Eine Studiendurchsicht von Jörg Sutter

[Foto: Jörg Sutter]
Schon seit langen Jahren wird immer wieder argumentiert, dass die erneuerbaren Energien nicht nur gut für das Klima, sondern auch für die regionale Wirtschaft sind. Diese Argumente haben aktuell deutlichen Aufwind bekommen. Hintergrund ist eine Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, die nun öffentlich geworden ist.
Die Studie trägt den Titel: „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien“ und wurde vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, dem Institut für ökologische Wirtschaftsführung (IÖW) und IW Consult erstellt. Der Bericht mit einem Umfang von über 200 Seiten ist auf Ende Februar datiert, wurde aber jetzt erst auf der Website des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie veröffentlicht. Das wurde sogleich der Bundeswirtschaftsministerin vorgeworfen, da die Ergebnisse der Studie nicht in die politische Diskussion der letzten Monate einbezogen wurden und auch bei der Erstellung der aktuellen Gesetzentwürfe nicht berücksichtigt wurden. Hier wurden in den vergangenen Monaten immer die hohen Kosten, nicht der wirtschaftliche Nutzen von Sonne und Wind betont.
Grundlagen und Vorgehen
Beleuchtet wurden in der Studie die Potenziale für regionale Wertschöpfung und regionale Beschäftigung durch erneuerbare Energien. Dabei wurden die Kennwerte berechnet für die Planung, Bau und Betrieb von Wind- und Solaranlagen sowie deren mögliche Entwicklung bis zum Jahr 2033. Die regionale Betrachtung wurde zu Beginn mit Daten des Marktstammdatenregisters vorgenommen, und zwar für alle 400 Landkreise und kreisfreie Städte in Deutschland separat. Die zukünftigen Zubauraten wurden je nach Technik unterschiedlich angesetzt: Im Solarbereich ein linearer Zubau, im Windenergiebereich durch den aktuellen Rückstand gegenüber den Klimazielen ein exponentieller Zubau.
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie
Die Studie kommt zum Ergebnis, dass „deutsche Städte und Landkreise ihre Einnahmen aus erneuerbaren Energien mehr als verdoppeln können, wenn sie die Ausbauziele für Wind- und Solaranlagen erreichen“.
Aus Solar- und Windenergie wurden 2023 bundesweit zehn Milliarden Euro direkte Wertschöpfung generiert und rund 51.000 Vollzeitarbeitsplätze bereitgestellt. Diese Wertschöpfung kann gemäß den Berechnungen der Forscher bis 2033 verdoppelt werden auf rund 21 Milliarden Euro. Das geht auch einher mit einer Verdoppelung der Arbeitsplätze auf über 100.000. Und von der Wertschöpfung würden rund 12,4 Milliarden Euro in den jeweiligen Regionen bleiben, was teils auch Regionen in strukturschwachen Gegenden sind. Dann hat nicht nur die Höhe des Betrages, sondern auch die Regionalität dieser Zahlen ein ganz besonderes Gewicht.
Ein weiteres Ergebnis sind die indirekten Auswirkungen, die über Bau und Betrieb dieser Anlagen hinausgehen. Hier kann die Stromerzeugung zum Standortfaktor werden und nicht nur bestehende Wirtschaftsbetriebe in der Region halten, sondern auch neue Betriebe anlocken.

[Grafik: Studie]
Die Abbildung aus der Studie zeigt die gesamtwirtschaftlichen Effekte auf das Brutto-Inlandsprodukt des jeweiligen Kreises. Dazu die Studie: „Die Effekte sind beachtlich. So können Spitzenkreise, die zu den oberen 5 Prozent im Wind- bzw. Solarausbau gehören, wichtige Anteile ihres BIP-Wachstums der letzten zehn Jahre dem Ausbau der Erneuerbaren Energien verdanken“.
Und in der Studie wird der Bürgermeister des bayerischen Ortes Wunsiedel zitiert, der als Ort mit rund 9.300 Einwohnenden in Bayern als mustergültig zählt: „Parallel hat [der EE-Ausbau] dazu geführt, dass Wunsiedel einfach als Unternehmensstandort massiv attraktiver geworden ist. […]. Durch diese positive Entwicklung […] und positive Stimmung haben wir es geschafft, wahnsinnig viel private Investitionsbereitschaft von außen in die Stadt zu ziehen“, so Bürgermeister Nicolas Lahovnik. Wunsiedel verfolgt seit Jahren eine Energiestrategie namens „WUNsiedler Weg Energie“, den wir hier vor Kurzem in den DGS-News beschrieben hatten.
Aktuelles weiteres Forschungsergebnis
Ein weiteres Forschungsprojekt der TH Köln – unabhängig von der oben genannten Studie – hat untersucht, wie Photovoltaikanlagen gemeinsam mit einem zentralen Quartierspeicher arbeiten können, um die Energiewende vor Ort voran zu bringen. Prof. Dr. Eberhard Waffenschmidt vom Institut für Elektrische Energietechnik der TH Köln, der auch beim Solarförderverein Deutschland aktiv ist, hat dazu ein geplantes Wohngebiet in NRW mit 36 Häusern simuliert. „Jetzt ist die Politik gefragt, um praktikable rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Energiewende wird nur gelingen, wenn die Menschen den regenerativ erzeugten Strom vor Ort einfacher speichern und nutzen können“, so Waffenschmidt.
Doch auch hier gibt es aktuell einen Dämpfer – nicht aus der technischen, sondern aus der politischen Perspektive: kurz gesprochen wird ein solcher Quartierspeicher nicht als zugehörig zur Kundenanlage, sondern als reguliertes Energieversorgungsnetz betrachtet, was zur Folge hat, dass Abgaben und Entgelte in voller Höhe bezahlt werden müssen.
Würde das politisch zukünftig anders eingeordnet, könnten auch Quartiersspeicher das volle wirtschaftliche Potenzial für ihr Umfeld erwirtschaften.
Es wäre also dringend an der Zeit, die Energiewende nicht nur von der Seite der Kosten, sondern auch vom regionalen Nutzen her zu betrachten. Das sollte die Politik in Berlin, insbesondere das Bundeswirtschaftsministerium, schleunigst nachholen.
Die Studie „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien“ kann hier frei heruntergeladen werden.
