Ein Beitrag von Götz Warnke

Inzwischen „pfeifen es die Spatzen von den Dächern“: während der Klimagas-Anteil in der Atmosphäre ständig neue Rekord aufstellt, kommt es mit dem Klimaschutzmaßnahmen der Weltgemeinschaft nicht so recht voran: zu unterschiedlich sind die oft massiv vertretenen Partikularinteressen verschiedener, ökonomisch meist am Tropf der Fossil-Energien hängenden Staaten, als dass man sich auf verlässliche, wirkungsvolle internationale Klimaschutz-Pfade verständigen könnte.
Wenn es aber partout nicht mehr weiter geht, sind neue Ansätze und Ideen gefordert. Einen solchen Ansatz haben jetzt die Vertreter der Türkei und Australiens vorgestellt, die gemeinsam die kommende Weltklimakonferenz COP 31 im türkischen Antalya im kommenden November leiten werden. Die Idee, vorab vorgetragen vom designierten COP31-Präsidenten und türkischem Klima- und Umweltminister Murat Kurum auf einer Pressekonferenz in Bonn, besteht darin, die Elektrifizierung des Energiesystems erheblich zu beschleunigen.
Die Idee
Der Gedanke an sich ist nicht neu, wie verschiedene Beispiele zeigen: schon mehrfach hatte sich der Direktor der Internationalen Energie-Agentur IEA Fatih Birol für eine zügige Elektrifizierung der Energienutzung zwecks Klimaschutz ausgesprochen und im vergangenen Januar insbesondere die Europäer aufgefordert, alles nur Mögliche zu elektrifizieren.
Die UNECE, die UN-Wirtschaftskommission für Europa, arbeitet an international verbindlichen Standard-Regularien für die Umrüstung der weltweit rund 1,4 Milliarden Vebrenner-PKW zu E-Autos.
Und auch in Deutschland sehen immer mehr Unternehmen in der Elektrifizierung einen klaren Wettbewerbsvorteil. Die Idee hat durch den Irankrieg und die Blockierung der Seefahrt-Straße von Hormus noch einmal an Bedeutung gewonnen.
Neu bei dem türkisch-australischen Konzept ist hingegen, dass das Elektrifizierungs-Thema erstmals ein Schwerpunkt einer UN-Klimakonferenz ist, und dass hierbei auch konkrete Ziele genannt werden: Bis 2035 sollen 35 Prozent der Endenergienachfrage durch Elektrizität gedeckt werden – heute sind es gerade einmal etwas über 20 Prozent. Dabei ist es den Urhebern des Konzepts fürs erste egal, ob der Strom dabei aus erneuerbaren oder fossilen Quellen stammt. Flankiert werden soll die Elektrifizierungs-Strategie u.a. durch die Reduzierung der Energieverbrauchsintensität im Gebäudesektor um mindestens 25 Prozent (Initiative „Resilient Cities“) und die Halbierung des weltweiten Abfallwachstums. Die Umsetzungskonzepte sollen von der International Energy Agency (IEA) und der International Renewable Energy Agency (IRENA) erarbeitet werden.
Das 35-in-35-Konzept hat bereits eine breite internationale Zustimmung erfahren – nicht nur bei den involvierten Organisationen IEA und IRENA, sondern u.a. auch bei der Global Renewables Alliance (GRA) und dem United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC).
Die Vorteile
Gegenüber einer Fixierung ausschließlich auf die Klimagas-Emissionen bringt das türkisch-australische Konzept einige Vorteile mit sich:
- Eine Elektrifizierung des Energiesystems ist eine grundlegende Notwendigkeit für die Sektorkoppelung und den Pfad zur Klimaneutralität, d.h. sie muss sowieso umgesetzt werden.
- Viele Unternehmen setzen schon heute auf die Elektrifizierung, da die Strompreise weniger stark schwanken als die der Fossil-Energien, weil sie einen Teil ihres Strombedarf mittels Erneuerbarer Energien selbst erzeugen können und weil es sich einfach „rechnet“: so setzt sich der E-LKW in der Logistikbranche schneller durch als Fachleute noch vor wenigen Jahren meinten.
- Staaten mit einem hohen Anteil von Erneuerbaren Energien und insbesondere von E-Strom am Endenergieverbrauch sind oft Vorreiter im Bereich von Stromnutzungstechniken: Schweden bei Wärmepumpen, Norwegen bei der E-Schifffahrt und Kanada bei der E-Fliegerei.
- Die Versorgung mit elektrischem Strom, der ja mit verschiedenen Energiequellen erzeugt werden kann, ist krisensicherer als die Versorgung mit einzelnen Fossil-Energien, wie sich gerade wieder am Persischen Golf gezeigt hat – das gilt für Staaten wie für Unternehmen und Privathaushalte.
- Strombasierte Techniken und Verfahren lassen sich schneller und einfacher auf Erneuerbare Energien umstellen als rein fossilbasierte.
- Die Umsetzung des 35-in-35-Konzept lässt sich für die einzelnen Länder leichter kontrollieren als deren Reduktion von Klimagasen, zumal es viele verdeckte Klimagas-Emissionen z.B. aus alten Bohrlöchern sowie Mülldeponien gibt, und bestimmte Emissionsquellen wie das Militär gar nicht im Pariser Klimaabkommen eingepreist sind.
- Das Konzept umschifft die ganzen Kontroversen und Diskussionen mit Klimakrisen-Leugnern und Fossil-Energien exportierende Staaten.
Die Grenzen
Bei allen zweifellos vorhandenen Vorteilen hat das 35-in-35-Konzept auch jenseits der politischen Bereitschaft verschiedener Staaten gewisse Grenzen, insbesondere auch technischer Natur. Denn nicht alle Bereiche des heutigen Energiesystems lassen sich gleichermaßen elektrifizieren.
Da ist zum einen der Wärmesektor: zwar werden immer mehr große und kleine Wärmepumpen eingesetzt, aber insbesondere bei den Fern- und Nahwärmenetzen bleiben Geothermie und Solarthermie zur Dekarbonisierung unverzichtbar. Und insbesondere bei den Staaten des globalen Südens können z.B. Solarkocher sinnvoller sein als Elektroherde.
Im Verkehrssektor lassen sich in den kommenden Jahrzehnten viele Bereiche elektrifizieren – vom Landverkehr über den Luftverkehr bis zu Teilen des Schiffsverkehrs – , wobei der Seeverkehr eine besondere Herausforderung bleibt: zwar sind in Norwegen die ersten hochseetauglichen Containerfrachter jetzt geordert worden, aber ihre Reichweite von bis zu 1.000 km und ihre Tragfähigkeit von rund 1.000 Standard-Containern (TEU) bleiben beschränkt. Ein 18.000 TEU großer E-Containerfrachter würde für die Strecke von China nach Europa Akkus mit einem Gewicht von ca. 100.000 Tonnen benötigen, wie der kanadische Wissenschaftler Vaclac Smil in seinem Buch „Zahlen lügen nicht“ S.176-179 ausgerechnet hat; der Frachter wäre damit unwirtschaftlich. Hier bleibt nur die Option, Containerschiffe zu Windschiffen umzubauen.
Auch bei den Energieintensiven Industrien wird sich nicht alles eins zu eins elektrifizieren lassen. Beispielsweise im Bausektor brauchen wir einen Ressourcen-Wechsel – weg von der CO2-intensiven und damit klimafeindlichen Zementindustrie, hin zu klimafreundlichen Baustoffen.
Fazit
Der türkisch-australische Vorstoß zur COP 31 ist ein sinnvoller Ansatz, wieder Bewegung in den internationalen Klimaschutz zu bringen. Das Konzept ist pragmatisch, nachvollziehbar, und stellt keine Überforderung für die weit überwiegende Mehrheit der Staaten dar. Voraussetzung bleibt natürlich, dass sich möglichst viele Staaten in diesem Sinn engagieren.
