Ein Gastbeitrag von Louisa Theresa Braun

Die Europäische Union will unabhängiger von Rohstoffimporten werden und setzt dafür auch auf Lithium aus Ostdeutschland. Bis 2030 sollen zehn Prozent des jährlichen Bedarfs an kritischen Rohstoffen durch den Abbau in den EU-Mitgliedstaaten gedeckt werden. Acht von 46 Projekten, die die EU-Kommission dafür als strategisch wichtig eingestuft hat, liegen in Deutschland, darunter zwei Bergbau-Unternehmen zur Lithium-Förderung in Sachsen und Sachsen-Anhalt: Zinnwald Lithium im Erzgebirge und Neptune Energy in der Altmark. Der Status als strategisches Projekt soll Genehmigungsverfahren für die Unternehmen beschleunigen und den Zugang zu Finanzierungen erleichtern.
Lithium ist ein wichtiger Rohstoff für Batterien, Smartphones und Elektroautos. Bisher wird es größtenteils aus Chile, Australien und China importiert, wo die Folgen des Abbaus für die Umwelt enorm sind. Das Metall kommt in der Natur nicht in Reinform vor, sondern gebunden in Mineralien, die sowohl in Gestein als auch in Salzseen, in tiefem Thermal- und Grundwasser enthalten sein können. Im sogenannten Lithium-Dreieck, das Chile, Bolivien und Argentinien umfasst, wird Letzteres in riesige Becken gepumpt, wo es verdunstet, sodass aus den Überresten Lithium gewonnen werden kann. Dabei fallen jedoch auch Flüsse trocken und ganze Regionen verdorren.
Fachtag in Sachsen-Anhalt zum Lithium-Abbau
Auch in der Altmark und im Erzgebirge warnen Umweltverbände und Bürgerinitiativen vor möglichen Umweltschäden durch die geplante Lithiumförderung. Diskutiert wurde dies in der vergangenen Woche auf einem Podium mit Vertreter:innen von Politik und Verbänden im Rahmen des Fachtags Lithium der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. Madeleine Linke von der Grünenfraktion im sachsen-anhaltinischen Landtag berichtet dort, sie habe die Idee im ersten Moment gut gefunden: Eine deutsche Lithium-Förderung „mit hohen Arbeitsschutz- und ökologischen Standards“, die zur regionalen Wertschöpfung beiträgt, an Stelle der Ausbeutung des globalen Südens. Doch ganz so einfach ist es nicht.
Die beiden ostdeutschen Projekte setzen beim Abbau auf unterschiedliche Verfahren. In Zinnwald-Georgenfeld an der Grenze zu Tschechien soll Lithium aus Festgestein gewonnen werden. Auf der tschechischen Seite gibt es dafür ebenfalls ein EU-Projekt mit dem Status als strategisch wichtig. Für das sächsische Projekt war bislang ein jährlicher Abbau von bis zu 1,5 Millionen Tonnen lithiumhaltigen Erzes vorgesehen.
Doch in der Gegend wurden in der Vergangenheit schon viele Landschaften und Gemeinden abgebaggert, um Zinn, Wolfram und Braunkohle abzubauen. Nun hat sich die Natur erholt und ist bei Tourist:innen beliebt – all das könnte durch erneuten Bergbau und damit verbundenen Lärm und Verkehr bedroht werden. Die Menschen vor Ort, die zum Teil vom Tourismus leben, blicken deswegen „mit viel Angst und Skepsis“ auf die Pläne, sagt Mario Nowak vom Grünen-Kreisverband Sächsische Schweiz-Osterzgebirge beim Fachtag Lithium.
Nicht nur Klimaneutralität, sondern auch Biodiversität
In der Altmark will Neptune Energy das Lithium bis zu 4000 Meter unter der Erde aus Thermalwasser in Gesteinsporen gewinnen und mithilfe eines speziellen Adsorptionsverfahrens aus dem Wasser herauslösen. Eine Pilotanlage zur Erforschung des Verfahrens steht in Salzwedel. Eine ähnliche Technik, bei der Lithium als Nebenprodukt von tiefer Geothermie gewonnen werden soll, wird aktuell im baden-württembergischen Bruchsal im Oberrheingraben erprobt.
Doch in der Altmark hat man mit Bohrungen bereits schlechte Erfahrungen gemacht: Bei der Erdgasförderung zu DDR-Zeiten kamen in Salzwedel Quecksilber und radioaktive Stoffe nach oben, weshalb es auch hier Proteste gibt, unter anderem von der Bürgerinitiative (BI) „Saubere Umwelt und Energie Altmark“. Mit Blick auf emissionsfreie E-Autos mit Lithium-Batterien sagt Christfried Lenz von der BI: „Es reicht nicht, CO2 aus der Luft zu holen. Das Verständnis von Energiewende muss sich auch auf Biodiversität ausweiten.“ Den Bergbau-Unternehmen gehe es aber mehr um die eigenen Profite.
Nicht woanders, sondern weniger Lithium abbauen
Und so dreht sich die Diskussion beim Fachtag Lithium weniger um die Frage, ob der Rohstoff besser im globalen Süden oder in Deutschland abgebaut werden sollte, als vielmehr darum, inwiefern auf Lithium und Autos verzichtet werden kann. Denn auch Elektro-Fahrzeuge „verursachen Reifenabrieb und Feinstaub, verbrauchen Platz und sind gefährlich“, erklärt Jens Weber von der Grünen Liga Osterzgebirge. „Die Lösung kann nur sein: weniger von allem.“ Viele Autofahrten seien verzichtbar.
Die Wissenschaftlerin Elisa Thomas weist darauf hin, dass private Pkw im Schnitt 23 Stunden am Tag stehen und in Städten gut durch öffentlichen Nahverkehr oder Carsharing ersetzt werden können. „Der Wohlstand, den wir in Deutschland haben, existiert nicht von allein. Das muss sich widerspiegeln darin, wie Unternehmen wirtschaften, dass sie ihre Sorgfaltspflichten ernst nehmen“, so ihr Appell für eine verantwortungsbewusste und suffiziente Wirtschaft. Linke und Nowak von den Grünen bedauern, dass sie „parlamentarisch gerade nicht so viel machen können“, wie Linke sagt. Im Bund gebe es Geld für den Tankrabatt, aber nicht fürs Deutschland-Ticket. Der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) hat die EU-Einstufung für Zinnwald Lithium ausdrücklich begrüßt. Und in Sachsen-Anhalt ist noch keine neue Regierung gebildet. Linke verspricht, außerparlamentarisch die BI gegen Neptune Energy zu unterstützen. Ob sich das Ziel einer unabhängigen europäischen Rohstoffversorgung mit dem Umwelt- und Gewässerschutz der betroffenen Regionen auf Dauer vereinbaren lässt, muss sich erst noch zeigen.
Louisa Theresa Braun hat Geschichte und Philosophie in Freiburg, Berlin und Paris studiert, eine Journalismusausbildung am Institut für publizistische Ausbildung (ifp) in München und ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung (MOZ) in Frankfurt (Oder) absolviert. Nach einigen Jahren als Redakteurin für Klima und soziale Bewegungen bei der Tageszeitung „nd“ arbeitet sie nun freiberuflich, unter anderem für „nd“, „Siegessäule“ und die DGS/das Sonnenenergie-Magazin.
