Eine Marktbeobachtung von Andreas Horn

[Grafik: Dr. Andreas Horn; Datenquelle: www.netztransparenz.de]
Der Monatsmarktwert für Solarstrom lag im Juni und Juli – ganz unspektakulär – zwischen 5 und 6 Cent pro Kilowattstunde. Die extremen „Frühlings“-Preistiefs von bis zu unter 3 Ct/kWh sind vorüber. Die Hitzewelle stützt den Solarstrompreis, weil einige „Dampfkraftwerke“ (atomar und fossil) im europäischen Verbundnetz aufgrund niedriger Wasserstände, hoher Wassertemperaturen oder einer Quallenplage im Kühlwasseransaugfilter ihre Leistung drosseln oder abschalten müssen. Demgegenüber sind die geringen Leistungsverluste der PV-Anlagen durch höhere Temperaturen mit rund 5 % vernachlässigbar. Der Monatsmittelwert der Stundenkontrakte am EPEX-Spotmarkt wirkt auf den ersten Blick auch unspektakulär: angesichts der Kriege in Ukraine und Iran würde man schlimmeres befürchten und irgendwie ist man an dieses Preisniveau schon gewöhnt – auch wenn es mehr als doppelt so hoch ist wie vor fünf Jahren.
Doch halt: wie hoch wäre der Strompreis, wenn es nicht so viel PV-Strom gäbe? Was sagt das für den kommenden Winter? Was erwartet PV- und Wärmepumpenbetreiber angesichts steigender Volatilität der Stromerzeugung? Kann man aus den Marktwerten für die Zukunft lernen – oder ist der Blick in die Glaskugel nutzlos?
Hinweis: Die Monatsmarktwerte, Zubauzahlen, Erzeugungszahlen etc. sind übersichtlich in der DGS-Marktwertübersicht zusammengestellt.

Was würde passieren, wenn PV-Strom nicht vorhanden wäre? Also wenn wir den erfolgreichen PV-Ausbau der letzten Jahre nicht gehabt hätten – oder wenn der Winter kommt? Die günstigen Zeiten mit Börsenpreisen von 0 Ct/kWh würden entfallen. Als Durchschnittspreise hätten wir nicht 10 Ct/kWh (wie im Juni und Juli), sondern 12 bis 16 Ct/kWh. Warum stieg der Preis im Verlauf des Monats von 12 auf 16 Ct/kWh? Der Gaspreis stieg! Für den kommenden Winter scheint insofern absehbar, dass der Spotmarktpreis steigen wird, zumal die Erdgasversorgung voraussichtlich kritisch wird, da die Gasspeicher nur sehr zögerlich befüllt werden: der Speicherfüllstand steht aktuell bei 49 %, die Speicherbetreiber haben derzeit kein wirtschaftliches Interesse an einer schnellen Befüllung, weil die Gaspreise hoch sind und die Bundesregierung tut – nichts. Katherina Reiche will die Befüllung den Marktkräften überlassen. Eine erneute Gasmangellage ist absehbar, sofern der Winter nicht sehr mild wird. Das könnte die Strompreise wieder kräftig in die Höhe treiben (siehe Titelgrafik im Jahr 2022!). Gute Winderträge können die Lage natürlich verbessern.
Die Abhängigkeit von den fossilen Energiemärkten kann durch Zubau von Sonne und Wind weiter reduziert werden – und das sollte möglichst schnell gehen. Doch genau hier bremst die Bundesregierung und lässt die Verbraucher:innen im Regen stehen. Mehr PV und Batteriespeicher drücken die Preise in den Sommermonaten auch dann, wenn die Sonne nicht scheint. Mehr Windkraftanlagen können den mittleren Preis im Winter drücken, wenn zukünftig besonders viel Strom für Wärmepumpen benötigt wird.
Damit zu einem weiteren Aspekt, der bislang nur wenig betrachtet wird: die Volatilität und Flexibilisierung der Verbräuche machen fixe Stromtarife immer weniger kalkulierbar. Der BDEW hat hier bereits reagiert, und in 2025 neue Standardlastprofile definiert. Das alte Standardlastprofil H0, das bislang für alle Haushalte zu Abrechnungszwecken angewendet wurde, wurde ersetzt durch H25. Komplett neu hingegen sind die Standardlastprofile für Haushalte mit PV-Anlagen (Prosumer ohne Speicher) unter der Bezeichnung P25, sowie ein Standardlastprofil für Haushalte mit PV-Anlagen und Speicher „Prosumer mit Speicher“ S25. Wenn man nun die Spotmarktpreise mit den unterschiedlichen Lastprofilen verrechnet, kommt man zu leicht unterschiedlichen „mittleren Preisen des Strombezugs“. Strompreise für Prosumer mit PV und/oder Speicher sind in der Beschaffung teurer. Das wird also möglicherweise in nächster Zeit zu neuen Tarifen führen.
Wer seinen Stromverbrauch flexibilisiert kann möglicherweise auch Geld sparen – in Verbindung mit zeitvariablen Stromtarifen (H25: 10,33 Ct/kWh; P25: 12,95 Ct/kWh; S25: 11,59 Ct/kWh, siehe Grafik auf Seite 6 der DGS-Marktübersicht. Die obige Grafik zeigt veränderte, fiktive Lastprofile mit Speichern, die mit der 2-fachen, 4-fachen oder 8-fachen des mittleren Verbrauchs einen Speicher nur zu den günstigsten Spotmarktpreisen beladen. Der resultierende Strompreis ist in der Abbildung angegeben und würde im Juli 2026 von 10,33 Ct/kWh (H25-Lastprofil) auf 5,9 Ct/kWh (doppelte Bezugsleistung), 2,78 Ct/kWh (vierfache Bezugsleistung), oder sogar 1,88 Cent/kWh sinken. Aber Achtung: die Netzentgelte und Umlagen bleiben unverändert bei derzeit rund 17 Ct/kWh! Die Flexibilisierung würde ggf. höhere Anschlussleistungen erfordern, was zukünftig die Netzentgelte erhöhen könnte („Kapazitätskomponente“).
Auch Wärmepumpenbetreiber sollten die Volatilität der Strompreise im Blick haben! Je nach Auslegungspunkt verwenden Wärmepumpen bei sehr kalten Temperaturen oft eine elektrische Direktheizung. Gerade in Dunkelflauten können die Preise für Wärmepumpenstrom an der Börse sehr teuer werden! Steht nicht zu befürchten, dass es auch für Wärmepumpen nicht nur ein neues – möglicherweise teureres – Standardlastprofil gibt, sondern zukünftig (nur noch) variable Stromtarife? Ein Wärmepuffer könnte dann für günstigere Strombezugspreise sorgen.
Spannend bleibt die Frage, wie es zukünftig mit den dynamischen Netzentgelten weitergeht: deren Preise hat eine sehr starke Auswirkung auf die Flexibilisierung der Verbräuche. Denn klar ist auch: aktuell ist eine Flexibilisierung nicht immer netzdienlich! Niedrige Börsenstrompreise aufgrund viel Wind im Norden geben in Süddeutschland aufgrund der einheitlichen Strompreiszone ein falsches Verbrauchssignal, wenn die Netze ohnehin bereits überlastet sind. Teurer Redispatch ist die Folge.
Unser Wohlstand hängt an preiswerter Energie. Erneuerbare Energien können diese liefern, wenn – ja, wenn! – die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Marktregeln intelligent gestaltet werden. Die Bundesregierung steht zumeist auf der Bremse und steuert teilweise in die falsche Richtung. Wir können hier nur auf Besserung hoffen – ansonsten kann jeder nur im eigenen Wirkungskreis dafür sorgen, die richtigen Entscheidungen zu treffen: Energieverbrauch reduzieren und Erneuerbare und Speicher bauen ist in jedem Fall zukunftssicher!
