Eine Satire von Heinz Wraneschitz
Wenn eine Studie drei Tage vor der Veröffentlichung wahnsinnige Medienresonanz erzielt – die gegensätzlichen Fakten hinterher aber kaum: Das ist unserem Autor eine satirische Betrachtung wert.

Bild-Autor:innen haben – wie andere der Wahrheit vollständig verpflichtete Medien des Springer-Imperiums – schon am vorletzten Samstag in wenigen Worten zusammengefasst, was erst pünktlich zum meteorologischen Herbstanfang von München aus auf 93 eng bedruckten PDF-Seiten einer so genannten Studie in die weite Welt verschickt werden würde: „Die Auto-Lüge der EU“ werde darin enttarnt. Das wissenschaftliche Fachmagazin „Bild“ beherrscht diese Kunst des Kaffeesatzlesens bekanntermaßen perfekt.
Oder war es eine Gedankenübertragung dreier professoraler Studien-Autoren an die mit internationalen Wissenschaftspreisen überhäufte, ausschließlich der E-Mobilwelt zugewandte Redaktion des linksorientierten Magazins Bild? Denn der Pressesprecher einer der besten Unis Europas lügt doch sicher nicht, wenn er auf Nachfrage versichert: Selbst diesen dort versammelten, wohl weltbesten Klimafachjournalist:innen sei das Papier nicht vor der Pressekonferenz am 1. September 2026, 11 Uhr übermittelt worden.
Doch auch die Bild-Redakteurinnen haben sicher nicht gelogen, als sie ihren per wissenschaftlichen Gedankenlesens produzierten Fachartikel schon Tage zuvor in die Datenwelt entlassen haben. So wie wir sie kennen, hätten sie ganz bestimmt zugegeben, dass sie – wie es ihre Kollegen vom ebenfalls weltweit als Forschungsmagazin anerkannten Focus ehrlicherweise taten – lediglich die Einladung zur Pressekonferenz von TUM-Präsident Professor Thomas Hofmann zitiert hätten. Der hatte geschrieben: „Das jetzt vorliegende White Paper der TUM zeigt eine substanzielle Fehlsteuerung der Europäischen Politik in ihrer Klimastrategie.“
Und jetzt: Die EU-Vorschriften müssen sofort weg
Der Bruder von Hubert Aiwanger hat sich aber bestimmt gleich nach Veröffentlichung am Dienstag über das vom TUM-Präsidenten höchstselbst bestellte „White Paper >Defossilisation, Not Decarbonisation.<“ hergemacht. Und dazu natürlich auch jene 19 Studien mit 47 modellierten Szenarien analysiert, auf denen dieses hochwertigste aller jemals erarbeiteten E-Mobilitäts-Whitepapers basiert. Denn die mitverfassenden („Joint corresponding authors“) Professoren Johannes Fottner, Magnus Fröhling und Tim Büthe weigern sich, konkrete Presse-Nachfragen zu Details zu beantworten. „Die einzelnen Daten müssten Sie bitte den zitierten Originalstudien entnehmen“, heißt es von Prof. Fröhling lapidar.
Deshalb hat sich ganz bestimmt auch der Bruder des bayerischen Vize-Ministerpräsidenten innerhalb weniger Stunden durch zigtausend englischsprachige Seiten gewühlt, damit der studierte Agraringenieur Hubert Aiwanger folgende, fachlich hochstehende Bewertung von sich geben konnte: „Das EU-Verbrennerverbot ist eine reine Ideologie!“ Mit diesem kurzen Satz fasste der nicht für Verkehr zuständige bayerische Staatsminister am 1.9.2026 um 15:47 Uhr per Presseerklärung die 93 Seiten plus 19 Studien mit 47 modellierten Szenarien vortrefflich zusammen. Natürlich hat das Hubert Aiwanger selbst vorher noch nie so gesagt, nur verblüffend ähnlich. Und selbstverständlich ist der allgemein als „Hubsi“ bekannte bisher Freiwählerchef auch jeglicher Polemik oder jedes Populismus zuvor völlig unverdächtig gewesen.
Neider kritisieren vortreffliche TUM-Arbeit
Anders Markus Lienkamp. Der ist als Professor und Lehrstuhlinhaber für Fahrzeugtechnik an genau derselben TUM selbstverständlich schon immer als Polemiker bekannt. Kein Wunder also, wenn der in Sachen Autos völlig fachfremde Fahrzeugtechniker Lienkamp nach ebenfalls fünf Stunden Studienlesens faktenfrei („ich habe nicht alles verstanden“) lästert: „Wie man daraus als Presse oder Politiker ein erforderliches ‚Ende des Verbrennerverbots‘ interpretieren kann, ist mir schleierhaft.“ War damit womöglich Aiwanger gemeint?
Oder gar der linksgrüne Aktivist Martin Wietschel. Wenn dieser Karlsruher Prof., gerade mal Leiter des Competence Centers Energietechnologien und Energiesysteme am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, „die in der Studie genannte Minderung von 41 Prozent gegenüber Benzinern – nicht überraschend, aber beachtlich“ nennt, dann sollte er sich vielleicht selbst die Frage stellen: Und wo bleiben die restlichen 59 Prozent?
Mehr Sonnenkraft? Dafür braucht es neue Studien!
Weiß eigentlich jeder: dafür sorgt die fortschreitende Energiewende, – also mehr Wind, Solar, Speicher. Doch davon steht deshalb nichts im Whitepaper, weil die Münchner Forscher ja schon auf „weitere Studien“ verweisen. Man braucht ja auch künftig Arbeit – warum gleich alles auf einmal abarbeiten? Ob deshalb die Ökoenergiedaten im Whitepaper nicht aus der Jetztzeit, sondern meist aus der Vergangenheit stammen, ist nicht bekannt.
Ebenfalls dürfte allen klar sein, warum TUM-Auto-Professor Markus Lienkamp die Studie als „in Summe alter Wein in nicht besonders attraktiven Schläuchen serviert“ abqualifiziert: „Relevante Professoren der TUM, wie Andreas Jossen, Malte Jaensch, Thomas Hamacher und auch ich, wurden nicht eingebunden.“
Überhaupt keinen Grund gibt es übrigens, wie Prof. Lienkamp zu kritisieren: „Es fand kein wissenschaftlicher Peer-Review, keine Qualitätsprüfung statt. Ich hätte als Reviewer das Paper mit dem Kommentar ‚Major Revisions‘ zur Überarbeitung zurückgewiesen.“ Denn für eine wissenschaftliche Überprüfung von dritter Seite blieb seinen TUM-Kollegen keine Zeit. Sonst hätten ja „manche Pressevertreter oder Politiker“ sich nicht „auf vage Vorabinformationen gestützt haben“ können. Reiner Neid also, dass seine drei Kollegen diese immense vorausschauende Medienresonanz erzielt haben – ohne vorher veröffentlichte Fakten oder wirklich neue wissenschaftliche Erkenntnisse.
Vielleicht hilft aber diese Weißpapier-Arbeit den tollen deutschen Automanagern, das von vielen automatisch vorausgesehene, drohende Verbrennerende hinauszuzögern und damit ihr viel zu niedriges Einkommen längerfristig zu sichern. Den Firmen der Branche wirft die Vereinigung der Interim-Manager nämlich fälschlicherweise „maßlose Überschätzung der eigenen Unfehlbarkeit an den Konzernspitzen“ vor. Dieses schlechte Image hat bestimmt die vorausschauende Berichterstattung von Bild und Co. glattgebügelt.
Hinweise
- Am 30. August veröffentlichte eine Springer-„Zeitung“ einen Beitrag, der die EU-Kommission aufforderte, E-Autos nicht mehr positiv zu sehen. Dabei bezogen sich die Schreiber:innen auf eine Art Metastudie, die erst drei Tage später öffentlich wurde.
In dieser – auf meist alten Zahlen beruhenden – Untersuchung stellten die Autoren der TU München fest: E-Autos sind übers Lebensalter 41 Prozent besser für die Umwelt als Verbrenner – eigentlich eine sehr gute Zahl, die Jahr um Jahr noch besser wird. - Die unsäglichen Umstände um den von vielen auch als „Qualitätsmedien“ geltenden Stellen völlig ungeprüft übernommenen Beitrag habe ich oben satirisch überspitzt dargestellt. Keine andere Darstellungsform kam mir dafür geeigneter vor. Denn: „Satire ist eine Kunstform, mit der Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert werden. Typische Stilmittel der Satire sind die Übertreibung als Überhöhung oder die Untertreibung als bewusste Bagatellisierung bis ins Lächerliche oder Absurde.“ (Quelle: Wikipedia)
- Die nicht verlinkten professoralen Zitate Dritter stammen aus einer Veröffentlichung des Science Media Centers.
