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Torsten Lütten

„Es reicht!“: Träumst du noch oder bist du schon Solar Punk?

Eine Kolumne von DGS-Vizepräsident Torsten Lütten

Torsten Lütten, Vizepräsident der DGS, Autor der monatlichen Kolumne „Es reicht!“
Die monatliche Kolumne von DGS-Vizepräsident Torsten Lütten [Foto: Jörg Sutter]

Alles bewahrheitet sich wie vorhergesagt, nur schneller: Erderhitzung, Artensterben, Krieg, Rechtsruck. Mark Benecke und ich hätten uns gern getäuscht, aber Wachstumswahn und fossile Politik sind recht simpel vorherzusagen. Jetzt sehen alle: Die Party ist vorbei.

Trotz finsterer Fakten träumen die einen noch beharrlich davon, dass alles schon nicht so schlimm werden wird (da kann ich dann auch nicht mehr helfen). Währenddessen erträumen die anderen, wie die bessere Welt, in der wir morgen leben wollen, aussehen, riechen, schmecken, sich anfühlen und klingen kann. Diese visionären Menschen arbeiten zum Teil schon seit langer Zeit hochmotiviert an genau dieser lebens- und liebenswerten Zukunft.

Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten

Es bewahrheitet und beschleunigt sich auch Gutes: Ausgehend von einer anfangs sehr kleinen Basis wachsen Photovoltaik, Elektromobilität, Batteriespeicher und Balkonsolar mittlerweile exponentiell schnell. Und diese Leute, die nicht beharren, sondern positive Kipppunkte auslösen wollen, sollten viel mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Natürlich kann auch „grünes“ Wachstum nicht ewig wachsen. Und natürlich sehen wir das mit allen Mitteln ausgetragene brutale Rückzugsgefecht der fossilen Industrien. Aber ein Blick auf Investitionstrends (Batterien!), und erst recht ein Blick außer Landes, zeigt, dass die postfossile Zukunft längst begonnen hat.

Im Grunde hatten wir die Energiewende schon 2008 gewonnen, als das exponentielle Wachstum der Photovoltaik weltweit den Point of no Return überschritt. Siegesgewiss wurde am 4. Dezember in San Francisco die erste TECAF-Konferenz abgehalten: „Traditional Energy Companies Are F***ed“. Heute sehen wir: Die fossile Wirtschaft fällt rasend schnell in sich zusammen.

Denn neben den technischen und ökonomischen sind auch die sozialen Vorteile der Erneuerbaren unübersehbar. Ängste vor Preisschocks und Abhängigkeiten lassen demokratische Konzepte wie (Energy) Sharing Economy, Energiegenossenschaften, Bürger:innenräte, solidarische Landwirtschaft und Gemeinwohlökonomie sehr interessant werden. Eigener Strom vom Balkon, ein nachbarschaftliches Fahrradkino, ein schöner Küchengarten, inspirierende Architektur, gemeinsames Wohnen oder ein Dörpsmobil bringen Spaß und Lebensqualität. Freund:innen gewinnen und gemeinsam schaffen, was vorher nicht da war. Ganz ohne auf jemanden zu warten. Das ist Selbstwirksamkeit: Wir können uns selbst versorgen. Wir müssen keine Angst haben, Mut wird belohnt!

Dieses Erleben ist nicht neu. Ebenfalls im Jahr 2008 haben Künstler:innen und Schriftsteller:innen ein neues Genre geschaffen. Aus Sehnsucht erzeugenden Texten und Bildern wurde der Solar Punk geboren: Eine rebellische Bewegung, die sich mit Fantasie, Optimismut und Tatkraft gegen die fossile Ordnung und für eine bessere Welt einsetzt.

Optimismus ist gerechtfertigt – Sehnsucht zieht uns nach vorn

Visionäre Bilder einer erwünschten Welt gab es bereits in der Friedens-, Öko- oder frühen Solarbewegung. Doch weit vermittelbare Bilder und gute Geschichten, die unser Herz berühren, gab es kaum. Solar Punk bietet das. Er weckt visuell und mit (oft englischen) Beschreibungen Sehnsüchte nach einer lebenswerteren Welt. Deshalb ist Solar Punk postfossil, progressiv und so stark positiv motivierend. Die Menschen wollen, dass endlich etwas passiert. Solar Punk lädt dazu ein. Hemdsärmelig, lösungsorientiert, fehlertolerant und städtebaulich optimistisch. Er weigert sich, die Zukunft als Dystopie, als Dauerkrise und Untergang zu sehen, sondern begreift freundliche Zukünfte als Auftrag.

Solar-Punk-Vision einer begrünten Stadt mit Solaranlagen auf Dächern und Fassaden, Gärten und Menschen im Freien
So könnte eine Solar-Punk-Vision aussehen [Grafik: Volt Report / medium.com/verdant-circuit/solar-punk-lifestyle-what-it-really-takes-to-live-the-solarpunk-dream-1b23a4de4408]

Natürlich kann Solar Punk als Begriff missbraucht werden. Er kann ein sinnentleertes Vehikel werden für Greenwashing und Hopium, also für falsche Hoffnungen, so wie damals auch die systemkritische Idee von Punk Musik und Mode ausgehöhlt und vermarktet wurde. Das sollte unbedingt vermieden werden. Wir müssen unsere Werte und Aussichten auf gesunde Lebensgrundlagen, Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit verteidigen. Wir brauchen gute Geschichten und integre Menschen.

Zu hoffen, dass eine Regierung aus der diskursiven Dunkelflaute heraus „bald verfügbare“ (ich kann’s mir nicht verkneifen:) „Technogien“ ermöglicht, ist wenig Erfolg versprechend. Wenn wir gesunde Luft, sauberes Wasser, sichere Straßen und giftfreies Essen wollen, dann machen wir das vor Ort schneller selbst. Ja, der Zusammenbruch der von uns überlasteten Erdsysteme kommt. Aber noch können wir wählen zwischen einem chaotischen Kollaps by Disaster (wenn wir uns weiter vornehm zurückhalten und hoffen, dass jemand anderes uns retten wird) und einem kontrollierten Kollaps by Design (wenn wir unsere Zurückhaltung aufgeben und selbst schnell positive Fakten schaffen). Ich bin für Letzteres.

Die Erde schreibt es mit brennender Schrift in den Himmel: Es reicht!

Die gute Nachricht: Entgegen der Meinung der „Jetzt-lasst-uns-mal-die-Emotionen-rausnehmen“-Fraktion löst das Ansehen der Fakten keine „Panik“ mit „automatischem“ Aufgeben, sondern einfach nur Angst aus. Und Angst ist ein ganz hervorragender Antrieb! Sie warnt vor Gefahren und mobilisiert Überlebenswillen. Sobald wir also aufhören Ängste zu unterdrücken und von Rettung durch andere zu träumen, können wir anfangen selbst zu kämpfen.

Solar Punk hilft uns dabei mit seinem offenen Ansatz. Denn eines ist klar: Uns selbst zu verbieten, über Kapitalismus und Kollaps zu sprechen, weil wir Angst haben, kritisiert zu werden oder uns Besseres ausdenken zu müssen, hilft nicht. Wir haben keine Zeit mehr. Wir müssen vom Zuschauer zum Mitspieler werden.

Die nächsten Jahrhunderte werden wir unter zu heißen Bedingungen überleben müssen. Der mittlerweile unvermeidliche Zusammenbruch der heutigen Weltbevölkerung wird atemberaubend sein, milde gesagt. In viel kleineren, resilienten Gemeinschaften werden wir versuchen, die selbst heraufbeschworene Periode einer für Säugetiere wie uns zu heißen Welt zu überleben.

Die „Lösung“ der heutigen Machthaber ist so etwas wie „Mad Max“ – jeder gegen jeden, gewalttätiger Kampf um den letzten Tropfen Benzin. Solar Punk dagegen entwirft ein ganzheitliches Zusammenleben, friedlich, zum Wohle einer stabilen Zukunft einer neuen Gemeinschaft. Und sobald große Mengen Treibhausgase aus der Atmosphäre geholt worden sind und es wieder kühler wird, kann sich eine neue Gesellschaft wieder global entwickeln. Hoffentlich klüger als die erste.

Dafür braucht es eine Idee von Zukunft, die offen ist für friedliches Zusammenleben und naturnahes Wirtschaften. Es braucht den Mut, die Häme und Verachtung der Weltuntergangsgewinnler zu ignorieren, sich stattdessen auf die eigene Agenda zu konzentrieren und endlich loszulassen, was uns von Liebe, Zufriedenheit und Glück im Genug trennt: unsere fantasielose Angst.

Werden wir also unserem Namen Homo sapiens gerecht. Lassen wir die Klugen und Mutigen, die Neugierigen und Visionären, sprich: die Solar Punks in uns von der Leine. Dann gibt’s auch morgen noch Partys.

Schreib mir, wie es dir mit der Lage der Welt geht. Wie fühlst du dich? Was wünschst du dir von der DGS, die seit 1975 die Nutzung der Sonnenenergie vorantreibt? Was soll sie jetzt und morgen tun? Ich lese alle Kommentare.

Porträtfoto von Torsten Lütten, Vizepräsident der DGS, lächelnd, mit grauem Vollbart und Brille, in einem blauen gemusterten Hemd, vor einem grünen Naturhintergrund.

Über den Autor:
Torsten Lütten ist Mitglied des Präsidiums des ersten Solarverbands Deutschlands, der DGS. Er findet, dass die Aufgabe „Wir müssen aufhören, Kohlenstoff anzuzünden“ klar und einfach ist.

Er sieht Dinge ganzheitlich und mutet Leser:innen viele Informationen zu. Er vertritt hier seine persönliche Meinung und Sichtweise, die nicht automatisch die der DGS ist. Torsten Lütten schreibt ohne den Einsatz von KI und ist erreichbar unter luetten@dgs.de sowie auf Bluesky und LinkedIn.