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Tobias Bernhardt

Berlin voll elektrisch – die Formel E zu Gast in der Hauptstadt

Ein Veranstaltungsbericht von Tobias Bernhardt

Blick auf die Ziellinie der Formel-E-Rennstrecke auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, umgeben von Zuschauern bei sommerlichem Wetter
Ziellinie auf dem Tempelhofer Feld [Foto: Tobias Bernhardt]

„Autofahren macht nur mit Verbrennern Spaß“ oder „bei Elektroautos fehlen mir einfach die Emotionen“. Solche Sätze hört man immer wieder, wenn es um Elektromobilität als Zukunft der Verkehrsinfrastruktur geht. Vor allem die Emotionalität ist bei Motorsportfans in Bezug auf die Verbrennermotoren ein ganz sensibles Thema.

Dabei ist es auch zunächst logisch – denkt man an Motorsport, kommt einem sofort die glorreiche Zeit eines Michael Schumachers oder Sebastian Vettels in der Formel 1 in den Kopf. Brüllende Motorengeräusche, der Geruch von Benzin, das Vibrieren der Tribünenplätze.

Am Wochenende rund um den 1. Mai konnte man sich allerdings ein komplett anderes Bild vom begeisternden Motorsport machen – und zwar mitten in Berlin auf dem Tempelhofer Feld. Die FIA-Formel-E-Weltmeisterschaft war auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens bereits zum zwölften Mal zu Gast und bot ein spektakuläres Rennwochenende. Und das vollkommen elektrisch.

Ein Formel-E-Rennwagen rekuperiert beim Bremsen bis zu 600 kW – das entspricht der Leistung von sechs durchschnittlichen Elektroautos gleichzeitig. Die Technologie dahinter landet später direkt in den Serien-Elektroautos von morgen.

Die Historie der Formel E

Das erste Rennen der Formel E fand am 13. September 2014 in Peking statt und befindet sich mittlerweile schon in der zwölften Saison. Unter dem offiziellen Titel „ABB FIA Formula E World Championship“ versteht sich eine internationale Rennserie, die mit vollelektrischen Formelrennwagen rund um die Welt Rennwochenenden austrägt. Dabei finden die Rennen zumeist auf temporären Rennstrecken statt, die mitten durch die jeweiligen Städte verlaufen und den Motorsport für die Menschen zum Anfassen liefern. Ganz nach dem Motto „den Motorsport zu den Menschen bringen, nicht umgekehrt“.

Die Formel E als technischer Vorreiter der Elektromobilität

Der interessante Faktor der Formel E, der auch hier herausgestellt werden soll, ist die Elektromobilität. Die Fahrzeuge, die in der Formel E an den Start gehen, sind vollelektrisch und befinden sich ab nächster Saison bereits in der vierten Generation (GEN4). In der ersten Generation mussten die Fahrer nach der ersten Rennhälfte in die Box fahren und dort in ein zweites Auto einsteigen, da die Batterien nicht so viel Energie bereitstellen konnte. Mittlerweile ist es möglich bei einem Boxenstop durch den sogenannten Pit-Boost mit einer Spitzenleistung von 600 kW zehn Prozent der Energie (3,85 kWh) nachzuladen. Und das innerhalb von ca. 30 Sekunden.

Hochleistungs-Ladekabel in der Boxengasse der Formel E, mit dem die Fahrzeuge beim Pit-Boost in rund 30 Sekunden Energie nachladen
Kabel für den Pit-Boost [Foto: Tobias Bernhardt]

Alle Teams treten mit einem Einheitschassis an. Lediglich an Elektromotor, Inverter, Getriebe, Hinterradaufhängung und Software dürfen die Teams vor der Saison selbstständig Änderungen vornehmen. Während der Saison sind nur noch Änderungen an der Software erlaubt. Ebenfalls ist die Batterie ein Einheitsteil, das vom Unternehmen Fortescue Zero produziert wird. Im normalen Rennverlauf stehen den Rennfahrern mit dem Akkumulator bis zu 40 kWh an Energie zur Verfügung.

„In der Vergangenheit haben Autorennen auch immer wieder nützliche Entwicklungen im Automobilbau angestoßen: stabilere Fahrwerke, sparsamere Stromlinienkarossen, neue Rekuperationstechniken etc.“, so Götz Warnke, Vorsitzender des Fachausschuss Nachhaltige Mobilität. Entgegen des schlechten Images von Autorennen, die Lärm und schädliche Abgase produzieren, sei es mit Elektroautos anders. Diese „begegnen sich zum abgasfreien Wettstreit in der Formel E – wie am 1. Mai-Wochenende in Berlin.“

Die technischen Daten des Autos „GEN3 Evo“

  • Höchstgeschwindigkeit: 320 km/h
  • Beschleunigung (0-100 km/h): 1,86 Sekunden
  • Max. Leistung (Qualifying-Modus): 350 kW (476 PS)
  • Leistung Rennmodus: 300 kW (408 PS)
  • Leistung Attack-Mode: 350 kW (476 PS)
  • Batterie: Lithium-Ionen-Akkumulator
  • Batterie-Kapazität (nutzbar): 38,5 kWh
  • Max. Rekuperation: 600 kW (hinten: 350 / vorne: 250)
  • Antrieb: Allradantrieb (mit 350 kW)

Quelle: e-formel.de/wiki/technik

Auch bei den genutzten Reifen geht es bei der Formel E vollumfänglich um das Thema Nachhaltigkeit. Aktuell werden die 18-Zoll-Allwetterreifen von Hankook geliefert und werden zum Teil aus nachhaltigen Materialien produziert. Anders als in der Formel 1 stehen den Teams der Formel E an einem regulären Rennwochenende lediglich zwei frische Reifensätze zur Verfügung. Diese werden sowohl bei trockenem als auch bei nassem Wetter genutzt. Besonders wichtig ist der Formel E in der Zusammenarbeit mit Hankook die Haltbarkeit der Reifen sowie die Seriennähe. So kann die vollelektrische Rennserie eine Art Forschungslabor für die Entwicklung von Serienreifen darstellen.

Bei der Besichtigung der Boxengasse hatte ich die Möglichkeit mit einem Vertreter der Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) zu sprechen, die sich als Dachverband  von Automobilclubs und Motorsport-Vereinen unter anderem um das Reglement der Formel E kümmert. Er konnte mir erzählen , dass sich die Vertreter der Rennserie weit vor dem eigentlichen Rennwochenende mit den lokalen Stromlieferanten zusammensetzen. Dort werden Verträge für die Lieferung der großen Mengen an benötigtem Strom beschlossen – wobei ein großes Augenmerk darauf liegen würde, dass der Strom zu Großteilen aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Das sei der FIA und der Formel E eine Herzensangelegenheit, da ansonsten das Image einer vollelektrischen und nachhaltigen Rennserie nicht konsequent übermittelt werden könne.

Blick in die Boxengasse des Formel-E-Rennens in Berlin mit Mechanikern und Fahrzeugen kurz vor dem Start
Boxengasse bei der Formel E vor dem Rennen [Foto: Tobias Bernhardt]

Die Formel E in Berlin

Die Rennstrecke auf dem Vorfeld des stillgelegten Tempelhofer Flughafens ist seit der ersten Saison 2014/2015 fester Bestandteil des Rennkalenders und von Beginn an ein Favorit der Zuschauer:innen. Auf einer 2,3 Kilometer langen Strecke duellierten sich 20 Fahrer aus der ganzen Welt, darunter die beiden Deutschen Pascal Wehrlein (Porsche) und Maximilian Günther (DS Penske). In diesem Jahr wurde sowohl am Samstag als auch am Sonntag jeweils ein Rennen gefahren, das von ca. 42.000 Zuschauer:innen bei sommerlichem Wetter auf dem Beton-Rennkurs mit Begeisterung verfolgt wurde.

Über die Rennaction hinaus wurde den Motorsportfans ein buntes Portfolio an Aktionen, Infoständen und Fannähe geboten. Von kostenlosen Autogrammstunden in der Boxengasse bis zu Festivalstimmung bei zwei Konzerten war für jede und jeden etwas dabei. Ebenfalls wurde in diesem Jahr in einem Bereich des Fan-Villages eine Ausstellung von vollelektrischen Motorrädern, Rollern und Motocross-Bikes präsentiert. Ganz nach dem Motto  „Emotionen brauchen kein Benzin“ konnten die Gefährte betrachtet und bei Probefahrten ausgetestet werden.

Ausstellung vollelektrischer Motorräder und Roller im Fan-Village des Formel-E-Events auf dem Tempelhofer Feld Berlin 2026
Vollelektrische Motorräder zum Probefahren [Foto: Tobias Bernhardt]

Schon jetzt ist die Formel E in vielen Köpfen der Motorsportfans angekommen, auch wenn sie von den Verbrenner-Fanatikern immer wieder belächelt wird. Da steht die Rennserie aber schon seit vielen Jahren drüber und bringt eine beachtliche Leistung, um die Möglichkeiten der Elektromobilität der Welt näher zu bringen und die Menschen dafür zu begeistern. Denn da können wir uns sicher sein: an der Elektromobilität kommen wir in der Energiewende nicht vorbei.

Formel-E-Rennwagen der Generation GEN3 Evo auf der Strecke des Tempelhofer Feldes – das letzte Modell vor der neuen GEN4-Ära
Auto der GEN3-Evo, das nach dieser Saison durch die GEN4 ersetzt wird [Foto: Tobias Bernhardt]

Die Deutsche Gesellschaft für Sonnenergie setzt sich aktiv für die Energiewende ein. Darunter fällt auch eine Verkehrswende inklusiver der Elektrommobilität. Unser Fachausschuss Nachhaltige Mobilität begleitet die Verkehrswende mit Blick auf die Elektromobilität mit Expertise und Leidenschaft. Hier finden Sie mehr Informationen zum Fachausschuss.

Häufig gestellt Fragen zur Formel E (FAQ)

Wie schnell sind Formel-E-Autos?

Die aktuellen GEN3-Evo-Fahrzeuge erreichen eine Spitzengeschwindigkeit von 320 km/h und beschleunigen in nur 1,86 Sekunden von 0 auf 100 km/h – schneller als die meisten Supersportwagen.

Ist die Formel E wirklich ökologisch nachhaltig?

Die Formel E bezieht den Strom für Rennen und Boxen-Infrastruktur so weit wie möglich aus erneuerbaren Quellen – das ist vertraglich mit lokalen Stromanbietern geregelt. Dazu kommen Allwetterreifen aus nachhaltigen Materialien und Einheits-Chassis, das Ressourcenverschwendung im Fahrzeugbau reduziert.

Was hat die Formel E mit einem Serien-Elektroauto zu tun?

Sehr viel: Rekuperationstechnik, Batterie-Management und Ladegeschwindigkeit. Was auf der Rennstrecke erprobt wird, landet künftig unter der Haube von Serienfahrzeugen. Die Formel E ist das Forschungslabor für die Elektromobilität von morgen.