Eine Marktbeobachtung von Andreas Horn

Die gute oder die schlechte Nachricht zuerst? Die Gute: Solarstrom hat den Strompreis auch im August wieder deutlich gesenkt. PV war den ganzen Sommer über eine wirklich wirksame „Strompreisbremse“. Die Schlechte: Der Gaspreis hat sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt: Die Kilowattstunde kostet an der Börse (TTF) jetzt 6,2 Cent gegenüber 3,3 Cent im Vorjahr! Das – und die ebenfalls leicht gestiegenen Preise für CO2-Zertifikate – zieht den Preis für den fossilen Stromanteil stark nach oben. Wie genau?
Hinweis: Die Monatsmarktwerte, Zubauzahlen, Erzeugungszahlen etc. sind übersichtlich in der DGS-Marktwertübersicht zusammengestellt.
Die Börsenstrompreise werden gemäß der Merit-Order festgesetzt: Das teuerste Kraftwerk bestimmt den Preis – zumindest solange dessen Strom benötigt wird. Wenn reichlich Strom vorhanden ist, sinkt der Preis auf Null, bei Produktionszwängen sogar gelegentlich in den negativen Bereich. Leonhard Gandhi vom Fraunhofer ISE hat kürzlich auf X darauf hingewiesen, dass der Erdgaspreis an der Börse seit 1. Januar 2026 um den Faktor 2,8 gestiegen ist. Wenn nun Erdgasstrom produziert werden soll, braucht man Erdgas, und zwar aufgrund des Wirkungsgrads der Energieumwandlung – wir rechnen der Einfachheit halber über den gesamtdeutschen Kraftwerkspark mit 50 % – doppelt so viel Energieinput von Erdgas, wie Strom raus kommt. Dann muss man sich noch über den „Abfall“, also das CO2, das nach der Verbrennung bislang in die Atmosphäre verklappt wird, kümmern: Dafür sind – mehr schlecht als recht – die CO2-Zertifikate da. Pro Kilowattstunde Strom entstehen knapp 0,4 kg CO2. So ergibt sich eine einfache überschlägige Rechnung, wie hoch die „Grenzkosten“ für Strom aus Erdgas liegen: Beim Doppelten des Gaspreises (aufgrund 50 % Wirkungsgrad-Verlust) zuzüglich dem 0,4-fachen des CO2-Zertifikatpreises (Umrechnung von 10 EUR/MWh = 1 Ct/kWh und 10 EUR/Tonne = 1 Ct/kg beachten!). Dass diese Rechnung die Entstehung der Börsenstrompreise gut erklärt, wird in der Grafik der Energy-Charts deutlich:

In den Energy-Charts kann man diese Korrelation auch für die Vorjahre sehr gut bestätigen. Was nun, falls der Gaspreis in den kommenden Monaten weiter steigt? Im Nahen Osten ist weiterhin die Straße von Hormus weitgehend blockiert, eine Lösung des Konflikts ist nicht absehbar. Zusätzlich gibt es seit Mitte September eine weitere Blockade der Meerenge von Bab el-Mandab am südlichen Eingang zum Roten Meer und der Durchfahrt zum Suez-Kanal. Auch wenn die Verbindungen noch nicht ganz geschlossen sind, so gibt es doch einen „doppelten Flaschenhals“ für den Energie- und Containerverkehr auf den Weltmeeren. Das Risiko weiter steigender Energiepreise ist also sehr hoch.
Was tut nun die Bundesregierung, um unsere Energieversorgung als wohl wichtigste Lebensader zu sichern? Diese hat nach eigenen Angaben „Vorkehrungen getroffen für jedes Szenario“. Es wäre schön, wenn man das glauben könnte. Die Gasspeicher befinden sich jedenfalls auf historisch niedrigem Füllstand:

Damit das Erdgas für unseren Bedarf im Winter ausreicht, müssen (a) die LNG-Anlieferungen im geplanten Maß kommen und (b) darf der Winter nicht zu kalt werden. Das Erdgas wird schließlich nicht nur für die Stromerzeugung, sondern auch (immer noch!) für die Heizung vieler Wohnungen, sowie die Industrie benötigt. Wenn zu wenig Tanker kommen (es gibt nicht besonders viele davon), dann wird es eng. Müssen wir hoffen, dass uns El Niño „rettet“ und uns einen warmen Winter beschert? Die Wissenschaft sagt, dass ein El Niño unter bestimmten Bedingungen die Wahrscheinlichkeit für kältere Abschnitte im europäischen Spätwinter sogar erhöhen könnte. Viel Spekulation, wenig Sicherheit. Es bleibt jedenfalls ein Restrisiko. Aus Anti-AKW-Zeiten wissen wir: Das Rest-Risiko ist das Risiko, das uns den Rest gibt!
Eines ist ziemlich sicher: der Ruf nach dem Staat hilft uns wohl derzeit nicht. Die Regierung ist mit anderem beschäftigt. Oder kann’s nicht (mehr), für manches ist es zu spät. Jetzt gilt es, die Eigenverantwortung zu stärken! Jeder muss überlegen, was er selbst tun kann, um sich, seine Lieben und Freunde vor steigenden Energiepreisen zu schützen: Wo kann man investieren, um Geld zu sparen? Haben alle Familienmitglieder und Freunde schon eine PV-Anlage (bevor Katherina Reiche mit der EEG-Novelle die Rahmenbedingungen verschlechtert)? Zumindest Balkonsolar? Wird das nächste Auto ein (sparsames) Elektroauto? Ist die Kellerdecke oder oberste Geschossdecke noch ungedämmt? – Do it Yourself!
Übrigens: Auch die DGS hilft seit über 50 Jahren, Lösungen voranzubringen, um die Energieversorgung sicher, sauber und kostengünstig zu machen – mach mit!
