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Berit Müller

Roadmap Systemstabilität: Die unteren Netzebenen früher mitdenken?

Ein Veranstaltungsbericht von Berit Müller

Podiumsdiskussion auf der dena-Konferenz zur Roadmap Systemstabilität mit Christian Schmidt (BMWE), Klaus Müller (Bundesnetzagentur), Kerstin Andreae (BDEW), Heike Kerber (VDE FNN) und Dr. Hendrik Neumann (Amprion).
Podiumsdiskussion im Rahmen der 2. Konferenz der Roadmap Systemstabilität am 15.09.2026 in Berlin [Foto: DGS Berlin]

Auf der 2. Konferenz zur Roadmap Systemstabilität der Deutschen Energie-Agentur (dena) wurde am 15.09.2026 deutlich, wie grundlegend sich die Anforderungen an unser Stromsystem mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien verändern. Wenn konventionelle Kraftwerke und damit große Synchrongeneratoren zunehmend aus dem System verschwinden, müssen wichtige Eigenschaften für einen stabilen Netzbetrieb künftig anderweitig bereitgestellt werden. Netzbildende Wechselrichter, Batteriespeicher und neue Systemdienstleistungen spielen dabei eine wachsende Rolle.

Die 2023 veröffentlichte Roadmap Systemstabilität schafft dafür einen wichtigen gemeinsamen Rahmen. Zahlreiche miteinander verknüpfte Prozesse und Meilensteine sollen dafür sorgen, dass technische Regeln, Marktmechanismen, Regulierung und Forschung rechtzeitig weiterentwickelt werden. Das inzwischen gesetzlich verankerte Systemstabilitätsmonitoring soll regelmäßig zusätzlichen Handlungsbedarf identifizieren. Auf der Konferenz wurde mehrfach betont, wie wichtig die Roadmap auch dafür ist, die zahlreichen beteiligten Akteur:innen auf gemeinsame Prioritäten und Zeitpläne auszurichten.

Netzbildende Eigenschaften werden konkret

Besonders greifbar wird die Transformation bei den netzbildenden Eigenschaften von Wechselrichtern. In einem zunehmend durch Leistungselektronik geprägten Netz reicht es nicht mehr aus, wenn Photovoltaik-, Windenergie- oder Speicheranlagen lediglich einem vorhandenen Netzsignal folgen. Künftig müssen Anlagen auch Eigenschaften übernehmen können, die heute wesentlich durch konventionelle Kraftwerke bereitgestellt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei unter anderem die Momentanreserve. Mit dem Rückgang konventioneller Kraftwerke sinkt deren bisherige Bereitstellung, während gleichzeitig zusätzlicher Bedarf entsteht. Batteriespeicher können hier einen wichtigen Beitrag leisten, wenn sie mit entsprechenden netzbildenden Eigenschaften ausgestattet sind.

Die Roadmap berücksichtigt dabei ausdrücklich auch die Verteilnetze. Das ist wichtig, denn ein Großteil der zukünftigen Erzeugungsleistung sowie zahlreiche Speicher und flexible Verbraucher werden dort angeschlossen sein. In verschiedenen Prozessen geht es deshalb beispielsweise um die Systemstützung durch eine größere Zahl von Netznutzenden oder um netzbildende Eigenschaften im Verteilnetz.

Allerdings lohnt sich ein Blick auf die zeitliche Priorisierung: Für netzbildende Eigenschaften werden zunächst die höheren Spannungsebenen adressiert. Für die Niederspannung reicht der vorgesehene Prozess derzeit bis 2033. Auch in einer Podiumsdiskussion der Konferenz wurde diese Priorisierung sehr deutlich: Seitens eines Verteilnetzbetreibers wurde erklärt, die Netzebenen 6 und 7 – also die Umspannung von der Mittel- zur Niederspannung und das Niederspannungsnetz selbst – würden erst näher betrachtet, wenn nach Berücksichtigung der anderen Netzebenen noch weiterer Bedarf bestehe.

Wie viel Systemstabilität kann aus den unteren Netzebenen kommen?

Hier stellt sich eine interessante Frage: Wenn es darum geht, die für die Systemstabilität notwendigen Leistungen möglichst effizient bereitzustellen, sollte dann nicht frühzeitig untersucht werden, welchen Beitrag auch die unteren Netzebenen leisten können?

Dort befinden sich immer mehr Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und andere steuerbare Anlagen. Ihre Flexibilität kann nicht nur für ein besseres Engpassmanagement und eine effizientere Nutzung vorhandener Netzkapazitäten eingesetzt werden. Forschungs- und Demonstrationsprojekte untersuchen bereits, wie dezentrale Anlagen zusätzlich Systemdienstleistungen und netzbildende Funktionen übernehmen können.

Das zeigte auch die Postersession der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Forschungsprojekte. Vorgestellt wurden unter anderem Arbeiten zur automatisierten Systemführung in Verteilnetzen, zu netzbildenden Erzeugern und Lasten sowie zur Pilotierung netzbildender Stromrichter im Verteilnetz. SUREVIVE untersucht darüber hinaus unter realen Bedingungen, welchen Beitrag netzbildende Wechselrichter und Batteriespeicher zur lokalen und übergeordneten Systemstabilität leisten können.

Systemstabilität und Resilienz zusammendenken

Damit kommt noch eine weitere Dimension hinzu: Resilienz. Auf der Konferenz wurde ausdrücklich gefordert, Systemstabilität und Resilienz gemeinsam zu denken. Forschungs- und Demonstrationsprojekte zeigen bereits Ansätze, wie Teilnetze bei einer großflächigen Störung zeitweise im Inselbetrieb weiterbetrieben oder für den Netzwiederaufbau genutzt werden könnten. Auch in der Podiumsdiskussion wurden inselfähige Teilnetze bei Netzstörungen angesprochen.

Umso interessanter war die Frage, wie die Erkenntnisse dieser Forschungsprojekte Eingang in die Roadmap finden. In Gesprächen mit mehreren Projektvertreter:innen entstand der Eindruck, dass ein systematischer Transfer der aktuellen Forschungsergebnisse in die laufenden Roadmap-Prozesse bislang nicht ausreichend etabliert ist. Gerade hier könnte eine engere Verzahnung einen Mehrwert bieten: Wenn öffentlich geförderte Forschungs- und Demonstrationsprojekte bereits Lösungen für netzbildende Anlagen, Verteilnetze, Inselbetrieb und Netzwiederaufbau erproben, sollten diese Erkenntnisse möglichst unmittelbar in die Weiterentwicklung der Roadmap einfließen.

Die unteren Netzebenen früher in den Fokus rücken

Die Roadmap Systemstabilität hat viele der richtigen Fragen identifiziert und einen wichtigen gemeinsamen Prozess angestoßen. Gerade deshalb lohnt es sich zu prüfen, ob die unteren Netzebenen früher als bislang vorgesehen in den Fokus der Umsetzung rücken sollten. Denn möglicherweise lautet die Frage am Ende gar nicht, ob die Netzebenen 6 und 7 einen relevanten Beitrag zur Systemstabilität und Resilienz leisten können. Die spannendere Frage könnte sein, wie früh wir dieses Potenzial erschließen wollen.