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Heinz Wraneschitz

Wasserstoff: Gebt mir eine Billion für einen Elektrolyseur

Ein kleiner Sarkasmus von Heinz Wraneschitz

Dieses Brennstoffzellenauto fährt tatsächlich!
[Foto: Heinz Wraneschitz]

„Bevor ich mir ein Batterieauto kaufe, warte ich bis es Wasserstoff-(H2-)Autos gibt. Und am Ende ist das H2-Auto ja auch ein E-Auto. Denn auch im Brennstoffzellen-(BZ)-Auto ist eine Batterie. E- oder BZ-Auto: das ist ein unsinniger Streit. Aber das Verbrenner-H2-Auto kommt nicht.“ Klingt irgendwie halb logisch. Hört man heute trotzdem oft. Wobei diese Sätze tatsächlich schon vor sechs Jahren genau so gesagt wurden. Von wem und wo? Dazu später mehr.

Anders als bei den Stromern ist man heute mit den H2-Autos immer noch nicht viel weiter. Kein Wunder, allein, wenn man sich die Energiebilanzen anschaut. In den wenigen BZ-Limousinen hierzulande sitzen vor allem Professoren von H2-Lehrstühlen oder Politiker (männlich). Die Nürnberger Lasterfirma MAN Truck & Bus entwickelt wiedermal an H2-Verbrenner-Lastern: BMW hat das mit 7er-Limos auch schon mal probiert. Damals (Anfang der 1990er Jahre) gab es massive Fördergelder für den Aufbau einer Wasserstoffkette von der Solaren Erzeugung bis zur verbrennerischen Nutzung. Nannte sich „Solar Wasserstoff Bayern“ (SWB), wurde vom damaligen Energiekonzern Bayernwerk in Neunburg vorm Wald / Oberpfalz errichtet – und ein paar Jahre später wieder geschliffen.

Heute – fast 40 Jahre später – behauptet man, es gebe sogar ein „Nationales H2-Zentrum“ im niederbayerischen Pfeffenhausen, gut 100 km von der Ex-SWB entfernt. 100 Mio. Euro Fördergelder hatte im Jahr 2021 der (damalige) CSU-Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer dafür zugesagt; Wahlkreis: Passau (Niederbayern). Und der Freistaat Bayern wollte nochmal 30 Mille drauflegen. Aber nicht aus dem Etat des Verkehrs-, sondern aus dem des Weiß-Blauen Wirtschaftsministeriums (WiMi) sollte das Geld kommen. Das WiMi führte damals und auch heute noch: Hubert Aiwanger – deutschlandweit besser bekannt als Hubsi – von den Freien Wählern. Der stammt natürlich auch aus Niederbayern – Bundestagswahlkreis Rottal-Inn.

Werden 100 Mio. zu 54 geschrumpft?

Dieser Tage hatte man das Gefühl, in Niederbayern entsteht schon wieder etwas völlig Neues, Großes, die Welt mit H2 Überschwemmendes. Massenmedienjubel deutschlandweit über „54 Mio. Euro: Bund fördert H2-Projekt in Bayern“. Doch tatsächlich ging es um dasselbe Pfeffenhausen, dem einst jene zusammen 130 Mio. auf einen Schlag zugesagt worden waren. Nun sollen erst weitere Förderanträge ein paar zusätzliche Mio. bringen, ließ der jetzige, nicht aus Niederbayern stammende CDU-Bundes-Verkehrsminister Patrick Schnieder wissen.

Und Bayern selbst scheint sich an seine 30-Mio-Euro-Zusage auch nur noch vage zu erinnern. Laut Ministerpräsident Markus Söder seien „bereits Gelder für Grunderwerb und Erschließung aus diesem Topf in Richtung der kommunalen Projektentwicklungsgesellschaft H2LA GmbH geflossen“. Wie wenig, darüber schweigt sich die Marktgemeinde Pfeffenhausen trotz vieler plüschiger Wortwolken aus.

Doch wer glaubt, dass die anfangs verkündeten, großspurigen Ideen einer „H2-Modellregion Bayern“ – Kürzel: HyBayern – inzwischen weit verbreitet wären, muss die Augen reiben. Denn noch immer wirbt Hynergy als Teil der Hy-en Bayern mit einem offensichtlich von H2-Freaks im Winter 2019 durchgeführten „Winter-Praxistest“, bei dem ein BZ-Auto einen Stromer kalt aussehen ließ.

Was wird aus den großen Plänen?

Aber ja: in Pfeffenhausen wird „schon“ H2 produziert, aus regionalem Erneuerbaren Strom – auch das stimmt. Doch wie ein Magazin auflistet, stehen in „Pfeffenhausen, dem Herz des deutschen ITZ-H2“ neben Test- und Prüfständen für Brennstoffzellen-Antriebe auch solche für H2-Verbrennungsmotoren und für schwere Nutzfahrzeuge.

Es gibt also offensichtlich Bundes- und Bayern-Fördergeld genau für etwas, was es nie geben wird. Das jedenfalls gab (des Anfangs-Rätsels Lösung) Hubert „Hubsi“ Aiwanger am 29. Mai 2020 beim „Startschuss für die H2-Strategie Bayern“ in einer Nürnberger Messehalle von sich: „Das Verbrenner-H2-Auto kommt nicht.“ Trotzdem hat man das Gefühl, der Minister lässt sich bis heute mit jedem H2-Fahrzeug knipsen, das in Bayern neu zugelassen wird. Wobei: das ist nicht so schwer. Es sind ja nicht viele – sowohl die mit BZ wie jene mit H2-Verbrenner.

Trotz aller ministerieller Anstrengung hat man im Freistaat nicht den Eindruck, die von Aiwanger schon 2019 mit der Gründung des „Zentrum Wasserstoff Bayern“, kurz H2.B, ausgerufene bayerische H2-Offensive wäre breit in der Öffentlichkeit angekommen. Kein Wunder, wenn selbst Elisabeth Gruber Löw, die „Referentin Energiepolitik & Regulierung“ dieses H2.B, noch im März 2026 von ihrer kaum bei der Bevölkerung bekannten Einrichtung als „Zentralstelle zur Stärkung und Beschleunigung des Hochlaufs der H2-Wirtschaft“ spricht. Eine von zwei H2.B-Vorstandsposten hat übrigens die wesentlich bekanntere Professorin Veronika Grimm inne – wenn auch mehr als – gerade wegen einer Aufsichtsratstätigkeit bei Siemens Energy nicht unumstrittene – „Wirtschaftsweise“ denn als Wasserstoff-Unterstützerin.

Zumal Bayern bei diesem H2-Hochlauf eher kleckert denn klotzt: Da ein H2-Laster, der Drogeriemärkte beliefert; dort ein H2-Zug, „drei weitere sollen kommen“. 30 massiv geförderte H2-Tankstellen und 26 Elektrolysen zählt Gruber Löw als Rechtfertigung für die Arbeit von H2.B auf – „und Vernetzung“.

Machen Billionen statt Millionen H2 startklar?

H2-Experte Peter Adam, bis vor Kurzem bei Siemens Energy mit für das H2-Geschäft zuständig, würde dagegen lieber Klötze einschlagen. Und zwar mit einem Riesen-Elektrolyseur, der irgendwo in einer sonnigen Gegend mit Solarkraft oder von Windstrom aus der Nordsee versorgt wird. Für ihn steht einerseits fest: „Wasserstoff ist das Schlüsselelement für Dekarbonisierung und für ein künftiges Erneuerbare-Energien-System“ – und zwar als Langzeitspeicher. H2 werde über das bestehende Gasnetz zu den Kunden geführt; die Umrüstung koste nur ein Fünftel neuer, eigener H2-Leitungen. Aber er ist andererseits auch sicher: „Ein Großteil der Energie für Europa wird woanders herkommen. Wir müssen sie irgendwoher kaufen.“

Klingt nach unkritischer H2-Euforie, ist es aber nicht. Denn Peter Adam sagt auch ganz klar: „Für die Erzeugung von einer Tonne (t) H2 braucht man 9t Wasser. Die H2-Erzeugung produziert 900-fach CO2.“ Sprich: H2 belastet die Umwelt. Weshalb er offensichtlich die Notwendigkeit sieht, das entstehende CO2 irgendwo zu verstecken, bekannt unter dem Kürzel CCS. Was aber – und das sagt Adam nicht – den Klimawandel auch nicht stoppen würde.

Was er aber sagt: Baut lieber einen Elektrolyseur mit einer Gigawatt-Leistung für eine Billion Euro als zig kleine H2-Erzeuger, die in Summe wesentlich mehr kosten. Denn auch das gibt Adam ohne Umschweife zu: Heute kostet H2 1,5 bis 5 Dollar je kg. Und das ist kein Wert, mit dem man anderen – fossilen, geschweige denn erneuerbaren – Energieformen nur halbwegs das Wasser reichen kann.

Doch was wird brandaktuell stattdessen bejubelt? „Thyssenkrupp Nucera liefert 15 Elektrolyseure mit insgesamt 300 MW (= 15 x 20 MW; d.Red.) nach Südspanien.“ Dort entsteht ein „Andalusian Green Hydrogen Valley“ für geplante 3 Mrd. Euro. Man darf gespannt sein, wie hoch die Kosten am Ende liegen werden.