Ein Gastbeitrag von Claudia Behrend

Im Südosten Hamburgs liegt mit den Vier- und Marschlanden das bundesweit größte zusammenhängende Blumen- und Gemüseanbaugebiet. Doch die Hamburger Landwirtschaft, zu der auch noch das Alte Land als größtes zusammenhängendes Obstanbaugebiet in Nordeuropa gehört, und hier speziell der Zierpflanzenanbau stehen unter Druck.
So sind laut dem Amt für Agrarwirtschaft der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) rund 38 Prozent der Erwerbstätigen 55 Jahre oder älter, viele werden in den nächsten rund 15 Jahren in den Ruhestand gehen. Der hohe Arbeitsaufwand in der Landwirtschaft und wachsende gesellschaftliche Kritik an den heutigen Produktionsmethoden
schrecken viele potenzielle Nachfolger*innen ab. Dazu kommen die unsichere Wirtschaftlichkeit und steigende Energiekosten für das in der Regel mit Erdgas erfolgende Heizen der Gewächshäuser.
Im Auftrag der BUKEA hat das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE daher zwischen November 2022 und August 2025 im Projekt „AgriChance“ das Potenzial von Agri-PV in Hamburg untersucht, wo es rund 160 Hektar Gewächshausfläche gibt. Das Ergebnis: Nach Ausschluss technischer, rechtlicher und regulatorischer Kriterien stehen je nach Szenario 5.000 bis 7.000 Hektar zur Verfügung. Das entspricht drei bis sieben Gigawattpeak installierbarer Leistung und drei bis sechs Terawattstunden im Jahr, mindestens sieben bis über 60 Prozent des aktuellen städtischen Strombedarfs.
Sein Ziel, den Ausbau Erneuerbarer Energien deutlich zu beschleunigen und flächenschonend sowie umweltverträglich auszugestalten, hat der Senat in der 2025 vom Senat beschlossenen „Photovoltaikstrategie für Hamburg“ (Drs. 23/1725) rechtlich verankert, die Agri-Photovoltaik nach der Belegung von Dächern als zweitgrößtes Solarpotenzial der Stadt einordnet.

Klimaziel 2040 unter Druck
Das ist deshalb besonders relevant, weil es für Hamburg bei den Klimazielen eng wird. Infolge des Volksentscheids „Hamburger Zukunftsentscheid“ vom 12. Oktober 2025 trat am 8. November die Novelle des Hamburgischen Klimaschutzgesetzes in Kraft. Die Stadt muss 2040 netto klimaneutral sein, fünf Jahre früher als bisher geplant. Das Zwischenziel von minus 70 Prozent CO2 bis 2030 gegenüber 1990 bleibt bestehen. Ob das gelingt, ist offen: „So wie die Weichen im Bund gerade gestellt werden, sind die Ziele Stand jetzt nicht erreichbar“ , sagte Umweltsenatorin Katharina Fegebank im August gegenüber dem Hamburger Abendblatt.
Wie viel die Gewächshäuser für die Nutzung von Photovoltaik wirklich hergeben, soll sich in Neuengamme zeigen. Dazu ist im Januar das Forschungsprojekt „PV-GreenHHouse“ gestartet, erneut unter der Leitung des Fraunhofer-Instituts ISE und finanziert von der BUKEA. Die Forscher*innen bestücken dort ein Rosen-Gewächshaus des Schnittblumen-Produzenten Knobi-Blumen mit Photovoltaik-Dummies. Auf rund 20 Prozent der 400 Quadratmeter großen Dachfläche werden außerdem teildurchsichtige Module eingesetzt.
Das Fraunhofer ISE ermittelt dann, wie viel Strom die jeweilige Technologie im Realbetrieb liefern würde. Vor Ort protokolliert Betriebsinhaber Gerrit Knoblauch, ob Ertragsmenge und Blütenqualität unter der Verschattung leiden. „Wenn die Ersparnis durch den selbstproduzierten Strom von einer geringeren oder schlechteren Ernte aufgefressen wird, lohnt sich das natürlich nicht“, sagte er gegenüber der Hamburger Morgenpost.

Fläche sparen statt erschließen
Zeitgleich prüfen die Projektpartner die ökonomische Tragfähigkeit. Ein weiterer Vorteil laut BUKEA: Die bestehenden Gewächshäuser im Hamburger Landgebiet könnten künftig Strom erzeugen, ohne dass dafür neue Flächen erschlossen werden müssen. Das würde die Akzeptanz von Agri-PV in der Bevölkerung steigern.
Den Flächenschwund der Anbauflächen in den Vier- und Marschlanden werde Photovoltaik nicht aufhalten, räumt die BUKEA ein. Sie könnte aber langfristig die Betriebskosten senken und die Betriebe entlasten. Voraussetzung hierfür sei jedoch eine entsprechend ausgebaute Energieinfrastruktur, denn insbesondere der Netzanschluss an das öffentliche Stromnetz könne aufgrund begrenzter Netzkapazitäten eine Herausforderung darstellen.
Ob sich das Modell rechnet, wird sich erst nach Abschluss des Projekts 2029 zeigen. Für Knoblauch geht es dabei um mehr als Kilowattstunden: Das Projekt solle „vor allem jungen Betriebsleiterinnen und Betriebsleitern eine echte wirtschaftliche Perspektive“ aufzeigen, sagte er bei der Projektvorstellung im Juni. Für die Zukunft der Landwirtschaft in den Vier- und Marschlanden könnte das am Ende wichtiger sein als jede Gigawattzahl.
