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Heinz Wraneschitz

Atommüll-Endlagersuche: Was bedeuten fünf Prozent türkise Landesfläche?

Bericht von Heinz Wraneschitz

Atommülllager
Bekommen Endlager Ortsschilder?
[Foto: Heinz Wraneschitz]

Am 3. November 2026 bot sich den Menschen wieder einmal online die Gelegenheit, mehr zur Atommüllplatzsuche zu erfahren. Unter dem Motto „Zukunft sicher gestalten: Endlagersuche in Deutschland“ bietet das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) immer wieder „einen kompakten und verständlichen Einstieg in das Suchverfahren“.

Dieses wird immer konkreter. Genau eine Woche vorher hatte die Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH (BGE) nämlich verkündet: Nur noch fünf Prozent der Landesfläche kommen dafür in Frage. Dennoch wollten gerade mal 86 Onliner:innen aktuell informiert werden.

Sprich: Das öffentliche Interesse ist sehr überschaubar. Vielleicht, weil das Wort „Atommüll“ in den Einladungen nicht vorkommt? Dabei geht es bei der Suche um nicht weniger als einen für eine Million Jahre sicheren Platz für jenen radioaktiv strahlenden Abfall, den Deutschlands Uranmeiler über gerade mal gut 50 Betriebsjahre hinterlassen haben.

Fünf Prozent – hier geht noch was

Am Dienstag, 27. Oktober 2026, 14 Uhr hat die BGE auf ihrem Endlagersuche-Navigator diese auf fünf Prozent der Landesfläche eingeengten Suchgebiete eingespielt: Nur noch die darin in Türkis eingefärbten Flächen kommen für das Endlager überhaupt in Frage. Seitdem kann jede:r selbst nachsehen, ob der eigene Wohnort oder die Region noch „in Bearbeitung“ der Fachleute der BGE ist, also als Endlagerstandort in der seit 2020 immer mehr eingeengten Müllplatz-Auswahl für den hoch radioaktiven Abfall aus AKWs infrage kommt. Im Gegenzug steht für 95 Prozent der Fläche Deutschlands fest: Dort wird es kein Atommüll-Endlager geben.

Mixed Emotions – gemischte Gefühlswelt

Vielerorts sahen die Menschen es in der Vergangenheit eher mit gemischten Gefühlen, wenn ihre Region in den von ursprünglich 54 über 45 und zuletzt 25 verbliebenen Such-Prozenten Deutschlands zu finden war.

Iris Graffunder, die Vorsitzende der BGE-Geschäftsführung, wünscht sich deshalb, der Bevölkerung in den noch in der Erkundung verbleibenden Regionen das Positive einer möglichen Standortentscheidung näherbringen zu können: „Leider haben die Menschen Angst vor den Atom-Abfällen. Wie können wir sie davon überzeugen, dass man sicher mit den Abfällen umgehen kann?“ Denn aus Sicht der BGE werden die irgendwann unterirdisch gelagerten, strahlenden Stoffe für wesentlich weniger Gefahr sorgen, als wenn sie in Reaktoren Hitze erzeugen oder in Zwischenlagern auf genau dieses Endlager warten.

„Zwischenlager sind keine Dauerlösung“

Vor allem um solche Themen drehte sich auch die jüngste Online-Info. Dabei erklärte Ina Stelljes vom BASE, es gehe um „1.750 Behälter mit 27.000 Kubikmeter hochradioaktivem Abfall“. Die meisten Castoren stünden in Zwischenlagern an ehemaligen Atomkraftwerken, einige auch in Gorleben. Doch das sei „keine Dauerlösung, der Abfall muss dauerhaft gesichert werden“, eben in einem Endlager. Dabei sprach sie auch die sich zurzeit hochschaukelnden geopolitischen Spannungen wie Ukraine- oder Irankrieg an: Worauf müsse man sich militärisch einstellen? „Wir wollen den Ort des Endlagers vergessen können“, lautet das Ziel laut Stelljes: Unterirdisch sei der Atommüll abgeschirmt zum Schutz von Mensch und Umwelt – jedenfalls dann, wenn der bestmögliche Standort gewählt werde.

BGE und BASE hoffen dank des aus ihrer Sicht „transparenten, lernenden Verfahrens“, dass diese Platzwahl auch von der dortigen Bevölkerung akzeptiert wird. BGE-Chefin Graffunder hatte kürzlich gegenüber der Presse auf Länder wie die Schweiz oder Finnland verwiesen: Dort stehen bereits Standorte fest bzw. werden Endlager gebaut, und der Bevölkerung würden eher die positiven Seiten eines solchen Projekts präsentiert, „neue Straßen, verbesserte Infrastruktur, Arbeitsplätze“. Auf eine solche Argumentation setzt sie auch für unser Land. Doch bis es so weit ist, dass die BGE dem Bundestag einen Standort vorschlägt, der für mindestens eine Million Jahre sichere Lagerung gewährleistet, wird es laut Graffunder „mindestens bis Mitte der 2040er Jahre, spätestens Mitte des Jahrhunderts“ dauern.

Noch eine lange Zeit Unsicherheit

Dabei arbeitet die BGE nach dem 2017 vom Bundestag beschlossenen Standortauswahlgesetz (StandAG). Danach sollte das Auswahlverfahren eigentlich schon 2031 abgeschlossen sein. Zwischenzeitlich wurden jedoch sogar die späten 2060er Jahre als Festlegungstermin genannt. Nun will die Bundesgesellschaft Ende 2027 „etwa ein oder zwei Handvoll Standortregionen“ benennen. Durch den Verzicht auf ursprünglich vorgesehene unterirdische Erkundungen nach der sogenannten „2. Phase“ im Auswahlverfahren soll der endgültige Standort etwas früher feststehen. Doch danach dauert es noch viele Jahre bis zur Inbetriebnahme.

Zuvor aber werden ab 2027 Regionalkonferenzen (RK) in jeder der dann benannten, potenziellen Standortregionen eingerichtet. „Die RK bleiben so lange bestehen, wie die BGE die Region in der Auswahl lässt“, erläuterte Ina Stelljes am Dienstag. „Die RK sind für den Diskussionsbedarf. Sie sollen kritisch und langfristig die Auswahl begleiten, sich reiben mit den Akteuren“, womit sie wohl hauptsächlich BGE und BASE meinte. Dafür bekämen die RK „konkrete Beteiligungsrechte – beispielsweise Gutachter bestellen, Nachprüfaufträge erteilen, Stellungnahmen abgeben“. Und: „Es wird immer Rückkopplung mit der Gesamtbevölkerung geben.“ Aber nur wenige Personen können persönlich in diesen RK mitmachen. Deshalb ist es – wie bei jedem umweltrelevanten Projekt – jedem und jeder möglich, „Rügen“ über die Arbeit der BGE an das Aufsichtsamt BASE zu schicken oder nach jeder StandAG-Phase Stellungnahmen abzugeben.

Rügen dürften wohl schon jetzt nicht mehr aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Hessen, Berlin oder Sachsen kommen: Diese Bundesländer sind bereits frei von türkisen Flächen. Doch außer in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern, wo nur noch je ein kleiner Fleck türkis eingefärbt ist, sind in allen anderen Ländern größere Gebiete zu finden. Diese unterziehen die BGE-Mitarbeitenden nun weiteren Prüfschritten. „Wir schauen vor allem nach Standorten mit langweiliger Geologie, also wo in der letzten Million Jahre möglichst wenig passiert ist“, heißt es von der BGE dazu.

Insgesamt untersucht die BGE nach eigenem Bekunden aktuell noch 36 Teilgebiete tiefergehend. Unter diesen im Navigator türkis gefärbten Gebieten befinden sich auch eine ganze Reihe in der ostbayerischen Mittelgebirgsregion, zum Beispiel rund um Flossenbürg. Zur Erinnerung: Schon 2020 hatten die dortigen Regierungsparteien CSU und Freie Wähler (FW) verkündet: „Wir sind überzeugt, dass Bayern kein geeigneter Standort für ein Atomendlager ist.“ Nun aber machte BGE-Mitarbeiterin Lisa Seidel gegenüber der Presse eindeutig klar: Für ihr Unternehmen gebe es „keine politischen Einschränkungen und Vorgaben“.

Ablehnen oder tolerieren – kommt es am Ende zum Showdown?

Doch was, „wenn Ergebnis der jahrelangen Meinungsbildung vor Ort ist, dass die Bürger den nach wissenschaftlichen Kriterien gefundenen Standort als Endlager kategorisch ablehnen? Wie geht man damit um?“, wurde in der Online-Bürgersprechstunde gefragt. Die Antwort von BASE-Fachfrau Ina Stelljes: „Das ist eine der Grundschwierigkeiten. Ich gehe davon aus, dass jede Region einen Standort ablehnen wird. Aber ablehnen ist etwas anderes als tolerieren. In der Schweiz ist die Wirkung der Regionalkonferenzen gut: Die Leute begreifen, dass man einen Standort braucht.“ Das klang am Ende dann doch wie das Prinzip Hoffnung, auf das man beim zuständigen deutschen Bundesamt setzt.

Termin

Wer selbst etwas (oder viel) tiefer in die Endlagersuche krabbeln will, kann das bald zwei Tage lang kostenlos tun: Beim 5. Forum Endlagersuche am 13. und 14. November 2026. In Erfurt im KongressCenter oder daheim online. Online-Anmeldung noch bis zum 12.11. möglich.