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Heinz Wraneschitz

Wasser – ein Menschenrecht

Ein Essay von Heinz Wraneschitz

Wasser ist Leben – und in Gefahr.
[Foto: Heinz Wraneschitz]

Nicht Fleisch (wie einst die Werbung behauptet hat), sondern Wasser ist ein Stück Lebenskraft. Oder besser: Wasser ist DAS Stück Lebenskraft. Denn während gesunde Menschen wohl gut einen Monat ohne Essen auskommt, ist deren Überleben „etwa 100 Stunden ohne zu trinken bei moderaten Temperaturen schon möglich. Wenn es kälter ist, sogar ein bisschen länger. Wenn ihr direktem Sonnenlicht ausgesetzt seid, ein bisschen weniger“, hat Claude Piantadosi von der Duke University herausgefunden.

Doch Wasser ist mehr als „nur“ unser wichtigstes Lebensmittel: 71 Prozent unserer Erde sind von Wasser bedeckt. Manchmal aber zerstört Wasser gar Teile der nicht von ihm bedeckten Erde und tötet Menschen. Die in Deutschland wohl erinnerlichste Wasserkatastrophe der letzten Zeit war jene im rheinnahen Ahrtal im Jahr 2021. Böses Wasser!

Aber selbst dort gibt es auch „gutes Wasser“. So wirbt die Sinziger Mineralbrunnen GmbH für ihr Produkt aus der Ahrtal- Quelle als „das kostbare Mineralwasser aus dem Ahrtal. Das Produkt aus dem Ahrtal lagert nicht in Weinkellern, sondern im tiefen Grund, gleich beim Naturschutzgebiet Ahrmündung. Es ist natürlich gefiltert durch hunderte Millionen Jahre altes Gestein und von ursprünglicher Reinheit. Mit einer „Charity-Aktion“ hat das Unternehmen nach der Flutkatastrophe den Wiederaufbau sogar finanziell unterstützt.

Während in dieser Bergregion hoffentlich nachhaltig Mineralwasser aus dem Boden geholt wird, häufen sich anderswo die Proteste gegen die Entnahme großer Wassermengen durch die Getränke-Industrie.

Wasser in Konzernhänden

Diesen oft internationalen Konzernen hat der SZ-Wirtschaftsredakteur Uwe Ritzer im vergangenen Jahr ein ganzes Buch – nein: einen Krimi gewidmet. „Der Ausverkauf – Wasser, Boden, Rohstoffe“ ist der Titel. Im DGS-Magazin Sonnenenergie habe ich darüber geschrieben: „Auch wenn wir uns bei der DGS meist über „Energie ist Leben“ unterhalten steht fest: Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel. Doch weltweit versuchen Konzerne krakengleich, das Recht über dieses Lebensmittel an sich zu reißen.
Gleichzeitig aber greifen solche Wirtschaftskraken auch nach dem Grund und Boden. Denn darunter lagern meist jene anderen wichtigen Rohstoffe, die wir zur Produktion jener Techniken benötigen, welche unter anderem die Gewinnung Erneuerbarer Energien überhaupt möglich machen.
Doch wer sind diese Krakenkonzerne überhaupt? Ja, Nestlé kennen viele im Zusammenhang mit Trinkwasserrechten. Doch wer hat schon jemals von Glencore gehört? Wer Uwe Ritzers Buch einmal aufgeblättert hat, kann kaum mehr aufhören, weiter darin zu lesen: So spannend ist dieser Wirtschaftskrimi des SZ-Investigativ-Journalisten zu lesen. Dabei erfährt man von Glencore viel mehr, als man womöglich wissen will. Oder von quecksilberverseuchtem Trinkwasser in den Bergbaugegenden von Peru. Oder, oder, oder…“

Auch die Öko-Energien verbrauchen Wasser

Gerade am letzten Satz ist zu erkennen: Nicht nur die Wasser-Industrie, selbst jene Wirtschaftszweige, die sich vordergründig für nachhaltige Energien einsetzen, können im Hintergrund für das weltweite Wasserproblem mit verantwortlich sein. Um „die globale Industrie vor einem beispiellosen Kollaps, nicht wegen fehlender Rohstoffe, nicht wegen Energieknappheit – sondern wegen Wassermangel; von chilenischen Kupferminen über taiwanesische Halbleiterfabriken bis zu afrikanischer Landwirtschaft oder europäischen Lebensmittelwerken“ zu schützen, gibt es allüberall an neuen Wasser-Ideen Forschende und Produzierende. Wie zum Beispiel die „Desert Greener“. Die Firma verspricht: „Österreichische Ingenieurskunst macht mit Sonnenenergie aus Meerwasser Süßwasser. Funktionierende Technologie. Genau dann, wenn die Welt sie am dringendsten braucht.“ Ob das tatsächlich stimmt, war aus der mittelfränkischen Ferne nicht zu überprüfen.

Was hierzulande geschieht…

Leichter gegenzuchecken ist dagegen, wie die hiesige Getränkeindustrie mit Grund- und Mineralwasser umgeht. Für besagtes „Ausverkauf“-Buch hat sich Uwe Ritzer zum Beispiel im fränkischen Treuchtlingen umgesehen. Dort hat vor drei Jahren Aldi Nord (sic) den bislang eher regional bekannten „Grundversorger Altmühltaler“ übernommen: Aus einem Familienunternehmen wurde Teil des weltweit stark wachsenden Aldi-Konglomerats. Und weil dessen Wachstum auch mehr Mineralwasser braucht, gibt es seitdem heftigen Widerstand gegen die Ausweitung der Wasserentnahme im Altmühltal.

Aldi Nord im Altmühltal war auch eines der Negativ-Beispiele, die Leonie Ehlerding in der im Video etwas verkürzt nachzusehenden Online-Veranstaltung „Wasserkrise – Wie Konzerne die Krise anheizen und wer am Ende zahlt“ vorstellte. Ehlerding ist aktiv bei „Guter Grund“, einer nach eigenen Angaben „Bewegung an der Schnittstelle von planetaren Grenzen, Wasser und Landwirtschaft“, die es nicht nur hierzulande gibt. Der deutsche Ableger sitzt in Berlin.

Die „Gute-Gründin“ kritisierte dabei einerseits die Geldgier des Discounters: „Durch die Übernahme der alten Verträge darf Aldi Nord 650.000 m³ 10.000 Jahre altes Wasser im Jahr fördern. 29 Cent kostet die 1,5-Liter-Flasche. Angenommen, jeder geförderte Liter würde verkauft: 123 Millionen Euro.“ Übrigens kostet den Treuchtlinger:innen jeder m³ 3,30 Euro. Aldi Nord muss jedoch erst seit Jahresbeginn 2026 10 „Wasser“-Cent/m³ bezahlen.

Überwachung? Kaum vorhanden.

Andererseits – und das sei nicht nur in Treuchtlingen und Bayern so, sondern in der gesamten Republik – werde nicht überwacht, was wirklich gefördert wird. „Das dokumentieren die Konzerne selbst“ und melden die Zahl – ob richtig oder falsch – an die Wasserwirtschaftsämter. Die WWA wiederum melden Überschreitungen den Landratsämtern, welche Sanktionen verhängen können. Was aber selten geschehe, so Leonie Ehlerdings Erkenntnis.

Und auch das ist kaum zu glauben: Die Verträge zwischen Staat und Unternehmen gelten als Betriebsgeheimnis. Und Gutachten, die zum Antrag auf Wasserentnahme gehören, dürfen die Firmen selber erstellen lassen – statt dass die Behörden den Auftrag erteilen und die Kosten in Rechnung stellen. Es gebe noch nicht einmal eine Regelung, dass Gutachten aktuell sein müssen. So habe RedBull im Brandenburgischen Baruth 2023 einen Vertrag abgeschlossen und dürfe über 25 Jahre 2,35 Millionen Kubikmeter (m³) Wasser im Jahr fördern. Und das auf der Basis eines Gutachtens aus dem Jahre 2006.

Klimawandel = Wasserwandel?

Seither wird der Klimawandel bekanntlich immer deutlicher sichtbar. Der zeigt sich gerade in Deutschlands Wasserhaushalt: Jährlich gingen in diesem Jahrtausend durchschnittlich 760 Millionen Tonnen Wasser verloren, etwa ein Drittel der Wassermenge des Bodensees. Hauptursache: Erhöhte Verdunstung – wohl vor allem wegen höherer Temperaturen.

Und zudem hat sich in Baruth seit 2023 nach Guter-Grund-Erkenntnissen „die Grundwasser-Neubildungsrate deutlich verringert. Das ist keine nachhaltige Bewirtschaftung“, wie sie das Wasserhaushaltsgesetz eigentlich fordere.

Wasserförderung in der Fossil-Industrie

Doch trägt die Getränkeindustrie beileibe nicht alleine die Schuld an sinkenden Grundwasserspiegeln. Selbst in stillgelegten Steinkohle-Gruben wie an der Saar werden laufend Mio. m³ Grundwasser gefördert – in einer Gegend, wo das Trinkwasser seit 150 Jahren in immer mehr zunehmendem Maße von außerhalb zugeliefert werde, war im Grünen-Webinar zu erfahren. Ein Zustand, der auch für die Lausitz gelte.

Und – wie die Organisatorin und Europa-Abgeordnete Jutta Paulus voraussah: „Irgendwann ist die Firma dann insolvent, der Betreiber wird aus der Haftung entlassen.“ Die Kosten würden demnach also uns allen zur Steuer-Last fallen. Ohnehin attestiert Paulus der Gesellschaft einen „Wasserbankrott: wir nehmen viel mehr raus, als wieder reinkommt“ in die Grundwasserspeicher. Und an den verschiedensten Orten der Welt gebe es „entweder zu viel oder zu wenig, aber und meist zu schmutziges Wasser. Wegen der Klimakrise, wegen der Ewigkeitschemikalie PFAS, wegen Schwermetallen oder Nitraten in unserem wichtigsten Lebensmittel“.

Initiativen und ihre kleinen, wichtigen Schritte

Dagegen wehren sich zwar Initiativen wie der weltweit aktive Viva con Agua e.V. Doch was Christian Wiebe im Webinar erzählte, ließ mich erschauern: Ob Wasserversorgung allgemein, sanitäre Einrichtungen oder Hygiene (auch dazu braucht es Wasser): Was eigentlich nach den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen (SDG) bis 2030 für alle Menschen verfügbar sein soll, wäre aus seiner Sicht nicht einmal mit einer Vervielfachung der Anstrengungen noch zu schaffen.

Deshalb sind die vielen lokalen Erfolge, über die Wiebe berichtete, zwar lediglich Tropfen auf die heißen Steine – im doppelten Wortsinn. Und trotzdem geben solche Aktivist:innen nicht auf: Wenn in Nina Manzi in Südafrika ein „Wash Bus 7000 Obdachlosen ein Stück Würde zurückgibt“, dann ist das sehr gut. Aber eben zu wenig.

Wenn jede:r etwas tut…

Doch könnte helfen, wenn jede:r etwas mehr dazu beiträgt, dass Wasser nicht mehr nur Spekulationsobjekt bleibt, sondern wieder das wird, was es eigentlich ist: Ein Menschen-Grundrecht nämlich. Und deshalb erlaube ich mir am Ende auch, auf die Petition „Wasser für alle statt Profite für Wenige!“ hinzuweisen. Die fordert zwar nur: „Konzerne, die Wasser verschmutzen, müssen zahlen und nicht wir Bürger:innen!“ Doch auch solch kleine Schritte können helfen.

Und wenn es nur jener Denkschritt ist, der das Bewusstsein für das wichtigste Lebensmittel steigert.