Ein Rohstoffbericht von Heinz Wraneschitz

[Foto: Heinz Wraneschitz]
Der „Sonderbericht 04/2026“ des Europäischen Rechnungshofs bringt es an den Tag: Bei kritischen, gerade für die Energiewende wichtigen Rohstoffen gibt es in der EU „keine solide Strategie“. Das steht gleich in der Überschrift. DGS-News waren bei der Vorstellung dieser erschreckenden Feststellung dabei. Doch haben die EU-Prüfer:innen, die sich nicht nur um die Finanzen der Union sorgen, noch eine ganze Reihe weiterer, sehr kritischer Punkte offengelegt.
Seltenerdenmetalle; Titanmetall; Bor: Bei drei der im Bericht explizit aufgeführten insgesamt 17 für Batterien, E-Motoren, Magnete und andere „strategisch wichtigen Rohstoffe“, meist Komponenten der Energiewende, stehen „Null Prozent Gewinnung in der EU“. Und wie bei diesen dreien liegen bei weiteren neun dieser aufgeführten Rohstoffe die Recyclingquoten momentan zwischen null und drei Prozent.
Ernüchterung bei den Prüfenden spürbar
Kein Wunder, dass Jan Huth, der Hauptautor besagter Studie, die Zahlen mit offensichtlicher Ernüchterung vortrug. Denn die Kommission hat zwar über alle Bereiche bis 2030 Quoten vorgegeben, zum Beispiel für die Wiederaufbereitung von 25 Prozent – erreicht wird aber wohl nur etwa die Hälfte. Und das auch nur, weil Aluminium, Kupfer und Wolfram schon seit längerem weit über diesem Durchschnitts-Ziel liegen.
Keit Pentus-Rosimannus, Mitglied des Rechnungshofs und für den Bericht als leitende Prüferin tätig, sieht Europa zwar trotzdem „auf dem Weg in Richtung Recycling“ – doch der scheint mehr als steinig. Dabei wäre wenigstens das hier in Produkten verarbeitete Material bereits in der Europäischen Union (EU). Sie sprach davon, „Millionen Tonnen Müll könnten hier recycled werden“.
Denn wo Lithium, Magnesium, Titan und Co. geschürft werden: „In der Hälfte aller Länder, aus denen wir importieren“, ist es laut der Prüferin um die dortige Demokratie eher schlecht oder ganz schlecht gestellt.
Warten auf Mercosur-Vertrag
Zwar ist, wie bekannt, das Mercosur-EU-Abkommen mit vielen Ländern Südamerikas grundsätzlich nach jahrzehntelangen Verhandlungen unterschriftsreif. Laut EU-Kommission ist „der Mercosur ein wichtiger Lieferant von Rohstoffen, die für den grünen und den digitalen Wandel von entscheidender Bedeutung sind. So bezieht die EU beispielsweise 82 Prozent ihres Niobs für die Herstellung supraleitender Magnete für MRT-Scanner und Krebsbehandlungen aus dem Mercosur.“ Deshalb solle „mit dem EU-Mercosur-Abkommen ein nachhaltiger Zugang zu kritischen Rohstoffen sichergestellt“ werden. Doch das EU-Parlament hat den Vertrag kürzlich vor der Ratifizierung der EU-Gerichtsbarkeit zur Prüfung vorgelegt. Was dauern dürfte.
Pentus-Rosimannus erwähnte ebenfalls die Gefahr, der unsichere Kantonist China könne von einem Tag auf den anderen die Lieferung von Rohstoffen oder ganzen Batterien einfach einstellen: Für weite Teile der hiesigen Industrie wäre dies wohl der GAU. Und sie schob ausdrücklich nach: „Wir müssen schnell wieder zu einer eigenen Solarzellenproduktion kommen.“ Die war bekanntlich Weltspitze – bis vor allem Deutschlands Regierungen Entscheidungen trafen, die zur Schließung vieler relevanter Fabriken hierzulande und in der Union führten.
Eigenproduktion kaum verbreitet
Doch warum werden nicht mehr dieser kritischen Rohstoffe in der EU selber gewonnen? Immerhin gibt es offensichtlich für viele davon nachgewiesene Lagerstätten in Mitgliedsstaaten. Beispiele sind Lithium in Portugal oder Grönland, das viele Rohstoffe beherbergt. „Es sind zwar ein paar Projekte auf dem Weg, aber die Selbstbefriedigung liegt noch weit, weit, weit in der Zukunft. Hier müssen wir schneller werden“, forderte Huth.
Rechnungshof-Mitglied Pentus-Rosimannus ergänzte: „Solche Projekte brauchen nicht nur warme Worte, sondern Geld. Die Finanzierung ist nicht ausreichend gesichert.“ Zudem dauere es sogar zu lang bis die Förderverfahren greifen. Und die Umsetzung könne schon mal 20 Jahre dauern. Natürlich sei es wichtig, dass auch bei schnellerer Umsetzung der Projekte der Umweltschutz beachtet werde, machte die Prüferin klar.
Mehr Eigenproduktion und mehr Recycling nötig
Dennoch ist für die beiden Referierenden mehr Tempo bei Eigenproduktion und Recycling entscheidend. Von der EU-Kommission fordern sie, „sich stärker ins Zeug zu legen und ihre Verwundbarkeit auf diesem Gebiet zu verringern“. Die geltende EU-„Verordnung über kritische Rohstoffe“ habe jedenfalls „noch nicht zu greifbaren Ergebnissen geführt“, die Abhängigkeit von den (meist nur wenigen) Lieferländern verringern.
Immerhin nannte Keit Pentus-Rosimannus einen Fakt, der etwas Hoffnung macht: „In den nächsten zwölf Monaten stehen drei Mrd. Euro für die Rohstoff-Initiative bereit. In den beiden vergangenen Förderperioden waren es gerade mal 1,8 Mrd. Euro.“ Und Jan Huth ergänzte: „Von Recycling und Eigenproduktion hätten auch die Steuerzahler etwas.“ Damit meinte er wohl Gewerbesteuer-Einnahmen von an solcher Herstellung beteiligten Firmen und nicht Einkaufspreis-Überweisungen für diese Rohstoffe ins Ausland.
Und die Prüferin endete mit einem Satz, der Hoffnung machen sollte: „Die Kommission nimmt unsere Berichte ernst.“ Sie sprach aber nicht von den Regierungen der Mitgliedsstaaten.
