Ein Bericht von Heinz Wraneschitz

Die richtige, nachhaltige Energieauswahl ist ein wichtiger Baustein für eine lebenswerte Zukunft: Klar, dass dies auch bei der 2. Nürnberger Nachhaltigkeitskonferenz am 2. Oktober deutlich wurde. Doch oft unbewusst trägt unser Konsum ebenfalls zur Klimaschädigung bei, genauso wie vielfach zu schlechte Arbeitsbedingungen irgendwo auf der Welt. Dabei ist nachhaltiges Wirtschaften überall möglich – gerade auch im Textilsektor. Notwendig sei dafür vor allem Mut bei Herstellern wie Verbrauchenden: Das wies die Hauptrednerin der Konferenz eindrucksvoll nach.
Wer sich bewusst nachhaltig auf dem Fahrrad bewegt, kennt sie: Die Fahrradtaschen von Vaude. Warum die etwas teurer sind als in Discounter-Prospekten angepriesene Vergleichsgegenstände, hat vor allem einen Grund: „Die werden bei uns am Firmenstandort Tettnang im Allgäu genäht“, stellte Antje von Dewitz gleich zu Beginn ihres Keynote-Vortrags heraus. Der hatte den programmatischen Titel: „Mut zum nachhaltigen Wirtschaften – Die Unternehmensstrategie von Vaude.“
Die Tochter des Firmengründers Albrecht von Dewitz ist seit 2009 Geschäftsführerin des Outdoor-Herstellers. Sie habe „Vaude zu einem durch und durch nachhaltigen Unternehmen transformiert“, ist über die Firmengeschichte „vom Ein-Mann-Unternehmen zu einer der führenden Outdoormarken Europas“ im Internet nachzulesen.
Den Grund für diese Strategie benannte sie auch ganz klar: „Der Planet ist im Notfall. Es ist kein leichter Zustand für den Planeten. Und mit Vaude hat das deshalb zu tun, weil unsere Textilbranche eine Problembranche ist. Der CO2-Ausstoß dafür ist höher als beim Flugverkehr.“
Nachhaltigkeit – vor Ort und in der Welt wichtig
Klar: Für Städte sind die Schadstoffemissionen vor Ort, ist das Kleinklima erst einmal das, worum sich die Lokalpolitik sorgt. „Die Frage nach Grün kann man nicht von der sozialen Frage trennen“, benannte Nasser Ahmed (SPD), seit Mai 2026 der für Bauen zuständige 3. Bürgermeister der Franken-Metropole Nürnberg einen wichtigen Aspekt. „Trotz knapper Kassen dürfen wir nicht zwischen Nachhaltigkeit und Haushalt entscheiden. Denn mehr Nachhaltigkeit hilft dem Haushalt.“
Immer noch beträfen 28 Prozent der CO2-Emissionen Gebäude. Deshalb dürfe man heute nicht mehr fragen: Können wir uns Erneuerbare Energien leisten? „Denn in 40 Jahren wird man im Gegenteil fragen: Können wir uns die Gebäude noch leisten?“ Die Stadt dürfe auch „keinen Platz mehr planen, als gäbe es den Klimawandel nicht“. Wer keinen privaten Pool im Garten habe, „braucht den kühlen Platz, das gute Leben vor der Haustür“, nannte der Politiker als Stadtziel. Und weiter: „Nicht Haushalt und Klima gegeneinander: Beides muss Hand in Hand gehen. Wir setzen uns dafür ein, dass die künftigen Generationen hier gut leben können.“ Wenige Wochen zuvor hatte der Nürnberger Oberbürgermeister Marcus König (CSU) auf der Messe Galabau 2026 öffentlich gefordert: „Klimaschutz ins Grundgesetz“.
Die Textilbranche ist dagegen weltweit aktiv – und oft „für Schadstoffe und Chemikalien verantwortlich, die irgendwo auf dem Planeten ungefiltert in Flüssen landen. Oder für den Wasserverbrauch, allein 10.000 Liter für die Herstellung von Jeans“, nannte Vaude-Chefin von Dewitz eine konkrete Zahl. Und: „Wer erkannt hat, Teil des Problems zu sein, muss die Frage stellen: Wie kann man das lösen?“ Dafür gebe es sowohl am Vaude-Sitz in Baden-Württemberg, wo dort hergestellte Produkte für immerhin acht Prozent des Umsatzes sorgen, als auch bei der weltweiten Produktion genügend Handlungsspielräume.
Kleine Ziele zum Start?
„Nicht nur ein Projekt aufsetzen, sondern systemisch und systematisch vorgehen. Nicht nur große Ziele setzen, sondern auch im Kleinen schauen.“ Dafür benannte Antje von Dewitz den schon lange abgeschafften Papierkatalog oder die Verwendung von Öko-Kaffee in der Firma als Beispiele, die auch andere Unternehmen problemlos umsetzen könnten. Genauso, wie anstelle von zuvor 60 Firmenparkplätzen nun in grüne Mobilität – einige Stellmöglichkeiten für Carsharing und ein überdachter Platz für den Fahrradpool – investiert, der Innenhof begrünt wurde. Erneuerbare Energien nicht zu vergessen.
„Nachhaltigkeit selber erleben, das muss Spaß machen. Nur wenn man selber dran glaubt, funktioniert das auch in den Lieferketten“, vor allem in Asien, wo über 90 Prozent der Vaude-Produktion meist in Handarbeit geschieht. Denn bei Textilien sei Automatisierung kaum machbar, Arbeitskraft hier aber zu teuer. Verbraucher:innen könnten am Siegel „Fairwear“ erkennen, welche Firmen sich neben Vaude dem mutigen Ziel „bis 2040 klimawirkungsfrei produzieren“ angeschlossen haben.
Dabei denke man gerade an die Produktionsfirmen, die oft auch für die Konkurrenz arbeiten: „Gemeinsam mit den Wettbewerbern helfen wir beim Umstieg auf Erneuerbare Energien.“ Ganz wichtig sei auch gewesen, diese Firmen in Asien ganzjährig auszulasten. Aber selbst die (wohl eher in Europa sitzende) Stoffindustrie sei bereit gewesen „bei Recycling und nachhaltigen Materialien Lösungen zu finden“.
Produkte vom Ende her denken
Nicht zuletzt hob Antje von Dewitz heraus: Bei Vaude gelte schon seit 2022, alles ist komplett PFAS-frei. Denn „wir machen immer noch tolle Produkte. Die sind aber vom Ende her gedacht. Alles geht in Richtung Kreislaufwirtschaft.“ Doch einen wichtigen Player neben der Industrie nannte sie auch noch: „Diesen Mut, mitzugehen, brauchen auch die Konsument:innen.“ Denn „deren Macht ist riesig. Leider ist die Stimmung durch die Politik runtergeschraubt worden. Das zermürbt das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Mir fehlt das Bild, das Lust macht auf eine lebenswerte Zukunft. Noch lagert unsere Gesellschaft die Probleme auf die Zukunft aus.“
Und dann hatte von Dewitz noch einen guten Vorschlag an die „große“ Politik parat: „Ein geringerer Mehrwertsteuersatz für Nachhaltiges, dann hätten auch mehr Unternehmen Spaß daran.“
Meine Meinung
Vaude ist ein tolles Beispiel. Und die Steueridee ist keine schlechte. Denn bei Solarstromanlagen hat dies ja deutlich Wirkung gezeigt – warum nicht auch bei Konsumartikeln?
