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Louisa Theresa Braun

Kalte Nahwärme: Genossenschaftlich heizen mit Energie von nebenan

Ein Gastbeitrag von Louisa Theresa Braun

Das Konzept des kalten Nahwärmenetzes für das neue Rathaus in Offenbach an der Queich [Grafik: EnergieSüdwest Projektentwicklung]

Wer die alte Öl- oder Gasheizung loswerden und das eigene Heim mit klimaneutraler Wärme versorgen möchte, denkt vermutlich zuerst an eine Wärmepumpe oder an den Anschluss an ein Fernwärmenetz. Doch beides hat Nachteile und kommt für manche Gebäude gar nicht in Frage. Luft-Wärmepumpen brauchen oft mehr Platz, als in dicht bebauten Wohnsiedlungen zur Verfügung steht. Die Verlegung von Fernwärme-Leitungen lohnt sich dagegen nur, wenn auf engem Raum viele Gebäude angeschlossen werden können, weil auf längeren Strecken zu viel Wärme verloren geht. Abgesehen davon basieren Deutschlands Fernwärmenetze noch zu rund 65 Prozent auf fossilen Energien wie Erdgas.

Doch es gibt eine weitere Alternative, die in der Debatte um die Wärmewende weniger präsent ist: Nahwärmenetze. Wie sie sich von Fernwärme unterscheiden, dafür gibt es laut Julika Weiß vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) „keine einheitliche wissenschaftliche Definition“. Meist werde von Nahwärme gesprochen, wenn sich das Netz nur über ein kleineres Gebiet erstreckt und von einer oder mehreren lokalen, bestenfalls klimaneutralen Wärmequellen gespeist werde, so Weiß. Traditionell handle es sich um kleine Blockheizkraftwerke, es könnten aber auch große Luft- oder Flusswärmepumpen, Abwärme von Industriebetrieben, Geothermie oder Solaranlagen genutzt werden.

Kalte Nahwärmenetze sind technisch am effizientesten

In einem Fernwärmenetz wird Wärme – in Form von heißem Wasser – von wenigen zentralen Kraftwerken aus durch kilometerlange Rohre geleitet. Weil unterwegs so viel Wärme verloren geht, muss das Wasser, um die Zieltemperatur zu halten, erst einmal auf 70 bis 130 Grad erhitzt und unter großem Druck transportiert werden, was viel Energie kostet. Bei der Nahwärme wird noch einmal zwischen warmen und kalten Netzen unterschieden. Erstere funktionieren ähnlich wie Fernwärme, arbeiten aber in der Regel mit geringeren Temperaturen.

Bei einem kalten Nahwärmenetz reicht eine Vorlauftemperatur von fünf bis 25 Grad, also meist nah an der Außentemperatur, weshalb der Netzbetrieb selbst nur wenig Energie benötigt. Jedes angeschlossene Haus braucht jedoch eine dezentrale Wasser-Wärmepumpe, die das Temperaturniveau zum Heizen anhebt. Dieses System kann auch umgekehrt angewendet werden und die Gebäude im Sommer abkühlen.

Selbst wenn die Fernwärmenetze eines Tages dekarbonisiert sein sollten, bleibt der Betrieb also vergleichsweise ineffizient. Eine Vielzahl dezentraler kalter Nahwärmenetze könnte daher, wenn es eine lokale Wärmequelle gibt, eine interessante Alternative zum Fernwärme-Ausbau sein, wie er von vielen großen Energiekonzernen oder kommunalen Versorgungsunternehmen vorangetrieben wird. „Bei Neubauten ist die Technik längst zum Standard geworden“, sagt Ulrich Döbler, Vorsitzender des Berliner Aktionskreises Energie (AkE). Hier werden Nahwärmenetze beispielsweise von Energiedienstleistern oder Wohnungsunternehmen mit den zu versorgenden Gebäuden gemeinsam gebaut und betrieben.

Wärmewende selbst machen – als Genossenschaft

Doch auch für bestehende Quartiere kommt die Errichtung solcher Netze in Frage. So entsteht in Offenbach an der Queich aktuell mit Unterstützung der DGS ein kaltes Nahwärmenetz, das zuerst die kommunalen Gebäude und langfristig alle 6000 Einwohner:innen mit Wärme versorgen soll, betrieben von der kommunalen Queichtal Energie GmbH & Co KG. Verbraucher:innen müssen jedoch nicht mal darauf warten, dass Unternehmen sich kümmern, sondern können es auch selbst tun, organisiert in Nahwärme-Genossenschaften oder -Vereinen.

Bundesweit gibt es laut dem Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) rund 200 genossenschaftlich betriebene Nahwärmenetze, meist in dünn besiedelten Gebieten und kleinen Orten, wo sich der Netzbetrieb für größere, profitorientierte Betreiber nicht rentiert. Wenn die Betreiber:innen jedoch die Verbraucher:innen selbst sind, die in einem kalten Nahwärmenetz langfristig niedrigere Heizkosten haben als mit einem Öl- oder Gaskessel, lohnt sich die Investition viel eher.

Andersherum sind die Hürden besonders hoch für die Bewohner:innen von Bestandsgebäuden in dicht bebauten Ballungsräumen mit einem hohen Anteil an Mieter:innen, da letztere in der Regel gar nicht über die eigene Heizung entscheiden können. Die relevanten Akteur:innen einer Nahwärmenetz-Genossenschaft sind daher Eigentümer:innen und unter diesen müssen genug benachbarte Haushalte mitmachen, um sie in einem Netz verbinden zu können, erklärt Döbler. Wegen dieser Schwierigkeit betreibe von den 18 im AkE vernetzten Nahwärme-Initiativen in Berlin noch keine einzige ein fertiges Netz.

Hohe finanzielle Hürden, viele eingestellte Förderprogramme

Weitere Hürden sind die Suche nach einer passenden Wärmequelle, die Finanzierung einer entsprechenden Machbarkeitsstudie und die Bewerbung um Förderprogramme, wofür die meisten Unterstützer:innen viel Zeit und Geld investieren. Um ihr volles Potenzial zu entfalten, „dürfen weder bestehende noch neu zu gründende Nahwärmegenossenschaften durch hohe Planungskosten und unverhältnismäßige bürokratische Pflichten über Gebühr belastet werden“, so Jonas von Obernitz, Referent für Wärmepolitik der Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften beim DGRV.

Laut Weiß und Döbler fehlen jedoch Beratungsangebote und Anschubfinanzierungen. Förderprogramme würden maximal 40 Prozent der Kosten übernehmen. Außerdem wurden viele von ihnen – zum Beispiel das der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW 432) oder des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) – bereits eingestellt, weil die Gelder ausgeschöpft sind. Hans Biehler, Vorsitzender der DGS-Sektion Rheinland-Pfalz sieht weitere Hemmnisse darin, dass „die beteiligten Gewerke noch nicht ausreichend informiert und ausgebildet sind. Die technischen Vorteile und den langfristigen Nutzen als Standard zu etablieren, erfordert eine gemeinsame Anstrengung der Branche.“

Die  Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften des DGRV fordert von der Politik eine erleichterte Finanzierung und Förderung genossenschaftlicher Wärmeprojekte und weniger bürokratische Anforderungen. Außerdem sollten Genossenschaften aktiv an der Wärmeplanung beteiligt und Neugründungen unterstützt werden. Dann könnten sich Nahwärmenetz-Initiativen als echte Alternative zu Wärmepumpe und Fernwärme etablieren.

Sie sind am Thema der erneuerbaren Wärme interessiert? Schauen Sie beim DGS Fachausschuss Solarthermie – Erneuerbare Wärme (FASTEW) vorbei: