Eine Reportage von Heinz Wraneschitz

Wer am vergangenen Vor-Wochenende zufällig den Energiepark im oberfränkischen Hirschaid bei Bamberg betrat, dürfte sich die Augen gerieben haben: Lauter fröhliche Menschen, die sich begeistert über Erneuerbare Energien und ihre Umsetzung in Deutschland unterhielten. Und das trotz der momentan öffentlich eher schlechten Nachrichten, wenn es um die Energiewende geht: Eine Bundes-Wirtschaftsministerin, die Gaskraftwerken das Wort redet; die sogar die bisher gesetzlich garantierte Einspeisung von Ökostrom in die öffentlichen Netze in Frage stellt; die sich offensichtlich an den Bedürfnissen von Fossilkonzernen orientiert: Das und Ähnliches dominiert die Energie-Schlagzeilen der Massenmedien.

Doch hier in Hirschaid sind Hunderte Macher:innen der Energiewende „live“ vor Ort. Sie alle sind „Menschen, die auch dann weitermachen, wenn der politische Wind dreht“: So sind sie in der Einladung zum „Bürgerenergie-Konvent 2026“ beschrieben. Und davon gibt es offensichtlich noch jede Menge: „Über 500.000 EnergiebürgerInnen, die sich für die dezentrale Energiewende in Bürgerhand einsetzen“ vertritt nach eigenen Angaben das Bündnis Bürgerenergie (BBEn) e.V., der Veranstalter des Konvents. Diese Menschen engagieren sich vor allem in Energiegenossenschaften oder Vereinen überall, ob am flachen Land oder in Städten.
Aktive aus Energiegemeinschaften überall in Deutschland

Laura Zöckler beispielsweise, sowohl bei der Bürgerwerke e.G. als auch bei der Heidelberger Energiegenossenschaft HEG aktiv, versprüht förmlich Energie, wenn sie sagt: „Die Hoffnung auf eine bessere Energieversorgung motiviert uns alle. In Bürgerhand geht alles besser!“ – davon ist sie sichtlich überzeugt. Und trotz aller schlechten Nachrichten, die vor allem von der als „Gas-Kathi“ bekannten Bundes-Wirtschaftsministerin ausgehen, erklärt sie sogar: „Gewissermaßen können wir feiern – dank des §42c im Energiewirtschaftsgesetz EnWG.“
Zur Erklärung: Seit Ende 2025 gilt dank §42c nämlich: Die „gemeinsame Nutzung elektrischer Energie aus Anlagen zur Erzeugung von Elektrizität aus erneuerbaren Energien“ ist grundsätzlich erlaubt, das so genannte „Energy Sharing“. Ein Thema, das nicht nur die Bürgerenergie-Menschen seit Jahren umtreibt, sondern z.B. auch die DGS. Denn seitens der EU wurde diese gemeinsame Stromnutzung vor Ort schon 2018 per Richtlinie ermöglicht – Deutschland erhob Energy Sharing erst vor besagten sechs Monaten in den Gesetzesrang.
Energy Sharing – politisch nicht ernsthaft vorangetrieben
Doch wirklich offensiv geht unsere Bundesregierung nicht damit um; genauso wenig mit den Vorteilen, die Bürgerenergie vor Ort erzeugt: da sind sich auf dem Konvent alle einig. Steven Salecki vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung IÖW würde deswegen vor allem mit dem Thema „Regionale Wertschöpfung“ hausieren gehen. Die Studie im Auftrag der Ampel-Bundesregierung, in der unter anderem für das Jahr 2033 „durch die regionale Verankerung 12,4 Mrd. Euro, davon allein 5,5 Mrd. Euro durch PV auf Dächern“ errechnet wurde, hatte die jetzige Bundeswirtschaftsministerin – wie berichtet – lange nicht öffentlich gemacht. Doch nun sollten die Bürgerenergie-Beteiligten damit wuchern, fordert Salecki, denn: „Regional bleibt an Wertschöpfung viel hängen. Von Gewinnen lokaler Unternehmen, über Einkommen der Mitarbeiter:innen, Steuern, und vieles mehr.“ Sein Vorschlag: „Sucht den Kontakt zu den Bürgermeistern und zeigt ihnen diese Folie der regionalen Wertschöpfung. Dann wird klar, das ist keine Parteipolitik.“ Und der IÖW-Mann geht noch weiter: „Wir müssen noch mehr deutlich machen, dass das Geld in Erneuerbare Energien (EE) nicht bei den Importeuren von Köhle, Öl, Gas landet.“

Anna Leidreiter von der „Bürgerenergie Nord e.G.“ muss von Salecki nicht mehr überzeugt werden. „Die Menschen reagieren nur noch, wenn sie selber betroffen sind, also gerade durch Wertschöpfung vor Ort.“ Und Genossenschaften seien für die Umsetzung der EE genau das Richtige, weil sie „demokratische Infrastruktur sind. Aber nicht um des Selbstzwecks willen. Nein, wir tun was, weil wir eine gemeinsame Vision haben.“ Doch es nütze nichts, nur eine Genossenschaft zu gründen: „Dann muss auch etwas Konkretes passieren. Die Menschen müssen das Gefühl bekommen, gemeinsam mit anderen etwas getan zu haben.“ Auch wenn Energy Sharing noch kompliziert umzusetzen sei, „ist es genau dafür das Richtige. Es geht um Miteinander und echte Teilhabe.“ Damit mehr mitmachen, sei es notwendig, „den Menschen den Mehrwert zu erklären und wie sie teilhaben können“.
Kinder an die Energie-Macht
„Kinder können das gut ihren Eltern erklären“, wirft eine Zuhörerin ein. Weil gerade die Jüngeren die Sozialen Medien stärker konsumieren, gehen inzwischen auch viele Bürgerenergie-Gemeinschaften den Weg über Youtube, TikTok und Co, ist daraufhin zu hören. Und um Wohneigentümer-Gemeinschaften und Multiplikator:innen vor Ort zu überzeugen, veranstalten einige e.G.s sogar WEG- oder Mieterstromfeste.
Auch für ein anderes, immer wieder zu hörendes Anti-EE-Argument haben Bürgerenergie-Leute übrigens eine Gegen-Strategie entwickelt: Ist von „Dunkelflaute“ die Rede, setzen sie die „Hellkrise“ entgegen, wie Kai Buntrock von der Bürgerwerke e.G. berichtet: „Wenn ich höre, >Grünstromspeicher lohnen sich nicht<, sage ich: >Einspruch Euer Ehren<.“ Denn die Volatilität von Wind- und Solarkraft bleibe ja auch erhalten, wenn die von Bundesministerin Reiche geplanten Gaskraftwerke kommen. Deshalb steht für Buntrock fest: „PV und Speicher – gemeinsam mehr.“
Maike von Krause-Kohn (Bürger Energie Bremen) formuliert es noch deutlicher: „Freiflächen-PV ist heute kaum mehr ohne BESS (Batteriestromspeicher) machbar.“ Aber genau so soll aus Sicht der Teilnehmenden die Bürgerenergie noch mehr vorangetrieben werden – auch am Land, nicht nur mit Energy Sharing in Städten.
Positiv berichten für mehr Grünenergie
Und Nico Storz, ebenfalls von der Bürgerwerke e.G., macht deutlich, dass sich die Energiegenoss:innen nicht mehr durch ständig wechselnde politische Vorgaben aufhalten lassen werden: „Wir entwickeln Geschäftsmodelle, die über vier Jahre hinaus halten. Dafür setzen wir auf regionale Berichterstattung mit positiven Geschichten.“ Ein Konvent, der Hoffnung auf mehr Grünenergie vor Ort macht.
Der Michael-Sladek-Preis für besonderes Engagement
Michael Sladek? Das ist quasi der Gründervater der deutschen Bürgerenergie. Der Gründer der EWS Elektrizitätswerke Schönau ist 2024 gestorben. Ihm zu Ehren haben das Bündnis Bürgerenergie e.V. (BBEn) und andere Organisationen diesen Preis geschaffen, der „Persönlichkeiten, die sich mit besonderem Engagement, Mut und Überzeugung für eine demokratische und gerechte Energiezukunft eingesetzt haben“ auszeichnet.
Heuer gab es gleich zwei Preistragende.

Der eine, Reinhard Guthke, ist Mitgründer der BürgerEnergie Jena eG und aktuell Aufsichtsratsvorsitzender des Dachverbands Bürgerenergie Thüringen e.V. Der laut Laudatio „Pionier der Bürgerenergie, Brückenbauer, beharrliche Netzwerker“ bezeichnet den auch auf Wikipedia nachzulesenden „Stromstreit und Stromvergleich“ kurz nach der Wende als sein „Lebenswerk. Da hat die Demokratie gegen die Konzerne gesiegt.“ Vielleicht haben ihn seine jüngeren Mitstreiter:innen deshalb vorgeschlagen, weil er – jetzt 75 – plant, die Ehrenämter 2027 abzugeben.

Nicht weniger bedeutsam ist das, was Verena Ruppert, die zweite Ausgezeichnete, geschafft hat. Als Mitgründerin verschiedener Bürgerenergie-Organisationen „hat sie die Bewegung maßgeblich geprägt, deren zentrale Strukturen aufgebaut und professionalisiert“, so die Laudatio. Vor allem in städtischen Räumen hat sie sich „für Teilhabe, lokale Konzepte und die stärkere Beteiligung von Frauen eingesetzt“. Wohl auch deshalb ist „die Sichtbarkeit der Bürgerenergie über die Zeit besser geworden“, wie sie selber sagt.
