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Götz Warnke

Verkehrswende? Geistige Geisterfahrer!

Ein Meinungsbeitrag von Götz Warnke

Geisterfahrer in der Verkehrswende
[Foto: wikipedia.org/wiki/Falschfahrer CC0]

Das deutsche Verkehrssystem ist voller Baustellen – nicht nur im praktischen, sondern auch im übertragenen Sinn: da sind zum einen die viel zu hohen Klimagas-Emissionen in diesem Sektor, so dass die Klimaziele in diesem Bereich ständig verfehlt werden. Da sind die schieren Massen an Autos, die zudem im Durchschnitt immer schwerer werden („VerSUVung“ des Straßenverkehrs), und daher nicht nur immer mehr Energie verbrauchen, sondern auch mit den breiten Reifen mehr Abrieb/Feinstaub erzeugen, als Verbrenner die Luft verpesten und die Städte aufheizen. Es fehlt weitgehend an einer Infrastruktur für sicheren Fahrradverkehr, ebenso wie an einem gut ausgebauten ÖPNV.

Die Bahn leidet nicht nur unter einer verschlissenen Infrastruktur – das hat sie mit dem Straßenverkehr gemein –, sondern auch durch den Jahrzehnte langen Rückbau ihres Schienennetzes, durch die Aufgabe z.B. von kleineren Nebenstrecken. Zudem sind große Teile des Schienennetzes immer noch nicht elektrifiziert – Deutschland hinkt hier vielen europäischen Staaten deutlich hinterher.

Noch düsterer sieht es bei der Elektrifizierung der Binnenschifffahrt aus. Aber das ist nur das geringste Problem hier. Die letzte fertig gebaute Bundeswasserstraße war der 1992 eröffnete Rhein-Main-Donau-Kanal; ansonsten ging es vor allem um den Erhalt von Strecken. Dabei sollte jedem klar sein, dass die Bahn eine Verlagerung des Güterverkehrs weg von der Straße allein nicht stemmen kann. Das Geld, was in der Binnenschifffahrt fehlt, wird in der Seeschifffahrt locker ausgegeben: ein neuer Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven, neue Kaianlagen und Ausbauten, ständiges Baggern zum Freihalten der vertieften Hafeneinfahrten. Die Seeschifffahrt und ihre Treiber „danken es“ mit steigenden CO2-Emissionen, denn eine fossilfreie Schifffahrt ist in weiter Ferne.

Nicht besser sieht es beim Luftverkehr aus, der von gesetzlichen Abgaben weitgehend befreit ist – kein Wunder also, dass nachhaltige Konzepte wie das elektrische Fliegen praktisch keine Rolle spielen.

Wo man auch hinblickt, eines ist sicher: so funktioniert eine Verkehrswende zu nachhaltiger Mobilität bestimmt nicht.

Bei so viel unübersehbar negativen Fakten stellt sich natürlich die Frage, wie die breite Öffentlichkeit damit umgeht, wie die öffentliche bzw. medial veröffentlichte Meinung dazu steht?

Schaut man in die Medien, so geht es den Bürger:innen derzeit hinsichtlich des Verkehrssektors hauptsächlich um die steigenden Treibstoffpreise. Kaum ist der Tankrabatt beschlossen, da flackert am Horizont schon ein möglicher Kerosinmangel auf, der zu höheren Flugticketkosten führen und so die sommerliche Flugreise teurer machen könnte – ein ungeheuerlicher Gedanke! Da muss natürlich umgehend eine Entlastung her, denn der Deutsche Michel fühlt sich jenseits allen Wohlstands generell schon zu sehr belastet. Wie Flugreisen-Förderung dann aussieht – ob Kerosinpreisdeckel, Aussetzung des Emissionshandels etc. –, ist den braven Bürger:innen egal: Hauptsache, es wird billig. Vater Staat möge doch bitte alle Probleme und Herausforderungen des Weltenlaufs finanziell schnellstens abfedern. Dass dies nicht funktioniert, ist vielen Zeitgenoss:innen allenfalls abstrakt, aber nicht in ihrem konkreten Einzelfall einsichtig.

Statt dessen stürzen sich die Menschen und Medien mit ihrer Aufmerksamkeit wie in einer Ersatzhandlung auf die Possen am Rande des Verkehrsthemas: Da taucht ein in Hamburg verschwundener, alter Paternoster als erstes in den bundesweiten Tagesthemen unter dem Vorzeichen „vermisst“ wieder auf, als gäbe es in unserem Land nicht Wichtigeres zu berichten.

Und in der Ostsee wird die Posse um einen gestrandeten Wal aufgeführt, der irgendwie in die Nordsee transportiert werden soll, wenn er schon nicht von selbst dahin verschwindet. Dafür kann dann auch mal schnell eine Rinne – mit oder ohne Umweltverträglichkeitsprüfung (?) – in den Meeresboden gebaggert werden, während ansonsten die Herrichtung eines deutschen Bürgersteigs etwa doppelt so lange dauert wie die Errichtung eines chinesischen Flughafens. Bei so hehren Rettungszielen spielen die dabei entstehenden Emissionen erst recht keine Rolle. Das deutsche Gutmenschen-Getanze sorgt international längst für Kopfschütteln, zumal andere Länder mit häufigeren Walstrandungen wie z.B. Dänemark der Natur einfach ihren Lauf lassen.

Bemerkenswert ist zudem, wie viel Zeit der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern tags und nachts in der Nähe des Wals verbringt; man könnte meinen, das Bundesland habe sonst keine Umweltprobleme.

Und damit wären wir bei der Politik, dem vierten „Problembären“, der im Zusammenspiel mit braven Bürger:innen, wachstumsfixierten Wirtschaftsvertretern und manchen Medien eine echte Verkehrswende verhindert. Wer das Verbrenner-Aus möglichst auf den Sankt-Nimmerleinstag verschieben will, statt wirklich emissionsfreier Technologien auch klimaschädliche Plug-in-Hybride fördert und weder die Schifffahrt noch die Luftfahrt in ihrem klimaschädlichen Treiben beschränkt, muss sich über die Ursachen verfehlter Klimaziele keine Gedanken machen.

Das Grundproblem bei der Verkehrswende wie bei den anderen Sektoren bleibt, dass wir heute die Verursachenden der Klimakrise sind, dass deren Folgen aber erst die kommenden Generationen ausbaden müssen. Würde es uns als Verursachende direkt treffen, dann würden ganz schnell Mittel und Wege für Gegenmaßnahmen gefunden werden – wie aktuell das Beispiel Benzinpreise und Tankrabatt zeigt.