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Götz Warnke

Zukunftsenergien, Teil 1

Ein Essay von Götz Warnke

Carport-PV, die durch PV-Anlagen geschützten Stellplätze, gibt es inzwischen auch für Einkaufszentren
[Foto: Götz Warnke]

Jahreswechsel sind ja immer Zeiten des Ausblicks, oft mit guten Vorsätzen verbunden, und des Rückblicks. Zu letzterem gehören auch die Erfolge und Misserfolge eines Jahres. Und so sieht man als Journalist:in u.a., welche Themen einem – aus guten oder schlechten Gründen – im vergangenen Jahr „durch die Lappen gegangen“ sind. Darunter ist auch das Wissenschaftsjahr 2025 zum Thema „Zukunftsenergien“, das wie schon vorangegangene Wissenschaftsjahre vom nun neu formierten „Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt“ verantwortet wird.

Die allgemein mangelnde Beachtung des Wissenschaftsjahres mag verschiedene Ursachen haben. Da sind zum einen die politischen Großereignisse des Jahres 2025 wie der Krieg in der Ukraine, die Bundestagswahl, die Koalitionsverhandlungen, die Sondervermögen für Bundeswehr und Infrastruktur, der Trump im zoll- und außenpolitischen „Porzellanladen“, usw. usw.

Aber auch die Organisatoren des Wissenschaftsjahres 2025 dürften ihren Beitrag zur mangelnden öffentlichen Wahrnehmung geleistet haben: Die Erneuerbare-Energien-Verbände, die naturgemäß gute Kontakte zu den jeweiligen Wissenschaftlern und Interessierten haben, wurden im Vorfeld des Wissenschaftsjahres nicht entsprechend kontaktiert. Die auf der Website erzählte „kurze Geschichte der Energie“ beginnt hausbacken-banal 1769 mit James Watts Dampfmaschine – ganz so, als hätte es weder die mit Wind- und Wasserkraft angetriebenen frühneuzeitlichen Gewerbe- bzw. Industriemühlen noch die solaren Schmelztechniken eines Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und anderer gegeben. Und bei den aufgeführten Themenbereichen, bei denen die Photovoltaik an letzter Stelle steht, gibt es zwar einen eigenen Themenbereich für die klimapolitisch irrelevante Fusionsenergie, aber die für Wind- und Wasserkraft fehlen. Es mag also sein, dass diese ministerialbürokratische Ignoranz hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung des Wissenschaftsjahres bereits alles, wenngleich nicht zum Besten erklärt.

Doch wir sollten hier nicht bei der Kritik stehen bleiben, sondern uns dem Thema Zukunftsenergien auf anderen Wegen nähern, z.B.: Was ist eine Zukunftsenergie? Wie lässt sich diese definieren?

Eine Antwort könnte lauten:

„Zukunftsenergien sind solche, welche die künftige Energieversorgung im Allgemeinen oder in speziellen Teilen des Energiesystems sicherstellen, ohne die überlebenswichtigen Funktionen des Erdsystems zu überlasten oder zu zerstören. Zukunftsenergien sind zudem dadurch gekennzeichnet, dass sie innovativ sind, eine technische Nische vollumfänglich versorgen können oder sich durch Ausdifferenzierungen weitere Energieernte-Optionen erschließen.“

Soweit der Versuch einer Definition. Zu den Zukunftsenergien gehören zweifellos die Erneuerbaren Energien, die ja auch im allgemeinen Erklärvideo des Wissenschaftsjahres aufgeführt werden. Nach der o.a. Definition ist hier aufzuführen:

Die Photovoltaik: Immer neue Leistungsrekorde, neue Materialkombinationen und Fertigungsfortschritte kennzeichnen dieses Segment. Dazu kommt die innovative Ausdifferenzierung in Agri-, Carport-, Floating-, Fenster- und Zaun-PV sowie die Steckersolar-Geräte und neuerdings die Innenlicht-PV, die alle zusammen neue Möglichkeiten für die Energieernte erschließen.

Die Solarthermie: Neben der Unabhängigkeit von kritischen Rohstoffen gibt es immer vielfältigere Einsatzmöglichkeiten in städtischen Wärmenetzen und industrieller Wärme.

Die Windenergie: Sowohl onshore als auch offshore gibt es neue Anlagendesigns sowie verschiedenste Entwicklungen bei Gründungen, Türmen und Rotoren, um u.a. den CO2-Fußabdruck der Anlagen zu reduzieren – auch bei Kleinwindanlagen.

Die Wasserkraft: Obwohl schon seit Jahrhunderten im Einsatz, gibt es auch hier immer noch Innovationen; jüngstes Beispiel ist die Aquathermie, eine Kombination von Wasserkraft und Fliessgewässerwärme.

Die Geothermie: Insbesondere in der Tiefengeothermie gibt es eine Vielzahl neuer Bohrtechniken (z.B. mit Mikrowellen) und neuer Bohrverfahren (Bohrung von Wärmetauschern), die neue Optionen für eine netzgebundene Wärmeversorgung erschließen.

Die Bioenergie: Auch wenn es bei dieser ältesten Regenerativ-Energie vergleichsweise wenig Innovationen gibt, und die Zukunft einiger Teilbereiche wie z.B. der Biomasse eher in der stofflichen als in der energetischen Nutzung liegt, so gibt es noch einigen Forschungs- und Innovationsbedarf, zumal beispielsweise die Biomasse einen Teil des Hochtemperatur-Bedarfs der Industrie abdecken kann und speicherbares Biogas der Netzstabilisierung dient. Andererseits beruht ein Teil des Biogases auf erdölbasierten Düngemitteln, so dass eine Ausweitung der Bioenergienutzung hier nicht in Frage kommt.

Zwei weitere „Zukunftsenergien“ werden auf der Website des Wissenschaftsjahres prominent erwähnt, die eine kritische Betrachtung erfordern:

Die Fusionsenergie: Auch wenn diese Form der Kernenergie mit Markus Söder und Donald Trump einige prominente Fans gefunden hat, so bleibt doch die grundlegende Kritik an dieser Form der Energiegewinnung weiterhin berechtigt. Dabei ist die Fusionsenergie eine besondere Zukunftsenergie: Ganz gleich, ob man in die 1970er, 1980er, 1990er oder 2000er Jahre etc. schaut – der große Durchbruch der Fusionsenergie liegt immer 20 Jahre in der Zukunft.

Der Wasserstoff: Das höchst flüchtige Element ist vieles: chemischer Grund- und Werkstoff für verschiedene Verfahren, feuergefährlich, Energieträger bzw. -speicher etc. Im Sinne der Nachhaltigkeit kann nur natürlicher („weißer“) Wasserstoff als Energie gelten, denn grüner Wasserstoff wird mit Erneuerbaren Energien recht verlustreich hergestellt, um dann als Energieträger oder chemischer Grundstoff zu dienen. Zudem gibt es immer wieder eine Vielzahl von Kritikpunkten an der Wasserstoff-Wirtschaft, u.a. weil freigesetztes H2 indirekt zur Erderwärmung beitragen kann.

Wer nun aber fürchtet – oder hofft, die o.a. Erneuerbaren Energien könnten allein nicht den künftigen Energiebedarf decken, sie kämen ohne Unterstützung durch die Fusions-, Wasserstoff- oder gar Kernspaltungsenergie nicht aus, der wird enttäuscht werden: es gibt noch weitere, bisher wenig oder gar nicht genutzte Regenerativenergien!