Ein Meinungsgastbeitrag von Andreas Wöll

Die Branche der Erneuerbaren in Europa/Deutschland braucht keinen neuen Gegner – sondern eine neue Strategie
Der „China-Schock“ ist: China produziert zu viel, zu schnell und zu günstig. Europäische Hersteller geraten unter Druck, die USA reagieren mit Protektionismus, Europa sucht nach einer Antwort.
Die Photovoltaik sollte uns eine Lehre sein. Deutschland und Europa waren einst Schrittmacher der PV. Anfang der 2010er-Jahre geriet die Branche durch Förderänderungen, Preisverfall und internationalen Wettbewerb massiv unter Druck. China baute Kapazitäten auf, integrierte Lieferketten und optimierte die Fertigung. Aus einem teuren Hightech-Produkt wurde ein Massenprodukt. Für die europäische Solarindustrie war das teilweise verheerend, für die Energiewende ein enormer Beschleuniger.
Daraus folgt: Abhängigkeit entsteht nicht durch Handel. Abhängigkeit entsteht durch fehlende Alternativen. Europa braucht deshalb weder vollständige Autarkie noch die Aufgabe eigener Produktionskompetenz, sondern Resilienz.
Die nächste Bewährungsprobe heißt Wärme
Mehr als die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauchs entfällt auf Wärmeanwendungen. Wärmepumpen werden eine Rolle spielen, doch chinesische Hersteller verfügen bereits über enorme Fertigungskapazitäten und zunehmend eigene Entwicklungs- und Systemkompetenz.
Die europäische Wärmepumpenindustrie sollte aus der PV-Geschichte lernen: Unstete Förderung und regulatorische Unsicherheit können einen jungen Massenmarkt schneller ausbremsen, als Fabriken hochgefahren werden. China beherrscht industrielle Skalierung und kosteneffiziente Massenproduktion.
Die Frage lautet daher nicht: Wie halten wir China fern? Sondern: Wie nutzen wir diese Fähigkeiten, ohne unsere eigene Industrie aufzugeben?
Europa braucht Kooperation statt Konfrontation
Europa besitzt Stärken bei Forschung, Ingenieurwesen, Anlagenbau und Systemintegration. China ist stark bei Skalierung, Lieferketten, Geschwindigkeit und kosteneffizienter Produktion.
Diese Fähigkeiten lassen sich verbinden: Forschung, Entwicklung, Systemdesign und Produktionskapazitäten sollten in Europa verankert bleiben; zusätzliche Volumina können global skaliert werden. Dafür braucht es Regeln für geistiges Eigentum, Lieferketten, Qualität, Cybersecurity, Datenhoheit und alternative Bezugsquellen.
Europa muss deshalb diversifizieren, Recycling ausbauen und eigene Fertigung erhalten. Ein kurzfristiges Decoupling würde die Energiewende verteuern und verlangsamen. Das Ziel sollte De-Risking statt Decoupling heißen.
Die Branche muss wieder über Wärme sprechen
Die Wärmewende sollte nicht als reine Elektrifizierung verstanden werden. Photovoltaik, Solarthermie, Wärmepumpen, Geothermie, Abwärme, thermische Speicher und Wärmenetze sind Werkzeuge – keine Glaubensgemeinschaften.
Die Frage lautet nicht Solarthermie oder Photovoltaik, sondern: Welche Kombination liefert für den jeweiligen Anwendungsfall die niedrigsten Systemkosten und den höchsten erneuerbaren Deckungsgrad?
Der nächste Markt gehört der Integration
Die nächste Entwicklungsstufe der Erneuerbaren dürfte der Systemintegration gehören. PV, Wärmepumpe, Solarthermie, Speicher und intelligentes Energiemanagement können zu standardisierten, skalierbaren Systemen werden.
Wir brauchen weniger Demonstrationsprojekte und mehr reale Produkte: standardisierte Schnittstellen, vorkonfigurierte Systeme, digitale Planung und intelligente Regelung. Wir müssen aus Teilen der Energiewende skalierbare Industrieprodukte machen.
Europas Problem heißt zudem Geschwindigkeit
Ein erheblicher Teil unserer industriellen Probleme ist hausgemacht: komplexe Genehmigungen, wechselnde Rahmenbedingungen, schleppender Netzausbau und fehlende langfristige Leitplanken erschweren Investitionen. Europa braucht nicht weniger Standards oder Qualität, sondern schnellere Verfahren bei gleichbleibender Qualität.
China hat in vielen Bereichen aufgeholt und Europa bei einzelnen Technologien überholt. Das anzuerkennen ist Voraussetzung dafür, wieder stärker zu werden. Europa kann Forschung und Systemkompetenz einbringen; China Skalierung, Geschwindigkeit und Kostenvorteile. Daraus können Partnerschaften auf Augenhöhe entstehen – sofern strategische Abhängigkeiten vermieden werden.
Fazit: Nicht gegen China. Nicht abhängig von China. Mit China – und mit eigener Stärke.
„China-Schock 2.0“ sollte weniger Schreckgespenst als Weckruf sein. Europa muss industrielle Kompetenz erhalten und zurückgewinnen – bei PV, Speichern, Wärmepumpen, Solarthermie, Leistungselektronik und Energiemanagement.
Die Strategie muss Kooperation bei gleichzeitiger Resilienz heißen: Forschung, Entwicklung, Systemkompetenz und Produktionskapazitäten in Europa; globale Skalierung dort, wo sie sinnvoll ist; Alternativen dort, wo kritische Abhängigkeiten entstehen.
Während wir noch diskutieren, wer Lehrer und wer Schüler sein darf, läuft längst die wichtigste Uhr: die physikalische.
Über den Autor:
Andreas Wöll ist bei der DGS als Vorsitzender des Fachausschuss Solarthermie – Erneuerbare Wärme (FASTEW) tätig.
