Ein Gastbeitrag von Louisa Theresa Braun

Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass in diesem Sommer rund 16.000 Menschen in Deutschland an den Folgen von Hitze gestorben sind. „Bei anderen Themen würde man bei solchen Zahlen ganz anders handeln. Bei diesem ist die Politik aber eher auf dem Rückzug“, sagt Martina Schäfer zum Auftakt der Ringvorlesung „TU Berlin for Future“ der Technischen Universität (TU) am Montagnachmittag. Schäfer ist wissenschaftliche Geschäftsführerin des Zentrums Technik und Gesellschaft an der TU und hält es für dringend notwendig, die Klimakrise und Fragen der Klimagerechtigkeit im öffentlichen Bewusstsein zu halten.
Deswegen veranstaltet die TU in diesem und im folgenden Semester eine Online-Ringvorlesung zum Thema Klimaschutz, die nicht nur Studierenden, sondern allen Interessierten offensteht. Das Programm umfasst natur-, technik- und sozialwissenschaftliche Perspektiven und soll zeigen, welche Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft notwendig sind. Fast 200 Menschen nehmen an der ersten Sitzung teil, in der Leonie Petersen, Referentin für sozial-ökologische Transformation beim Entwicklungshilfeverbund Oxfam in Deutschland, über die Verantwortung von Reichen und Superreichen in der Klimakrise spricht.
Petersen schlüsselt diese Verantwortung nach Weltregionen, Konzernen und Bevölkerungsgruppen auf. Global betrachtet sind laut einer Oxfam-Studie allein die USA für 40 Prozent, die Länder der Europäischen Union für 29 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Nimmt man Unternehmen in den Blick, so haben 2024 lediglich 32 Konzerne mehr als die Hälfte der weltweiten CO2-Emissionen aus der Fossil- und Zementindustrie ausgestoßen. Und damit wird ordentlich Profit gemacht: 2026 konnten die sechs größten Ölkonzerne ihre Gewinne innerhalb eines Quartals verdoppeln – aufgrund des Iran-Krieges und der damit verbundenen Ölkrise. „Und diese Gewinne werden vor allem für Dividendenzahlungen an Aktionäre verwendet“, sagt Petersen.
In 90 Minuten das CO2 eines Menschenlebens ausstoßen
Auch beim Vergleich von Bevölkerungsgruppen ergibt sich ein ungleiches Bild: Die reichsten zehn Prozent der Welt sind für 48, die ärmere Hälfte nur für zehn Prozent der Emissionen verantwortlich. Die reichsten zehn Prozent der Deutschen verursachen fast genauso viel Treibhausgas wie die weniger wohlhabende Hälfte. An dieser Stelle startet Petersen eine Online-Umfrage unter den Hörer:innen: Wie lange brauchen die fünfzig reichsten Milliardär:innen der Welt wohl, um mehr CO2 zu verursachen als ein Mensch im globalen Durchschnitt in seinem ganzen Leben? Die Mehrheit der Teilnehmenden tippt richtig: Es sind gerade mal 90 Minuten.
Villen, Privatjets und Yachten verbrauchen schließlich enorme Mengen an Energie. Allein die Yachten des Unternehmers Klaus-Michael Kühne, der bis zu seinem Tod im August einer der reichsten Deutschen war, verursachten laut einer Oxfam-Studie jährlich 9800 Tonnen CO2. „Andere Deutsche bräuchten dafür 1000 Jahre“, kritisiert Petersen. Außerdem gehen 60 Prozent der Investitionen von Milliardär:innen in klimaschädliche Projekte wie die Öl- und Gaswirtschaft. In Deutschland sind 15 Superreiche aufgrund ihrer Unternehmensanteile für jährlich 33 Millionen Tonnen an CO2-Äquivalenten verantwortlich.
Konzerne und Superreiche profitieren, Arme leiden unter der Klimakrise
Das heißt, reiche Menschen, Länder und Konzerne tragen überproportional zur Klimakrise bei und profitieren davon, verfügen aber im Umkehrschluss auch über die finanziellen Mittel und Ressourcen, um sie zu bewältigen. „Deswegen tragen sie mehr Verantwortung“, schlussfolgert Petersen – vor allem für ärmere Menschen und Regionen, die wenig zur Klimaerhitzung beitragen, den daraus folgenden Katastrophen aber besonders ausgeliefert sind (Exposition), sich sehr viel schlechter davor schützen (Vulnerabilität) und von der Beeinträchtigung ihrer Lebensgrundlage auch langfristig kaum erholen können (Resilienz).
So richten Überschwemmungen und Dürren in wirtschaftlich schwächeren Ländern viel größere Schäden an. Nach der verheerenden Flutkatastrophe, die im August über Nepal und Tibet hereinbrach, forderte der nepalesische Außenminister Shisir Khanal deshalb Entschädigungen von den Industrienationen. Das sei „keine Frage der Wohltätigkeit, sondern der rechtlichen und moralischen Haftung“, zitiert ihn Petersen.
Aber auch innerhalb einer Region zeigen Klimakatastrophen die Unterschiede zwischen Arm und Reich auf: Als Kalifornien Anfang 2025 aufgrund von Waldbränden in Flammen stand, seien gut versicherte Hollywood-Stars und andere Superreiche mit Hubschraubern evakuiert worden, in Hotels untergekommen und hätten ihre Häuser nach den Bränden wieder aufbauen können, während ärmere Menschen in Los Angeles alles verloren, darunter viele ohnehin schon marginalisierte Lateinamerikaner:innen und People of Color.
Oxfam: Planetare Grenzen achten und Reiche besteuern
Für Petersen hängt das mit dem auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftssystem zusammen, das dafür verantwortlich sei, dass inzwischen sieben von neun planetaren Grenzen überschritten seien – darunter fallen zum Beispiel der Klimawandel und der Verlust von Artenvielfalt. Dem stellt Petersen das Modell der Donut-Ökonomie gegenüber, laut dem wirtschaftliches Handeln weder die planetaren Grenzen überschreiten noch die sozialen Bedürfnisse einer Gesellschaft unterschreiten darf.
Zum Schluss stellt sie die Forderungen vor, die Oxfam an die Politik richtet: Neben einer Reduktion der CO2-Emissionen, einem Ausstieg aus fossilen Energien und einem Umbau besonders umweltschädlicher Branchen müsse auch das Wirtschaftssystem transformiert werden. Übergewinne vor allem der Fossil-Industrie, hohe Vermögen und Privatjets sollten besteuert werden und es brauche eine angemessene Klimafinanzierung für wirtschaftlich benachteiligte Länder. „Momentan sehen wir aber leider eher Rückschritte“, sagt Petersen mit Blick auf die Deregulierung des Emissionshandels.
Abschließend sollen die Hörer:innen Begriffe, die ihnen zum Vortrag einfallen, in ein Online-Tool eingeben, die daraufhin in einer „Wortwolke“ erscheinen. Besonders oft taucht das Wort „Ungerechtigkeit“ auf, dicht gefolgt von „tax the rich“ (besteuert die Reichen).
Im weiteren Verlauf des Semesters wird die Ringvorlesung unter anderem die Themen Klimaanpassung, Wohnen, Künstliche Intelligenz, nachhaltige Ernährung und Geldanlagen behandeln. Das vollständige Programm finden Sie hier. Der Termin ist jeweils montags von 16:15 bis 17:45 Uhr. Die Teilnahme ist unter diesem Zoom-Link möglich.
Louisa Theresa Braun hat Geschichte und Philosophie in Freiburg, Berlin und Paris studiert, eine Journalismusausbildung am Institut für publizistische Ausbildung (ifp) in München und ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung (MOZ) in Frankfurt (Oder) absolviert. Nach einigen Jahren als Redakteurin für Klima und soziale Bewegungen bei der Tageszeitung „nd“ arbeitet sie nun freiberuflich, unter anderem für „nd“, „Siegessäule“ und die DGS/das Sonnenenergie-Magazin.
