, „das für die Abschaffung von Wasserkraft bei der EU eintritt“, gibt die ebenso uralten wie unzutreffenden Narrative gegen die Wasserkraft wieder:
Wasserkraft sei nicht sauber, grün und nachhaltig, sondern verändere den Fluss negativ, weil sie Fischen den Weg versperre und so Fischwanderungen verhindere.
Wasserkraftanlagen zur Energiegewinnung (gibt es außer bei Stilllegungen auch Wasserkraftanlagen ohne Energiegewinnung?) bedrohen Ökosysteme.
„Der Bau von Wasserkraftwerken beeinflusst die Strömungen, die Wanderrouten der Fische, den Verlust an Laichplätzen sowie eine Abtragung von Sediment am Flussgrund.“
Und schließlich: in EU-Gewässern habe die Zahl an Wanderfischarten seit 1970 um 93 Prozent abgenommen.
Zudem sei der Beitrag der Wasserkraft innerhalb der Erneuerbaren Energien unbedeutend: „Selbst wenn alle 5.500 Kraftwerke, die noch in Europa betrieben werden auf Höchstleistung laufen würden, würde der Anteil von Wasserkraft nur auch 11.2 und 13.9 Prozent betragen.“ [Satz unklar.G.W.]. Auch sei Strom aus Wasserkraft inzwischen teurer als die Energie aus Sonne, Wind und Energiespeichern.
Dieses Pamphlet zielt also mit zwei Stoßrichtungen auf die Wasserkraft: umweltpolitisch und energiepolitisch. Bei unserer Kritik wollen wir zuerst einmal den Blinker-Argumenten hinsichtlich der Energiepolitik „auf den Haken fühlen“:
- Die o.a. Zahlenangabe zu den Wasserkraftwerken in Europa stimmt nicht. Das Umweltbundesamt geht in einer wissenschaftlichen Analyse von ca. 9.400 Wasserkraftanlagen allein in Deutschland aus. In der EU war die Wasserkraft 2024 laut Bundeswirtschaftsministerium (S. 78) mit einem Anteil von 28,9 Prozent nach der Windenergie der zweitstärkste Stromlieferant.
- Die EU möchte bis 2050 klimaneutral sein; Deutschland sogar bis 2045. Dabei lag der Anteil von Erneuerbaren Energien am Bruttoendenergieverbrauch 2023 in der EU bei gerade einmal 24,5 %, in Deutschland sogar bei nur 21,5 %. Wie man die Klimaziele erreichen will, wenn man jetzt auch noch auf die Wasserkraft verzichtet, muss wohl das Geheimnis der fischsuchenden Rutengänger bleiben.
- Wasserkraft ist, unabhängig von ihren derzeitigen Energiebeiträgen, deshalb wichtig, weil sie wie Geothermie und Gezeitenenergie zu den wenigen Energieformen gehört, die praktisch grundlastfähig sind, d.h. 24/7 zuverlässig Energie liefern können.
- Wasserkraft ist deutlich ausbaufähig, wie eine Studie der Energy Watch Group unter dem Titel „Wasserstrom – der neue Gamechanger für Klimavorsorge, Heimatenergien und Gewässernatur“ zeigt.
- Wasserkraft ist auch jenseits des Stromsektors einsetzbar – z.B. im bisher in der Energiewende vernachlässigten Wärmesektor, in dem stadtzentrennahe Wasserkraftanlagen die Ausgangsbasis für kleine Wärmenetze bilden können. Die Aquathermie führt dabei auch zu einer Abkühlung der Gewässer – ein willkommener Nebeneffekt im Zeitalter der Klimaerhitzung.
- Wasserkraft lässt sich gut mit anderen Erneuerbaren-Energie-Techniken kombinieren: so können Mühlenteiche teilweise für Aqua-PV genutzt werden oder Naturmaterialien aus den Rechen können in Biogas-Anlagen weiter verwertet werden.
Alle diese Punkte werden im Blinker-Pamphlet nicht berücksichtigt; hinsichtlich Energie- und Klimapolitik „blinkt“ hier beim Blinker so geistig gar nichts. Vielleicht ist das auch zu viel erwartet von einem Magazin, das sich an eine Gruppe wendet, welche sich eher als Naturschützer denn als Techniker oder Klimaaktivisten versteht. Daher ist ein Blick auf die angeblich die Natur schädigenden Aspekte der Wasserkraft sinnvoll:
- Wasserkraftanlagen versperren durch ihre Querbauwerke zweifellos Fließgewässern den ungehinderten Durchgang. Doch in deutschen Gewässern gibt es ca. 200.000 Querbauwerke – für die Schifffahrt, als Hochwasserschutz, um das Wasser in der Fläche zu halten etc. Dazu kommen die unzähligen Querbauten durch Biberdämme. Die technischen Hindernisse lassen sich in den meisten Fällen gar nicht zurück bauen, ohne u.a. Katastrophen wie an der Ahr zu verschlimmern. Warum dann die 9.400 Wasserkraftanlagen – gerade einmal weniger als fünf Prozent der Querbauten – das große Problem sein sollen, bleibt völlig unklar.
- Wenn in EU-Gewässern die Zahl an Wanderfischarten seit 1970 um 93 Prozent abgenommen hat, kann es nicht an der Wasserkraft liegen. Denn in der EU wurden inzwischen viele Bäche und Flüsse bei Wasserkraftanlagen mit Fischaufstiegen ausgestattet. Zudem ist die Zahl der Anlagen in der Vergangenheit stark zurück gegangen: im Deutschen Reich gab es Ende der 1880er Jahre rund 80.000 Wassermühlen, allein in Bayern waren es 1926 noch 11.900 Wasserkraftwerke (heute rund 4.200), jeweils ohne dass es damals große Klagen über Fischschwund gegeben hätte. Und auch der geringe Zubau in den letzten Jahren kann diese Verlustzahlen nicht erklären. Vielmehr dürften die Angler selbst ein Teil des Problems sein: durch sie gelangen jährlich in der EU geschätzte 4.800 Tonnen Blei in die Natur, weshalb der Verkauf der Bleigewichte in der EU eingeschränkt wird. Dazu kommen unzählige Mengen an Plastik in Form von verlorenen Ködern, die dann in den Fließgewässern zu Mikroplastik zerrieben werden und die Fische schädigen.*
- Einen Verlust an Laichplätzen gibt es insbesondere, wenn Kies aus den Flüssen gebaggert wird, um Baumaterial zu gewinnen. Wird der Kies an andere Orte im Fluss transportiert, kann es sich das auch bei größeren Wasserkraftwerken durchaus positiv auf die Fischfauna auswirken.
- Sediment am Flussgrund wird insbesondere dann abgetragen, wenn die Flüsse sehr schnell fließen. Auch deshalb gibt es Querbauwerke, die das verhindern sollen.
Man kann schon den Eindruck gewinnen, als hätten sich hier die Wasserkraftgegner in ihrer eigenen Angelschnur verheddert.
Fazit
- Wasserkraft ist weiter wichtig. Aber sie ist nicht die Ursache für den teilweise dramatischen Rückgang der Fischpopulationen in den letzten Jahrzehnten.
- Angler sind entgegen dem verbreiteten Selbstverständnis keine Naturschützer. Denn neben einigen zumindest zweifelhaften Methoden wie dem Anfüttern, dem Fangen und Freilassen, sowie der Faunenverfälschung durch Einsetzung besonders beliebter, aber ortsfremder Arten, tragen sie auch nicht unerhebliche Schadstoffmengen in die Gewässer ein.
- Die Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) wirbt für sich seit Jahren mit dem Spruch: „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“. Das „immer“ mag bei der FAZ – ganz vielleicht (!) – zutreffen, beim „Blinker“ ganz sicher nicht.
*Jörg Strehlow: Angeln — Nachhaltig und Ökologisch, Stuttgart (Kosmos) 2026
