Ein Meinungsbeitrag von Götz Warnke

[Foto: Götz Warnke]
Ein Gespenst geht um in Europa und besonders in Deutschland: es treibt dem Bundeskanzler die Sorgenfalten auf die Stirn, lässt gestandene Industrielle, Manager und Lobbyisten dramatische Hilferufe in allen verfügbaren Medien äußern und sturmerprobte Gewerkschaftler in Schreckensszenarien verfallen. Der Normalbürger muss dabei unweigerlich den Eindruck bekommen, der Spenglersche Prozess des Untergangs des Abendlandes habe Fahrt aufgenommen und käme immer näher!
Nein, es geht nicht um die Klimakrise; es ist nicht etwa so, dass die regierenden Politiker und handelnden Manager den Ernst der planetaren Lage erkannt hätten und nun konsequent handeln wollten. Es geht um etwas in den Augen der Macher offensichtlich viel gefährlicheres – um die Deindustrialisierung!
Deindustrialisierung meint dabei einen Prozess der Schrumpfung von industriellen Sektoren. Deutschland hat übrigens Erfahrung mit solchen Schrumpfungsprozessen, ohne dass das Land deshalb völlig deindustrialisiert oder gar die Wirtschaft zusammengebrochen wäre: In der Vergangenheit sind einstmals wichtige Industriezweige zu einem Schatten ihrer selbst geworden; die deutsche Textilindustrie, die mechanische Industrie (Brunswiga-Rechenmaschinen, Olympia-Schreibmaschinen), und insbesondere auch die ehemals weltweit führende deutsche Solarindustrie, die durch die von der Bundeskanzlerin Merkel verordnete „Atempause“ sowie durch die Altmaiersche „Strompreisbremse“ massiv schrumpfte und mehr als die Hälfte ihrer Arbeitsplätze verlor – übrigens ohne dass es in der Wirtschaft einen allgemeinen Aufschrei gegeben hätte, ähnlich wie heute bei der deutschen Wärmepumpenindustrie, die durch die überflüssige und schleppende GEG-“Reform“ Federn lassen muss.
Jenseits dessen scheint für viele Lobby-Institutionen der alten Industrie das Rückgrat „unserer Wirtschaft in Gefahr“, überschlagen sich die Profiteure des Status quo wie Investoren und Gewerkschaftler in dunklen Warnungen. Und natürlich mit Forderungen: Die Wirtschaft brauche angeblich
- günstigere Energiepreise (während die günstige Stromdirektbelieferung immer noch ein Schattendasein führt),
- längere Zuteilung von kostenlosen CO2-Zertifikaten (Klimazerstörung darf nichts kosten),
- weniger Regularien und Bürokratie (siehe u.a. Entschärfung des Lieferketten-Gesetzes in Deutschland und der EU),
- niedrigere Arbeitskosten,
- Steuererleichterungen nicht zu vergessen!
Ganz viel „Wir brauchen:“ also.
Dabei ist das deutsche Wort „brauchen“ durchaus vieldeutig: es kann sowohl den notwendigen Bedarf als auch das persönliche Bedürfnis im Sinne von Anspruch, Verlangen, Wunsch meinen. Häufig und insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften werden die Begriffe nicht klar gehandhabt, so dass man von „Grundbedürfnissen“ spricht, wenn man eigentlich den Bedarf meint. Um den Unterschied an einem Beispiel außerhalb des Deindustrialisierungs-Themas zu verdeutlichen: aus medizinischer Sicht bedarf es immer wieder Notoperationen, während Schönheitsoperationen meist dem Bedürfnis des zu Operierenden folgen. Es geht letztlich um den Unterschied zwischen notwendig und wünschenswert.
Angesichts der ungebremst fortschreitenden Klimakrise und den o.a. Wünschen von Wirtschaft und Industrie kann man im Gegenzug fragen, ob es für viele der oft mit einem großen CO2-Fußabdruck hergestellten Industrieprodukte einen echten Bedarf gibt, oder ob sich die Produktion eher an den Bedürfnissen der Produzentenseite sowie anderweitig geweckten Bedürfnissen orientiert. Und ob nicht manche Industrien bei uns überdimensioniert sind.
Gibt es wirklich Bedarf an einer so großen Chemischen Industrie, die aus Erdöl Millionen Tonnen von Plastik erzeugt, das sich als Abfall in großen Müllstrudeln oder bis in die tiefsten Tiefen der Ozeane ansammelt sowie als Mikroplastik bis in unsere Körper gelangt?
Brauchen wir so viel Papier- und Druckindustrie, auch für Einmal-Verpackungen, Flyer, Sticker an Laternenmasten und kurzlebige Werbeprospekte?
Ist eine so große Bau- und Baustoffindustrie notwendig, die weltweit für ca. 40 Prozent und in Deutschland für ca. 30 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich ist, daneben an den Küsten den schützenden Sand und in den Flüssen den Kies als Laichplätze von Fischen wegbaggert – nur damit bei uns auch der Wohnraum pro Kopf und Quadratmeter steigen kann?
Muss es eine derart umfangreiche Glasindustrie geben, damit ein energieaufwendig hergestelltes Obstkonservenglas nach Entleerung gleich wieder in den Glascontainer geworfen und bei über 1.000°C eingeschmolzen werden kann – und wir das Ganze auch noch „Recycling“ nennen dürfen?
Brauchen wir wirklich eine solche Nahrungs- oder Kosmetikindustrie, die ihre Produkte in nicht vollständig entleerbare Behältnisse quetscht und dadurch stets wertvolle Rohstoffe ungenutzt vernichtet?
Brauchen wir tatsächlich eine Modeindustrie, die mit ihrer Fast-Fashion-Praxis in immer mehr jährlichen Kollektionen immer schlechtere Kleidungs-Qualität vertreibt, so dass sich ein Recycling nicht mehr lohnt?
Die o.a. Fragen ließen sich noch eine Weile fortsetzen, doch eines wird deutlich: solche Industrien brauchen wir im bisherigen Umfang jedenfalls nicht! Im Gegenteil: Die Schrumpfung dieser Industrien, ihre Deindustrialisierung, würde nicht nur durch Reduktion von Klimagas-Emissionen sofort dem Klima dienen, sie würde auch den Weg zu 100 Prozent Erneuerbare Energien erleichtern.
Und statt mit öffentlichen Mitteln die unvermeidbare Schrumpfung dieser Industrien hinauszuzögern, könnte man diese Mittel verwenden, um den Aufbau anderer, in Deutschland noch unterrepräsentierter zukunftsfähiger Industrien zu fördern: die Microchip-Industrie, die Batterie-Industrie, die IT-Industrie und, last but not least, die Industrien der Erneuerbaren Energien. Hier können viele neue Arbeitsplätze entstehen, die den Wegfall derer in den alten Industrien kompensieren. Und schließlich gibt es einen hohen Bedarf an Arbeitskräften z.B. im Handwerk. Wer außer Investoren und Gewerkschaften sagt denn, dass es immer Industriearbeitsplätze sein müssen?
Angesichts der galoppierenden Klimakrise sollte die staatliche Subventionierung von klima- und umweltschädlichen, überdimensionierten sowie letztlich unsinnigen Produktionszweigen eigentlich der Vergangenheit angehören. Wer öffentliche Subventionen erhalten möchte, sollte mit seiner Produktion auch dem Gemeinwohl dienen. Der Verweis auf Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze reicht da nicht mehr.
