Ein Gastbeitrag von Jürgen Brand

Ab 2027 soll im Stuttgarter Hafen hochreiner grüner Wasserstoff für die Industrie und auch für Wasserstoff-Omnibusse im ÖPNV produziert werden.
Über Wasserstoff wird in Deutschland immer wieder viel diskutiert, zumal über grünen Wasserstoff. Für manche war er einmal der Hoffnungsträger der Energiewende schlechthin, andere hielten das schon immer für ein Hirngespinst, manchmal wird er auch als „Champagner-Energie” der Transformation bezeichnet. In Stuttgart wird nicht mehr diskutiert, sondern gebaut. Die Stadtwerke bauen im Stuttgarter Hafen den „Green Hydrogen Hub”, der spätestens Ende 2027 bis zu 900 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr produzieren soll. Die können dort zwar auch auf Trailern verladen und in die Region transportiert werden, viel wichtiger soll aber die kilometerlange Wasserstoffpipeline durch das Neckartal zu möglichen Abnehmern werden. Die Bauarbeiten dafür haben gerade begonnen.
Wasserstoffstrategie für eine ganze Region
Die Region Stuttgart hat sich schon früh mit dem Thema Wasserstoff beschäftigt. Bereits 2021 hat die Wirtschaftsförderung der Region (WRS) eine Wasserstoffstrategie entwickelt. In der To-Do-Liste dieser Strategie konnten zwar schon etliche Haken gemacht werden, Lücken gibt es aber auch noch einige. Das liegt auch daran, dass die Kalkulationen durch den Angriff Russlands auf die Ukraine einfach nicht mehr stimmten. Damals war berechnet worden, dass ein Pipeline-Meter etwa 1000 Euro kosten würde. Heute sind es 1500 Euro pro Meter. Das hat das Projekt, das ursprünglich schon Ende diesen Jahres im regulären Betrieb hätte sein sollen, verzögert. Dank Fördermitteln vom Verband Region Stuttgart, dem Land Baden-Württemberg und der Europäischen Union wird es – mit einigen Monaten Verspätung – aber verwirklicht.
Nachhaltige Elektrolyse
Im Green Hydrogen Hub der Stadtwerke Stuttgart im Stuttgarter Hafen sollen bis zu vier Elektrolyseure mit jeweils 3 Megawatt Leistung aus Solar- und Windstrom aus dem Stromnetz die genannten zunächst bis zu 900 Tonnen hochreinen Wasserstoff pro Jahr produzieren. Voll ausgebaut könnten es später sogar bis zu 1200 Tonnen sein. Nicht direkt über die Pipeline abgenommener Wasserstoff kann in Speichern bei 80 und 500 bar zwischengelagert werden. Auch ein Batteriespeicher mit 4 Megawattstunden ist vorgesehen. Damit können die Elektrolyseure unterbrechungsfrei kontinuierlich arbeiten. Die dabei entstehende Wärme wird ins Wärmenetz eingespeist, bis zu 1100 Wohnungen sollen damit beheizt werden können. „H2 GeNeSiS und der gesamte Green Hydrogen Hub setzen nicht nur entscheidende Impulse für die klimagerechte Transformation unseres Wirtschaftsstandorts, sie stärken auch dessen zukunftsfähige Position im internationalen Wettbewerb”, sagt Michael Kaiser, der Geschäftsführer der WRS.
H2 GeNeSis mit vier Teilprojekten
Der Green Hydrogen Hub gehört zum ersten Teilprojekt eines Wasserstoff-Gesamtsystems entlang des Neckars. Das Projekt H2 GeNeSis „soll den Nachweis führen, dass eine Wasserstoffwirtschaft in Baden-Württemberg wirtschaftlich tragfähig und ökologisch sinnvoll konzipiert und betrieben werden kann”, heißt es in der Projektbeschreibung. Die Pipeline, die insgesamt fast zehn Kilometer lang sein wird und später auch an das Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen werden soll, ist ein weiteres Teilprojekt. Außerdem gehören dazu eine Akzeptanzforschung sowie die Projektsteuerung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Partner in dem Projekt sind neben den Stadtwerken Stuttgart und Esslingen die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und das Steinbeis-Innovationszentrum energieeffiziente und emissionsfreie Technologien (SIEET). Die Modellregion Neckartal soll einmal Vorbild für andere Wasserstoffprojekte nicht nur in Baden-Württemberg sein.

Möglicher großer Bedarf
Der Grund für das große Engagement der Region beim Thema Wasserstoff liegt auf der Hand: In diesem stark industrialisierten Teil des Neckartals gibt es bereits einen Markt für hochreinen Wasserstoff, aber keine lokale Wasserstoffquelle. Entsprechend viel Energie muss importiert werden, was dem Ziel beispielsweise der Stadt Stuttgart, bis 2035 klimaneutral zu sein, widerspricht. Außerdem fahren in der baden-württembergischen Landeshauptstadt bereits eine ganze Reihe von Wasserstoff-Omnibussen. Die Wasserstoff-Tankstelle im Neckartal in Stuttgart-Ost wird bisher mit Trailern beliefert. Künftig kommt der hochreine Wasserstoff aus dem gut vier Kilometer entfernten Green Hydrogen Hub im Hafen durch die Pipeline direkt in den Busbetriebshof. Damit „schaffen wir eine zentrale Infrastruktur, die Produktion und Anwendung eng miteinander verzahnt und die Region für das Gelingen der Energiewende nachhaltig stärkt, freut sich Peter Drausnigg, der Technische Geschäftsführer der Stadtwerke Stuttgart.

Suche nach Kunden
Weitere mögliche verbindliche Abnehmer für den Wasserstoff werden aktuell gesucht. Mercedes-Benz mit seinem Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim oder dem Werkteil in Hedelfingen ebenfalls in Pipeline-Reichweite ist ein möglicher Kunde, aber auch zahlreiche andere kleinere und mittlere Unternehmen in dem Gebiet kommen dafür in Frage. Die Gespräche dafür laufen.
