Ein Bericht von Heinz Wraneschitz über die Bitkom-Energy-Charts

Der lange Weg zur digitalen Energiewirtschaft scheint nicht kürzer zu werden. Bei der Präsentation der „Bitkom Energy Charts 2026“, einer repräsentativen Haushaltsbefragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter 1.002 Haushalten in Deutschland zum Themenfeld Energie, erklärten immerhin 72 Prozent der Befragten: Die Energiewende geht ihnen zu langsam oder gar „viel zu langsam“, während nur fünf Prozent das Tempo „viel zu schnell“ fanden. Damit zeigen die Deutschen auf die schreckliche Kontinuität der Energiewendepolitik der letzten Jahre: Denn auf dieselbe Tempo-Frage antwortete 2022 gerade mal ein statistisch vernachlässigbares Prozent weniger mit „zu langsam“ oder „viel zu langsam“.
„Das heißt: Die Bevölkerung fordert eine schnelle Wende – und 92 Prozent fordern mehr Unabhängigkeit von Öl und Gas“, nannte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder zwei von vielen interessanten Gesichtspunkten. Die wurden aber offensichtlich von der Ampel-Regierung genauso ignoriert wie bislang von Doppelschwarz-Rot. Und so sind gerade mal 15 Prozent der Deutschen „mit der aktuellen Energiepolitik der Bundesregierung insgesamt zufrieden“ – oder müsste man sich nicht eher wundern: „Fast unglaublich, dass 15 Prozent noch mit Katherina Reiche und Co zufrieden sind“?
Denn 2022 – wir erinnern uns: Putin-Überfall auf die Ukraine, Gas- und Strompreise gehen durch die Decke – hätte jeder und jedem politisch wirklich Verantwortungsvollen klar sein müssen: Nur durch die möglichst schnelle und vollständige Umstellung auf Erneuerbare wird das Land unabhängig von Einflüssen kriegslüsterner alter weißer Politiker wie Putin oder Trump. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Nur 20 Prozent der von Bitkom Befragten meinen, „Deutschland ist heute besser auf Energiekrisen vorbereitet als 2022“. Und dem Satz „Deutschland ist auf einen längeren Stromausfall gut vorbereitet“ stimmen lediglich 26 Prozent zu. Dabei mussten im vergangenen Jahr gerade mal 17 Prozent selber länger als fünf Minuten ohne Strom leben.
Knapp drei Viertel jedenfalls halten „das Stromnetz in Deutschland für anfällig gegenüber Sabotage oder gezielten physischen Angriffen, z.B. auf Leitungen oder Umspannwerke“ sowie „für anfällig gegenüber Cyberangriffen“.
Eigeneinschätzung kontra Wirklichkeit
Trotzdem sehen sich fast die Hälfte beim eigenen Haushalt gut auf einen längeren Stromausfall vorbereitet. Wer jedoch an die Jammerei von Berlin im Januar 2026 denkt, als dort zwei als redundant bezeichnete, aber in einer gemeinsamen Leitungsbrücke liegende Hochspannungstrassen zerstört wurden, muss an dieser Eigeneinschätzung große Zweifel haben. Was auch der Bitkom-Geschäftsführer so sah: „Das passt nicht zu Aussagen in meiner Bubble.“ Zumal 93 Prozent der Befragten dieser Forderung zugestimmt haben: „Beim Umbau des Energie-Systems sollte auf Sicherheit genau so viel Wert gelegt werden, wie auf Klimaschutz und Kosten.“
Genau hier aber spielt laut Bitkom-Mann Rohleder die Digitalisierung eine große Rolle. Deren Stand im Haushalt – Stichwort Smart Meter (SM) – hinkt jedoch dem Wunsch genauso hinterher wie die bereits erwähnte Energiewende insgesamt. Gerade mal acht von 100 Befragten nutzt aktuell ein SM; nach all den ständig zu lesenden Rollouts der vergangenen Jahre ein Armutszeugnis. Denn vor vier Jahren waren es auch schon vier von 100.
Warum sind hierzulande noch so wenig SM eingebaut?
Liegt das verhaltene Verteilen dieser hyperintelligenten Messsysteme womöglich daran, dass ein wirtschaftlicher Anreiz fehlt? „Die laufenden Kosten für die Digitalisierung müssen den Verteilnetzbetreibern anerkannt werden“, lautet eine grundsätzliche Bitkom-Forderung an Politik und Bundesnetzagentur. Außerdem brauche es „Regulatorische Erleichterungen“. Und im Netzpaket müsse Digitalisierung und Standardisierung bereits mitgedacht werden.
Dabei ist das Wissen um die Möglichkeiten von Stromeinkauf bei niedrigen Preisen bis zur Steuerung von Wärmepumpe und Laden von E-Auto bei Privatleuten offenbar heute schon recht hoch: Neben den bereits Nutzenden können sich über 60 weitere Prozent zumindest vorstellen, ein SM zu nutzen.
Gegenüber 2020 bedeutet das fast eine Verdoppelung. „Das Interesse an Smart Metern steigt. Und die tun nicht weh“, stellte Rohleder deshalb fest – und nannte auch die wenigen Euro höhere Zählergebühr, welche die Verteilnetzbetreiber hierzulande (anders als in Österreich) kassieren, erträglich, „weil Sie an anderer Stelle deutlich mehr sparen können“.
Bevölkerung denkt weiter als die Politik
Und noch zwei weitere interessante Aspekte hat die Befragung zu Tage gefördert: Zwei Drittel der Deutschen wünschen sich „mehr Transparenz über die Klimawirkung des Energieverbrauchs meines Haushalts“. Und neun von zehn Antworter:innen fänden es „hilfreich, wenn ich den aktuellen Stromverbrauch meines Haushalts so einfach sehen könnte wie den Spritverbrauch im Auto“. Wie es scheint, ist die Bevölkerung mit ihren Ansichten zu Klimaschutz und Energie wesentlich zukunftsorientierter aufgestellt als die dafür verantwortlichen Politiker:innen.
Datengrundlage
Die erhobenen Antworten der Bitkom Energy Charts stammen aus allen Bevölkerungsschichten: Grundlage der ausgewählten 1.002 Haushalte war der aktuelle Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes. „Es erfolgte eine Gewichtung nach Personen im Haushalt, Bundesland und Ortsgröße“ erfahren wir von Bitkom auf Nachfrage. So wurden 249 1-, 409 2- und 244 3-und-mehr-Personen-Haushalte befragt.
