Ein Gastbeitrag von Louisa Theresa Braun

Die Umweltverbände lassen nicht locker. Im Mai ist ein Bündnis internationaler NGOs in Berufung gegangen gegen ein Urteil, durch das Energie aus Biomasse beziehungsweise Holz weiterhin als umwelt- und klimafreundlich deklariert werden kann. So steht es in der EU-Taxonomie, die festlegt, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten offiziell als ökologisch nachhaltig gelten. Dieses zentrale Instrument der europäischen Klimapolitik soll Investitionen in grüne Wirtschaftsbereiche lenken, um Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen. Sie setzt den Maßstab für Unternehmen wie für staatliche Subventionen.
Die Verbrennung von Holzpellets oder organischen Abfällen gilt als klimaneutral, weil dabei nur so viel CO2 freigesetzt wird, wie die Bäume oder anderen Pflanzen zuvor aus der Atmosphäre aufgenommen haben und das durch nachwachsende Wälder erneut aufgenommen werden kann. Aufgrund dieser Klassifizierung setzen zahlreiche europäische Energieversorger bei der Dekarbonisierung auf Holzverbrennung. So zum Beispiel der schwedische Konzern Vattenfall oder die Berliner Energie und Wärme GmbH.
Offener Brief: Biomasse ist keine erneuerbare Energie
Umweltverbände kritisieren diese Entscheidung seit Jahren als Greenwashing, da Bäume viele Jahrzehnte brauchen, um so viel CO2 aufzunehmen, wie bei der Verbrennung auf einen Schlag freigesetzt wird. So schnell kann kein abgeholzter Wald aufgeforstet werden. Das heißt, Holzenergie zerstört wertvolle Kohlenstoffspeicher und Ökosysteme.
In einem offenen Brief an die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kritisieren zahlreiche internationale Klima- und Umweltorganisationen, dass seit 2015 über 180 Milliarden Euro an öffentlichen Geldern in Bioenergie geflossen sind, was die Wettbewerbsfähigkeit anderer holzverarbeitender Industrien beeinträchtige, und dass sich die CO2-Emissionen der Holzverbrennung verdoppelt hätten.
Inzwischen werde ein Drittel der europäischen Holzernte direkt verbrannt, steht dementsprechend nicht mehr für langlebigere Anwendungen wie die Möbelherstellung zur Verfügung und kann trotzdem nur 7,5 Prozent des EU-Energiebedarfs decken. Der Brief fordert, Biomasse aus der Liste der erneuerbaren Energien zu streichen und stattdessen effizientere Energiequellen wie Solar, Windkraft und Wärmepumpen zu fördern.
Klage abgewiesen: Hohe Beweislast für Umweltverbände
Schon 2022 reichte ein Bündnis von sieben NGOs aus verschiedenen Ländern, darunter die deutsche Naturschutzorganisation Robin Wood, eine Klage gegen die Kriterien für Forstwirtschaft und Bioenergie der EU-Kommission beim Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) ein. „Es besteht die Gefahr, dass auch Deutschland in das Big Business der industriellen Holzverbrennung einsteigt – mit fatalen Folgen für Klimaschutz und Artenvielfalt“, begründete Robin-Wood-Waldreferentin Jana Ballenthien diesen Schritt.
Das Gericht wies die Klage im März dieses Jahres ab. „Nachhaltig“ müsse nicht bedeuten, dass Klima- und Umweltschutz aktiv verbessert werden. Es reiche, wenn keine „erheblichen Schäden“ angerichtet würden, so die Argumentation. Die Taxonomie-Verordnung verpflichte die Kommission nicht dazu, jede wirtschaftliche Tätigkeit zu verbieten, die Auswirkungen auf Kohlenstoffsenken haben kann. Die Gegenargumente der klagenden NGOs hält das Gericht für lückenhaft. Sie hätten keine eindeutigen Beweise dafür vorgelegt, welche Wirtschaftstätigkeiten erhebliche Treibhausgasemissionen verursachen.
Die Umweltverbände dagegen werfen dem Gericht vor, die wissenschaftliche Nachweise über die Umweltschäden durch Biomasseverbrennung, genau wie die Kommission, nicht berücksichtigt zu haben. Nun sind sie in Berufung gegangen: Der Rechtskampf um Klima- und Waldschutz in Europa geht in die nächste Runde. Dabei geht es nicht nur um die Glaubwürdigkeit der europäischen Nachhaltigkeitspolitik: Eine ernsthafte Energiewende muss fossile Energien ersetzen und gleichzeitig natürliche Kohlenstoffspeicher und Ökosysteme schützen.
Louisa Theresa Braun hat Geschichte und Philosophie in Freiburg, Berlin und Paris studiert, eine Journalismusausbildung am Institut für publizistische Ausbildung (ifp) in München und ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung (MOZ) in Frankfurt (Oder) absolviert. Nach einigen Jahren als Redakteurin für Klima und soziale Bewegungen bei der Tageszeitung „nd“ arbeitet sie nun freiberuflich, unter anderem für „nd“, „Siegessäule“ und die DGS/das Sonnenenergie-Magazin.
