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Heinz Wraneschitz

Die Unsozialmedien und das Klima

Über eine wissenschaftliche Untersuchung berichtet Heinz Wraneschitz

Verzerrte Titelzeile mit satirisch verfremdeten Social-Media-Namen wie "DishonestSocial", "Fakebook", "X" und "ZicZac" als Symbolbild für Desinformation und Hass in sozialen Medien
Hass und Desinformation überall – auch bei diesem Titel. [Grafik: Heinz Wraneschitz]

Mike S. Schäfer und Julia Metag haben zwar „nur“ eine „Zusammenfassung von Forschungsergebnissen über die Verbreitung klimabezogener Inhalte in sozialen Medien, wie diese sich vorherrschend verbreiten, und wie sie sich nachgewiesenermaßen auswirken auf Einstellungen, Wissen und Verhalten von Menschen veröffentlicht“, wie sie tiefstapelnd erklären.

Dabei bestätigt das, was die beiden Wissenschaftler:innen der Universitäten Zürich und Münster kürzlich im Fachmagazin Nature (hinter Verkaufsschranke) veröffentlicht haben, die Meinung des polnischen Soziologie-Professors und Vizepräsidenten der dortigen Akademie der Wissenschaften Dariusz Jemielniak vollinhaltlich: „Algorithmen der sozialen Medien streuen Fehlinformationen massiv.“

Zumindest gegen den Hass im Journalismus könnten „Resilienz, Regulierung, Netzwerke und partizipative Formate als Strategien“ grundsätzlich helfen – so die Theorie. „Eigentlich könnte alles so schön sein mit partizipativen Formaten. Wir wollen miteinander reden – Journalist:innen mit Bürgerinnen und Bürgern“, nennt Medienprofessorin Gabriele Hooffacker, seit Kurzem Wissenschaftliche Leiterin des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung (EIJK) Leipzig dieses Prinzip. Und ebenfalls eigentlich böte „das Internet dafür großartige Möglichkeiten. Und was haben wir stattdessen? Seit es Diskussionsforen gibt, haben wir Flame Wars. Seit es Wikipedia gibt, haben wir Edit Wars. Und wir haben Hate Speech – von der gerade Journalist:innen besonders betroffen sind“, stellt Hooffacker fest.

Journalist:innen wie Aktivist:innen erleben Hass

Doch nicht nur Medienschaffende sind in den Sozialmedien von TikTok bis Youtube, von Fa(k)cebook bis (Twitter-)X unterwegs. Und es wird beileibe nicht nur über Medieninhalte gestritten: Gerade für die Themenfelder „Menschen- und Erdenschutz“ – von vielen fälschlicherweise als Klimaschutz bezeichnet – und Energiewende sind „Soziale Medien zu wichtigen Plattformen für Information, Diskussion und Mobilisierung geworden“, machen Schäfer und Metag klar. Doch „diese unterscheiden sich strukturell von den Nachrichtenmedien: Die setzen auf professionelles Gatekeeping und redaktionelle Kontrolle. In sozialen Medien dagegen können Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, Unternehmen, Aktivisten, Bürger und andere direkt miteinander interagieren. Dadurch können einerseits vielfältige Stimmen die öffentliche Kommunikation prägen. Aber andererseits werden auch etablierte Mechanismen der Gatekeeping-Funktion und Qualitätskontrolle geschwächt“, ist in der Nature-Veröffentlichung zu lesen.

Doch auch wenn die beiden Autor:innen zugeben müssen, die wissenschaftliche Befassung mit der Kommunikation auf solchen Plattformen kann nicht mit deren schnellen Veränderungen, Sterben alter und Entstehen neuer „Medien“ mithalten: Die Muster der Sichtbarkeit und Darstellung von Inhalten, die Exposition der Nutzer, die Auswirkungen wie auch Wechselwirkungen von Posts und Kommentaren scheinen sich zu ähneln.

Klimathemen oft „ereignisorientiert“ bespielt

Und selbst wenn „Inhalte zum Thema Klima nur einen Bruchteil der gesamten Kommunikation in den sozialen Medien ausmachen und damit hinter unterhaltungsorientierten oder Lifestyle-Themen zurückliegen“; auf X (einst Twitter) beispielsweise meist nur „stark ereignisorientiert, mit Spitzenwerten rund um die COP-Gipfel, „Fridays for Future“-Mobilisierungen und extreme Wetterereignisse“ auftauchen: Sie werden sehr wohl diskutiert, wenn auch eher „in privaten oder halbprivaten Gruppen“, haben Schäfer und Metag herausgefunden.

Das passiert womöglich auch, weil „Katastrophenbilder und persönliche Erzählungen, besonders auf visuell orientierten Plattformen, häufig Klimaangst, Frustration oder existenzielle Sorgen hervorrufen“. Wobei „länderübergreifende Unterschiede auffällig sind: Auf chinesischen Plattformen wie Weibo und Bilibili sind wissenschaftliche Stimmen präsenter und Skepsis weniger sichtbar als in westlichen und insbesondere anglophonen Ländern. Das widerspiegelt Unterschiede in der Plattform-Governance und den Akteurshierarchien.“

Gibt es Klimaleugnung nur im Westen?

Eher in westlichen Sozial-Medien-Sphären kursieren dagegen klimabezogene Fehlinformationen – ob ohne Täuschungsabsicht geteilt, oder absichtlich verbreitete Desinformation sowie leugnende und konträre Narrative: „Sie reichen von der offenen Ablehnung der Klimawissenschaft bis hin zu subtileren Formen, wie der Verharmlosung von Risiken, der Diskreditierung wissenschaftlicher Institutionen oder der Darstellung der Klimapolitik als Bedrohung für die individuelle Freiheit oder die nationale Souveränität. Solche Darstellungen berufen sich oft auf wissenschaftliche Unsicherheit und staatliche Übergriffe und können durch Plattformlogiken verstärkt werden, die emotional aufgeladene und provokative Inhalte belohnen“, haben die Autoren festgestellt.

Das Problem dabei: „Zahlreiche Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Mediennutzung eine zentrale Rolle bei der Prägung der öffentlichen Einstellung zum Klimawandel spielt. Soziale Medien können doppelte Auswirkungen haben. Einerseits können sie motiviertes Denken und die Konfrontation mit Falschinformationen verstärken und damit möglicherweise den Klimaskeptizismus schüren. Andererseits können Funktionen von Social-Media-Plattformen, die eine unbeabsichtigte Konfrontation mit Informationen erleichtern und heterogene Netzwerke mit themenübergreifenden Inhalten fördern, dazu beitragen, Informationslücken zu schließen.“ Solch positive Muster seien z.B. im Einparteienstaat China zu beobachten.

Also könnten soziale Medien theoretisch positive Auswirkungen auf klimabezogene Einstellungen, Kenntnisse und Verhaltensweisen haben – aber sie „begünstigen soziale Medien auch die Verbreitung von Fehlinformationen und Desinformation. Zielgruppensegmente, die den Klimawandel leugnen, scheinen soziale Medien häufiger zu nutzen als andere Gruppen. Falsche Informationen, die auf diesen Plattformen verbreitet werden, können die Akzeptanz des Klimawandels verringern und sich nachteilig auf das Wissen der Einzelnen zu diesem Thema auswirken“, lautet eine wesentliche Feststellung.

Mit Bots streiten – der falsche Weg

Aktuell verbreiten nachgewiesenermaßen gerade von Russland koordinierte Bots Falschinformationen auf Sozialmedien-Plattformen. Und das, obwohl „über verschiedene Governance-Kontexte hinweg Moderationsregime bestimmen, welche Akteure und Narrative Sichtbarkeit erlangen und wohin skeptische oder konträre Inhalte abwandern können.“ Heutzutage werden sie dabei von KI unterstützt. Deshalb unsere Frage an Prof. Mike Schäfer: Wie können einzelne Nutzer hier Sinnvolles entgegenstellen? „Bots waren nicht Gegenstand unserer Studie. Allgemein würde ich einzelnen Nutzern aber eher raten, solche Accounts zu melden und zu blockieren, statt sich in endlose Auseinandersetzungen mit ihnen zu begeben. Direkte Interaktion kann problematische Inhalte zusätzlich sichtbar machen. Wenn man korrigiert, sollte man vor allem die mitlesende Öffentlichkeit im Blick haben – nicht den Bot selbst“, lautet Schäfers Antwort.

Doch wie können seriöse Medien und Wissenschaftskommunikator gegen Fake News bestehen? „Eine Patentlösung gibt es nicht“, gibt der Nature-Autor auf Nachfrage zu. „Hilfreich ist, verlässliche Informationen sichtbar und verständlich anzubieten, … und Falschinformationen früh zu adressieren. Die Forschung unterscheidet unter anderem „Prebunking“ – Menschen vorab für typische Desinformationsstrategien zu sensibilisieren – und „Debunking“, also nachträgliche Korrekturen. Beides kann funktionieren. Dabei verändern Korrekturen eher das Faktenwissen, als wirklich tiefsitzende Einstellungen. Wichtig ist zudem, wer korrigiert: Vertrauenswürdige und sozial anschlussfähige Absender sind dabei oft überzeugender.“

Mit dieser Nature-Veröffentlichung ist die Arbeit von Schäfer, Metag und anderen Forscher:innen aber beileibe am Ende. Denn: „Die Plattformlandschaft verändert sich ständig. Dass Facebook bei manchen Gruppen an Bedeutung verliert und TikTok, alternative Plattformen oder künftig KI-basierte Angebote wichtiger werden, macht diese Forschung nicht überholt – im Gegenteil! Es macht vergleichende und plattformübergreifende Forschung umso wichtiger“, stellt Prof. Schäfer in einer Nachricht an die Redaktion heraus.

Doch dem DGS-News-Team wie ihm würde als erstes schon reichen, wenn die Politik es schaffen würde, von den Plattformbetreibern nicht nur zu fordern: „Sie sollen koordinierte Manipulation erkennen und begrenzen – und das auch tun. Politik kann dafür Transparenz- und Rechenschaftspflichten schaffen, unabhängige Forschung und Datenzugang ermöglichen und Plattformen stärker in die Verantwortung nehmen. In der Praxis geschieht das noch zu wenig, auch weil sich die politische Situation in den USA verändert hat. Unser Review zeigt deutlich, dass Moderations- und Governance-Regime einen erheblichen Einfluss darauf haben, welche Akteure und Inhalte sichtbar werden“, so Schäfer. Gerade auch beim für das Überleben wichtigen Thema „Menschen- und Erdenschutz“, der oft fälschlicherweise als Klimaschutz bezeichnet und so kleingeredet wird.