Newsletter
Heinz Wraneschitz

„Fünf vor Zwölf“: Wenn die Weltchefmeteorologin sich nicht wirklich traut, Klartext zu reden

Ein Bericht mit Kommentar von Heinz Wraneschitz

Liniendiagramm der WMO: globale Temperaturabweichung von 1850 bis 2025, deutlicher Anstieg seit etwa 1980 auf rund 1,5 Grad.
Die Zunahme der Temperatur ist eigentlich unübersehbar. [Grafik: WMO, State of the Global Climate 2025 / Screenshot: Heinz Wraneschitz]

Er war angekündigt als „Informationsveranstaltung für alle Kolleginnen und Kollegen, die über den ‚heißesten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen‘ hinausblicken und sich fragen möchten, was dies für die Gesellschaft in den kommenden Jahren bedeutet“: der gemeinsame Online-Treff der deutschen und österreichischen „Netzwerke Klimajournalismus“ (NKJ) am Dienstag, 20. Oktober, zum namensgebenden Termin „Fünf vor Zwölf“. Doch was Prof. Celeste Saulo, die Chefin des der UN angeschlossenen Weltwetterverbands WMO, dabei von sich gab, war gerade beim Thema El Niño sichtlich oft von diplomatischer Zurückhaltungspflicht geprägt. Ihre Zitate wurden hier aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Sind diese Menschen am Klima-Er-Raten – oder was genau will uns der „Wirtschaftsrat“ sagen? Fakt ist jedenfalls – nicht nur nach Meinung des „Funke“-Magazins FutureZone: Noch im Frühjahr 2026 haben die CDU/CSU-nahen Damen und Herren mit ihren „bizarren Forderungen“ einen „Frontalangriff auf die Energiewende“ gestartet. Damit haben sie sich zwar offen gegen den zwischen CDU/CSU und SPD geschlossenen Koalitionsvertrag gestellt. Aber sei’s drum: Sie sind nicht die Einzigen aus den beiden „schwarzen“ Regierungsparteien, denen der Klimakollaps völlig schnurz zu sein scheint. Deutschlands sogenannte „Alternative“ findet die menschengemachte Klima- und Menschheitszerstörung sogar gut. Das aber steht auf einem ‚noch brauneren‘ Blatt.

Fossile statt Erneuerbare trotz Katastrophenwerten

Dass Menschen wie der als absolutistischer King agierende Donald J. Trump lieber wieder „drill baby, drill“ forciert und dabei den in den USA längst begonnenen „change to renewables“ auszubremsen versucht, scheint für viele weit weg. Dabei leben wir alle auf einem einzigen Planeten, haben keine Ausweich-Welt 2.0 zur Flucht.

Zudem haben wir brandaktuell zwar den „heißesten Sommer seit Aufzeichnungsbeginn“ hinter uns; haben Wolken Mitte Oktober innerhalb von 24 Stunden in Nordspanien 600 Liter Wasser auf Natur, Stadt und Mensch gekippt; stand im August der Mäuseturm bei Bingen nicht mehr wie üblich von Wasser umspült auf einer Rhein-Insel; starb allein in Deutschland eine fünfstellige Zahl an Menschen den Hitzetod. Dies sind nur ein paar Beispiele für die inzwischen völlig unvorhersehbaren Wetterkapriolen. Doch bei Menschen wie den oben aufgeführten ist trotzdem keine Änderung ihrer oft kruden Gedanken zu erkennen. Vielleicht fühlen sie sich dabei sogar im Recht, weil es „die meisten Medien versäumten, den Zusammenhang mit dem Klima angemessen herauszustellen“, wie in der Einladung der NKJ auch selbstkritisch nachzulesen war.

Hoffnung auf Hilfestellung – nicht ganz erfüllt

Deshalb hatten viele der zeitweise über 80 Zuschauer:innen, meist Medienleute, sich wohl in der Hoffnung eingeklinkt, von der WMO-Chefin zu erfahren, worüber und wie sie intensiver berichten sollten. Denn dass die oberste Weltmeteorologin die Entwicklungen der Land- und Meerestemperatur, des CO2-Anteils der Atmosphäre oder die Zunahme der Extremwetterereignisse aufmerksam beobachtet, davon durften sie ausgehen.

Doch leider erfüllte die aus Argentinien stammende Celeste Saulo nicht alle in sie gesetzten Erwartungen. Angekündigt war, sie werde „die zugrunde liegenden Muster“ ausführlich darstellen; „erklären, wie das Klimaphänomen El Niño künftige Wetterextreme beeinflussen wird“; „darlegen, was die aktuellen Klimaindikatoren über die zu erwartenden Szenarien aussagen“ und welche Risiken darin stecken. Stattdessen standen in der ersten Halbzeit die WMO selbst – „wir sammeln die Daten systematisch“ – sowie das laut Saulo „wohl bekannteste Bild des Klimawandels nach 1850“ (das hier ganz oben als Titel verwendet ist) im Mittelpunkt ihrer Ausführungen: der massive Anstieg der Temperatur auf der Erde. All dies aber waren den anwesenden Fachjournalist:innen wohlbekannte Grundlagen. „Wir von der WMO sind Wissenschaftler:innen; wir müssen darauf hinweisen, aber wir wollen Panik vermeiden“, bekannte sie ihre offensichtliche Pflicht zur öffentlichen Zurückhaltung.

Erst als NKJ-Moderatorin Theresa Leisgang darauf hinwies, „eigentlich wollen wir wissen: Was können wir als Journalist:innen tun?“, ging Celeste Saulo auf El Niño ein und auf die Einflüsse, die diese Meeresströmungs-Anomalität auf das Weltklima ausübt.

Celeste Saulo, Generalsekretärin der WMO, spricht in einer Videokonferenz, hinter ihr eine UN-Flagge.
Weltchefmeteorologin Prof. Celeste Saulo in „Fünf vor Zwölf“. [Screenshot: Heinz Wraneschitz]

Die Faktenlage macht Angst

Dabei konnte den Zuschauenden doch Angst und Bange werden: Durchschnittlich weltweit 3,4 Grad Celsius über der normalen Meerestemperatur wird das Wasser an den Oberflächen im Dezember 2026 heiß sein. Dabei verwies sie auch auf den deutschen Kommunikationsprofessor und Autor Christian Stöcker („Männer, die die Welt verbrennen“). Der hatte wenige Tage vorher in einem Spiegel-Beitrag zu El Niño geschrieben: „Von der hiesigen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert, bahnt sich eine akute globale Katastrophe an.“

WMO-Prognosegrafik: Modelle verschiedener Wetterdienste sagen für Dezember 2026 eine Niño-3.4-Temperaturabweichung von etwa 3 bis 5 Grad voraus.
El Niño 3.4: Die Welt könnte im Dezember 2026 ihr heißes Wunder erleben. [Grafik: WMO / Screenshot: Heinz Wraneschitz]

Laut Saulo seien im Zusammenhang mit dem sich weltweit entwickelnden Klimakollaps „die Ausreden auf lokaler Ebene das Problem“. Sprich: Der oft zu hörende Hinweis, nicht wir, sondern die anderen seien schuld. Deshalb forderte sie nicht nur von den anwesenden Fachjournalist:innen: „Am besten monatliche, wenn nicht gar wöchentliche Aktualisierungen veröffentlichen, Penetration also“, gerade auch mit dem Thema El Niño. „Wir wissen zwar nicht genau, in welche Richtung sich der entwickelt. Aber es ist heftig“, gab sie kurzzeitig ihre Zurückhaltung auf.

Denn die typischen Einflüsse dieser Meeresanomalie zeigten sich sowohl bei gegenüber dem Normalfall teils trockeneren als auch teils nasseren Gebieten. Der Grund: „Durch die Klimaveränderung hat El Niño mehr Kraft, mehr Energie“, machte Celeste Saulo klar.

Weltkarte der WMO: Regionen, die bei El Niño typischerweise trockener (orange) oder nasser (blau) als normal sind.
Trockener und nasser – die Auswirkungen von El Niño könnten unterschiedlicher nicht sein. [Grafik: WMO / Screenshot: Heinz Wraneschitz]

„Und am Ende wird die Bevölkerung weltweit davon betroffen sein, auch durch teurere Lebensmittel.“ Welche direkten Einflüsse das Phänomen aber künftig auf Europa haben werde, „auf diese Frage kann ich keine konkrete Antwort geben“, gab die WMO-Chefin zu. Und bedauernd ergänzte Prof. Saulo: „Die Wolke der Informationen ist sehr groß. Nur ist es leider so: Jeder kann darin Unterschiedliches erkennen.“

Fazit

Klimajournalist:innen werden sich sicher an der Faktenlage orientieren. Die wird jedoch von anderen Gruppen, gerade auch aus der verantwortlichen Politik, oft ignoriert und Entscheidungen werden – beispielsweise in Bayern – fast auf St. Nimmerlein verschoben. Ob da ein Penetrieren mit Fakten wirklich hilft, bleibt zweifelhaft.