Eine Kolumne von DGS-Vizepräsident Torsten Lütten

Ist die Kritik an Kanzler und Regierung nach der langen Sommerpause und der Wahl in Sachsen-Anhalt nicht überzogen? Immerhin hat Jens Spahn für 3,2 Milliarden Euro Aschenbecher bestellt, um Waldbrände zu verhindern.
Hat er nicht. Aber es sagt viel, wenn so ein Unsinn uns genauso möglich scheint wie eine Debatte über Reaktivierung von Kohlekraftwerken. Ach so, die gibt’s wirklich.
Das neue Egal
Es gab Kritik, weil 14.500 Menschen, soviel wie z.B. in Leuna leben,„mit oder an“ der Hitze gestorben sind. Eine Kommentatorin sprach von unterlassener Hilfeleistung. Die Menschen sahen: Die Regierung zuckt mit den Schultern – egal. Hunderttausende schwer und Millionen leichter Beeinträchtigte, plus ca. 40 Milliarden Euro Wirtschaftsschäden – egal. Bürgernähe, „Wirtschaftskompetenz“ und Wohlstandsversprechen entlarven sich als heiße Luft. Immer mehr enttäuschte Wähler:innen wollen eine „Alternative“.
Berufspolitiker in klimatisierten Büros finden von Harald Lesch präsentierte Fakten lästig, fühlen sich nicht als Diener des Volkes, jammern über Majestätsbeleidigung. Die wirklich Verantwortung übernehmende Zivilgesellschaft wird mit kleinen Anfragen eingeschüchtert und behindert.
Luisa Neubauer hat recht: Der Klimabewegung „Schwäche“ vorzuwerfen, dass gute Politik nicht mehrheitsfähig sei, ist infam. Immerhin haben Energie-Expert:innen, Wissenschaftler:innen und verzweifelte Aktivist:innen die Katastrophen, inklusive Hungerkriege, vorhergesagt.
WE F****** TOLD YOU SO!
Klar, Fakten und Gefühle wie Trauer um Gestorbene, Unsicherheit und Zukunftsangst, kann man belächeln. Massive Beeinflussung der Bevölkerung durch Lügen und antidemokratische Hetze in kaum kontrollierten sozialen Medien kann man egal finden. Aber wie lange will eine Regierung Vorhersagen aus Natur- und Sozialwissenschaft ignorieren, Warnungen und Proteste überhören, Tatsachen als Meinung abtun, Einsichten und Lösungen verweigern, Parteien über Menschen stellen, arrogant und schlecht beraten bleiben?
In „Deutschland 2033“ wird beschrieben, wie die politische „Mitte“ damit gescheitert ist, die Gefühle großer Bevölkerungsteile zu ignorieren. Als Ergebnis des erwiesenermaßen falschen Konzepts, die „AfD zu halbieren“, wählen – oh, welche Überraschung! – 567.073 Enttäuschte eine gesichert rechtsextreme Partei. Und die will saubere Luft und Arbeitsplätze durch erneuerbare Energien rückabwickeln („niederreißen“) und verhindern.
Anerkennen der Lage und eine aufrichtige Entschuldigung seitens der Politik wären mal ein Anfang, um endlich unabhängige Lösungen wie billige Solarenergie und massenhaft Batteriespeicher in Deutschland zu entfesseln statt auszubremsen.
Ich bin stinksauer – und baue mit vielen anderen selber eine bessere Welt
Ein Hamburger hat Anzeige gegen Friedrich Merz erstattet. Bravo! Aber Anzeigen gegen den Urlaub genießende Männer senken keine Emissionen. Das Rausreißen von Gasherd und Ölheizung tut es.
In der Schweiz packen Frauen an: Die Asphaltknackerinnnen helfen Politik und Verwaltung auf die Sprünge und brechen in Nachbarschaftshilfe Versiegelungen auf, damit Hitzeinseln nicht zu tödlichen Fallen werden.
Auch in Deutschland gibt es eine private Koalition der Willigen, eine fakten- und ergebnisorientierte und deshalb sehr erfolgreiche solare Bewegung mit Millionen Anlagen. In Solarschulen und lokalen Gruppen helfen sich Menschen gegenseitig, um vor Ort Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Sie tun das oft ehrenamtlich und im Grunde gegen die eigene Regierung, die ihre Arbeit massiv erschwert statt sie zum Wohle aller zu unterstützen.
Es gibt kein „neues Normal“, an das wir uns „anpassen“ können
Die Lage ist kritisch und die Bevölkerung wird nicht ansatzweise vorbereitet auf das, was kommt. Wir bräuchten Politiker:innen, die Gesetze schaffen für radikalen Heimatschutz. Aber ich sehe in der Regierung niemand, der auf Wissenschaft, Bürgermeister, und eine extrem besorgte und zu Energiewende und Klimaschutz bereite Mehrheit hört. Es wird abgewartet und taktiert – mehr desgleichen. Meine Hoffnungen auf diese und vor allem die nächste Regierung gehen gegen Null. Höchstens.
Wir werden in eine Katastrophe gerissen mit Versprechen von weiter so, niedlichen Mini-Reaktoren, Kernfusion und Künstlicher Intelligenz. Dumm nur, dass Phantasterei nichts nützt und KI uns die bisher erreichte Energiewende und den Grundwasserschutz komplett zerschlägt. Die Regierung ist nicht radikal, geht nicht an die Ursachen des Problems. Sie weigert sich einzusehen, dass es eine entschlossene Umkehr braucht. Das ist keine unterlassene Hilfeleistung. Das ist Realitätsverlust, Überforderung, und letztlich Ökozid.
Wer die ungeschönten Fakten gesehen hat, kann in Todesangst erstarren oder weit weg fliehen wollen. Das oder das politisch bevorzugte Verdrängen mit Hopium löst das Problem aber nicht. Wo Fliehen, Verstecken oder auf-magische Rettung-Hoffen keine Lösung sind, bleibt nur eine Option: Kämpfen.
Wir müssen den fossilen Angriff abwehren und uns aus tödlicher Abhängigkeit befreien. Wir können nicht länger um Hilfe betteln, warten, und noch mehr Tote hinnehmen. Aber wir können in der wenigen uns verbleibenden Zeit selbst tätig werden. Und tatsächlich: In Familien, Genossenschaften und Gemeinden wächst der Kampfgeist.
Wir lernen wie Anlagen funktionieren, geplant und gebaut werden. Wir verstehen, wie Strom und Wärme in Mietshäusern fair geteilt wird. Wir bauen Ladestationen für E-Fahrzeuge, Strom- und Wärmespeicher gleich mit. Wir begreifen, Energiewende ist Handarbeit – und macht Spaß!
Unsere sinnlos gestorbenen Großmütter, Nachbarn, Kinder sind uns nicht egal. Uns ist nicht egal wie viele Menschen in einer weiter sinnlos erhitzten Welt frühzeitig sterben werden. Uns ist die Demokratie nicht egal. Wir verwandeln unser Entsetzen, unsere Trauer und unsere Wut in Taten. Solardarisch bauen wir eine bessere Welt. So gewinnen wir Freiheit, Achtung und Hoffnung zurück. Wir versorgen uns unabhängig, schnell und billig selbst. Weil wir es können!
Schreib mir, wie du mit der Weltlage und der (energie)politischen Situation in Deutschland umgehst. Wie fühlst du dich damit? Was treibt dich an, jeden Tag für eine bessere Welt aufzustehen? Und wenn die DGS seit 1975 Vorreiterin für die Nutzung der Sonnenenergie war, was kann dann heute und morgen ihre Vorreiterrolle sein? Ich lese alle Kommentare.

Über den Autor:
Torsten Lütten ist Mitglied des Präsidiums des ersten Solarverbands Deutschlands, der DGS. Nach dreißig Jahren Solar Coaster drängt er darauf, dass Energiewende, saubere Luft, gesundes Essen, Bildung, Demokratie, Enkelfreundlichkeit, Gerechtigkeit und Resilienz zusammen gedacht werden. Das schnelle Ende der fossilen Wirtschaft und Wachstumsideologie hält er für unumgänglich. Er sieht Dinge im Zusammenhang und traut Leser:innen sehr viel Informationen zu. Er vertritt hier seine persönliche Meinung und Sichtweise, die nicht automatisch die der DGS ist. Er ist erreichbar unter luetten@dgs.de, sowie auf Bluesky und LinkedIn.
