Eine Kolumne von DGS-Vizepräsident Torsten Lütten

Vom kühlen Schleswig-Holstein blicke ich über die Steckersolaranlage im naturnahen Garten Richtung Berlin: Hat das Kanzleramt eigentlich eine Klimaanlage? Oder ist es darin zu heiß, um mit kühlem Kopf die wichtigen Entscheidungen zu treffen? Was ist mit dem feierlichen Versprechen, Schaden von uns zu wenden? Warum sieht das Regierungswirken nach Unfähigkeit, Selbstüberschätzung, Desinteresse, Lügen und Korruption aus?
Um ein bisschen Schaden geht es ja nicht. Hitzewellen, Mega-Brände, Dürren, Extremniederschläge, leere Flüsse, heiße Meere, Massenfischsterben, Ernteausfälle, Lieferkettenbrüche, Produktivitätsrückgang trotz Millionen Überstunden, hohe Krankenstände, Depression als Volkskrankheit, Tausende von Hitzetoten, Insektensterben, Todeszonen in der Ostsee, Inflation, Rezession – man kommt kaum noch hinterher. Und die 1,5°C mehr in der Luft haben noch nicht einmal ihre volle Wirkung entfaltet, weil die Ozeane sich langsamer erwärmen. Es wird noch richtig übel werden mit Hunger, Massenmigration, mehr Kriegen. 2026 werden wir als gechillt in Erinnerung behalten.
Fachkräftemangel in Regierung und Medien
Meine Trauer über die zerstörte Natur und meine Wut über das Schulterzucken unserer „politischen Elite“ angesichts sich auftürmender Probleme – allesamt menschgemacht und also vermeidbar – spüre ich jeden Tag.
Denn statt ehrlicher Problemdiskussion und lösungsorientierter Politik erlebe ich die selbstverliebte Zelebrierung eines völlig aus der Zeit gefallenen paternalistischen Führungsstils vermeintlicher „Wirtschaftskompetenz“. Und ich sehe: Der Kaiser ist splitterfasernackt, intellektuell und emotional völlig blank, und sein rochierender Hofstaat und seine möglichen Nachrücker sind es ebenso.
Diese Realitäts- und Arbeitsverweigerung, der ich mich ohnmächtig ausgesetzt fühle, ist zum Verrücktwerden! Vor allem: Der Godzilla-El-Niño ist noch nicht einmal voll entwickelt, die Climate Sensitivity (siehe PDF vom Juli 2026) ist unterschätzt, und der Trend der sich weiter beschleunigenden Erhitzung in Deutschland geht weiter, ob ein Regierungsmitglied an wissenschaftliche Fakten „glaubt“ oder nicht.
Vor was hat eine Bundesregierung denn Angst, wenn eine immer größere Mehrheit für mehr Klimaschutz ist, wenn auch noch zu höflich und zu leise? Nun, das hat auch mit Ignoranz zu tun, und zwar mit pluralistischer: Politiker unterschätzen systematisch die Bereitschaft der Bevölkerung zu harten Klimaschutzmaßnahmen.
In vielen Medien sieht es nicht besser aus. Leider wird das „Wetter“ nicht so anmoderiert: „Diese lebensverkürzenden Feinstaubwerte durch Waldbrände und inflationstreibenden Pegelstände in unseren Flüssen werden Ihnen präsentiert von – Chevron!“ (Chevron fuhr allein von April bis Juni 2026 Netto-Gewinne (!) von 1.500 US-Dollar ein, pro Sekunde! Und dabei war Chevron bei der Liste der 10 größten Carbon Majors 2024 noch gar nicht dabei.).
Gut gelaunte Moderator:innen präsentieren das „schöne Wetter“ mit Bildern von einem Freibad – geöffnet, trotz Personalmangel, Sanierungsstau und Dürre. Oder sie wittern gleich die Politisierung des Wetterberichts. Normalitätssimulation als Beruhigungspille, Desinformation als Aufstandsbekämpfung. Die Gasverkäufer der AfD und ihre Sponsoren rubeln, äh, jubeln.
Zur Verteidigung von Markus Lanz muss ich einräumen, dass er groß verbreitet hat, dass Australien Haushalten täglich 3 Stunden kostenlosen Solarstrom anbietet, weil sich die Abrechnung nicht lohne und nicht sinnlos abgeregelt werden soll wie in Deutschland. Moment, ach nee, hat Lanz gar nicht. Hat niemand groß verbreitet.
Um mich herum erlebe ich Nachrichtenabstinenz, Frustration, ein Gefühl des Überwältigt-, Erschöpft- und Alleingelassenseins , die Trauer über das unumkehrbar Verlorene, Hoffnungslosigkeit und Zukunftsangst. Dass die Bundesregierung der 12.000 Hitzetoten nicht gedenkt, bevor das Kabinett endlich das Richtige tut, passt ins Bild. Immerhin entspricht die Opferzahl drei gesunkenen Kreuzfahrtschiffen oder hundertzwanzig Flugzeugabstürzen – nur für Deutschland, in einem Monat. Hoffnungsvolle, mutmachende und begründete Visionen von einer gesunden Welt für alle sind Mangelware.
Wir sind alle noch nicht annähernd wütend und selbstbewusst genug
Ich bin immer wieder fassungslos, wütend und deprimiert, wie scheinbar ungerührt die Stimmung der Leute im Lande angesichts der offensichtlichen Katastrophen ist. Aber ich habe mich durch die Wut und Depression hindurchgearbeitet. Ich habe akzeptiert, dass meine Wirksamkeit begrenzt ist. Dahinter kam die Entschlossenheit, bei mir zu bleiben, meinen Werten zu folgen, statt mich an der tödlichen Agenda der Fossil Fools abzuarbeiten. Das, was ich tun kann, tue ich. Mit anderen gemeinsam. Und mit viel Zuversicht.
Wir bezahlen mit unseren Steuergeldern Universitäten, Forschungsinstitute, weltweit angesehene Wissenschaft, Forschung und Entwicklung. Und dann hören wir nicht auf das, was die von uns bezahlten Expert:innen im Einklang mit der weltweiten Science Community herausfinden und uns verzweifelt zu sagen versuchen? Wie bekloppt ist das denn?
Wer Fakten nicht (an)erkennt, hat in öffentlichen Ämtern nichts zu suchen!
Das Gebäudemodernisierungsgesetz gilt schon ab Tag Eins als verfassungswidrig. Ich habe im Podcast „Wärme aus Sonnenenergie“ gesagt, dass ich das Gesetz nicht in Kraft treten sehe. Gleichwohl ist der volkswirtschaftliche und Umwelt-Schaden allein durch die von der bloßen Ankündigung verursachte Verunsicherung und die bevorstehende rechtliche Verzögerung längst angerichtet.
Doch bevor Reiche uns Trübsal blasen lässt bzw. blasen lassen und wir in einsame Solastalgie verfallen, diese besondere Traurigkeit über die Zerstörung und den Verlust der Welt, die nicht mehr ist, leben wir lieber unsere gemeinsame demokratische Solardarität.
Schluss mit dem Schulterzucken über Hitze- und Verkehrstote! Raus aus den Verträgen mit fossilen Produzenten, Strom- und Wärmeversorgern und Netzbetreibern, die sich dumm und dusselig verdienen.
Rein in Energiegenossenschaften, Mieterstrom-Initiativen und Balkonsolar-Selbsthilfegruppen. Rein in die DGS, um in Solarschulen Technik und Tipps zu lernen, sich zu vernetzen und gemeinsam vor Ort aktiv zu werden. Schützen wir uns selbst mit der (nicht nur) solaren Energiewende von unten! Leben wir solardarisch!
Wir sind mehr – und wir haben viel mehr Kraft als wir selber glauben
Immerhin entstanden in den letzten zwölf Monaten in Deutschland 2.162 PV-Anlagen und 1.556 Batteriespeicher jeder Größe, pro Tag! Und da sind die immer noch völlig unterschätzten Millionen von Solarthermie-Anlagen noch gar nicht dabei.
Schauen wir auf das, was in China, Pakistan oder der Ukraine passiert und was wir bei uns gegen gewaltige Widerstände schon geschafft haben. Sprechen wir darüber, protestieren wir, fordern wir den Personal- und Kurswechsel. Schließen wir uns zusammen für noch mehr Erfolge. Wir sind die Mehrheit!
Auch gegen die reichsten und größten Gegner können wir uns durchsetzen, wie wir es schon oft getan haben. Wir sind nicht ein David, wir sind viele. Gemeinsam gewinnen wir, wenn auch unter massiven Verlusten von Menschenleben, Flora und Fauna.
Stellen wir die Welt gemeinsam wieder auf die Füße! Denn die fossile Wirtschaftsform „isch over“. Aber so was von!
Schreiben Sie mir, wie Sie mit der Weltlage und der (energie)politischen Situation in Deutschland umgehen. Wie geht es Ihnen, wie fühlt sich das alles an? Was treibt Sie an, sich jeden Tag für eine bessere Welt einzusetzen? Und wenn die DGS seit 1975 Vorreiterin für die Nutzung der Sonnenenergie war, was kann dann heute und morgen ihre Vorreiterrolle sein? Ich lese alle Kommentare.

Über den Autor:
Torsten Lütten ist Mitglied des Präsidiums des ersten Solarverbands Deutschlands, der DGS. Nach dreißig Jahren auf und ab im Solar Coaster nennen ihn manche in der DGS meinungsstabil, andere stur. Er vertritt hier seine persönliche Meinung und Sichtweise, die nicht automatisch die der DGS ist. Er ist erreichbar unter luetten@dgs.de, sowie auf Bluesky und LinkedIn.
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