Eine Betrachtung von Jörg Sutter

[Foto: Sutter]
Die Nordsee soll zu einem großen Kraftwerk werden: Geplant ist der Zubau von 15 Gigawatt (15.000 MW) pro Jahr zwischen 2031 und 2040, um dann im Jahr 2050 einen Gesamtbestand von 300 GW Stromerzeugungskapazität zur Verfügung zu haben. Die Anlagen sollen offshore, also im Meer errichtet werden und sich auf Gebiete verschiedene Anrainerstaaten verteilen. Das ist das Ergebnis auf dem North Sea Summit
Investitionspakt beschlossen
Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass in etlichen EU-Ländern die Windkraft – sowohl onshore als auch offshore – schon einen beachtlichen Anteil der Stromerzeugung deckt: Im EU-Durchschnitt sind es 19 Prozent, in Frankreich bereits 24, in Dänemark 56 Prozent. Deutschland liegt mit 30 Prozent auch schon deutlich über dem EU-Mittelwert.
Beim North Sea Summit in Hamburg in dieser Woche haben Regierungschefs der Nordsee-Anlieger nun den massiven Ausbau der erneuerbaren Offshore-Windkraft in einem „Offshore Wind Investment Pakt“ beschlossen. Doch das ist nicht nur eine Vereinbarung der Regierungen, die Industrie und auch die Übertragungsnetzbetreiber sind ebenfalls im Boot. Damit soll sichergestellt werden, dass die Anlagen dann auch lieferbar sein werden, und bei Fertigstellung auch die Netzanschlüsse zum Abtransport des Stromes bereitstehen.
Hier hat die Windbranche im Offshore-Bereich schon schlechte Erfahrung gesammelt, als es vor einiger Zeit zu massiven Verzögerungen der Netzanschlüsse kam und Milliarden teure Windanlagen dann lange stillstanden, weil der Strom nicht an Land gebracht werden konnte.
Ziele dieses Paktes sind neben dem Ausbau der erneuerbaren Energieversorgung auch ein Beitrag zur europäischen Energiesicherheit. Diese Art der Stromerzeugung ist weder von russischen Energielieferungen noch von amerikanischem LNG oder ähnlichen Importen abhängig. Zudem soll der Strom aus den geplanten Anlagen so günstig sein, dass das auch der Wettbewerbsfähigkeit Europas dienen wird.

[Bild: North Sea Summit 2026]
Details des Deals
Bei dieser Vereinbarung geht es nicht nur um die Anlagen selbst, sondern es wurden gleichermaßen einige Details mit vereinbart: So sollen so genannte „Differenzverträge“ zur Anwendung kommen. Diese Verträge sollen bald auch bei Solarenergie kommen und bedeuten, dass der Betreiber einen festen Preis erhält und der Staat eine Differenz zum Marktpreis (in beide Richtungen) ausgleicht. Die bürokratischen Hürden sollen abgesenkt werden, um der Industrie zu ermöglichen, sich mittels „PPA “, also direkten Stromlieferverträgen zu versorgen. Dieser Strom wird dann direkt vom Energieerzeuger bezogen und unterliegt einem vertraglich geregelten Preis; er ist nicht von den Preisschwankungen der Strombörse betroffen. Damit ist dieses Instrument für die Industrie besonders gut geeignet, weil die Strompreise langfristig gut kalkulierbar sind. Jedenfalls dann, wenn im PPA-Vertrag keine Kopplung des Strompreises an den Börsenpreis oder ähnliche Faktoren enthalten sind; diese Regelung ist vertraglich auch machbar.
Die Windindustrie hat eine spannende Zusage gemacht: Um 2040 die Stromerzeugung wirklich günstig zu gestalten, sollen die Kosten bis dahin um 30 % abgesenkt werden. Mit zwei Hebeln soll das geschafft werden: Neben der Synergie (z.B. gemeinsame Netzanschlüsse für mehrere Windparks) sollen die Kosten auch allein durch Skaleneffekte sinken. Und 30 Prozent hört sich zwar großartig an, entspricht aber über einen Zeitraum von 15 Jahren ab heute doch nur zwei Prozent pro Jahr – das sollte daher auch wirklich machbar sein.
Die Übertragungsnetzbetreiber haben im Rahmen des Paktes zugesagt, den grenzüberschreitenden Stromtransport zu erhöhen und hier weitere Kapazitäten in der Größenordnung von 20 Gigawatt bis in die 2030er Jahre zu realisieren. Langfristig muss da sicherlich noch mehr passieren, denn die Kapazitäten an den Grenzleitungen entsprechen aktuell nur einem winzigen Bruchteil der Leistungen im Erzeugungs- oder Verbrauchsbereich. Bei Strommangel können derzeit nur wenige GW von einem Land in ein anderes Land verschoben werden – auch die Ertüchtigung der Grenzleitungen ist ein wichtiger Baustein für sie Stabilität eines europäischen Stromsystems.
Fehleinschätzung des Kanzlers
Gleichzeitig betonte Bundeskanzler Friedrich Merz bei dem Treffen aber auch, dass uns die Windkraft „20 Jahre, vielleicht 30 Jahre“ begleiten wird. Deutschland soll dann den ersten Kernfusionsreaktor in Betrieb nehmen, vom dem ja auch der Koalitionspartner CSU völlig begeistert ist. Dann werde Strom so günstig, „dass es keine anderen Erzeugungsmethoden mehr brauche“.
Soweit des Kanzlers langfristige Sicht auf die Energiewende – eine Einschätzung, die wir als DGS nicht teilen. Wir stehen für das Ziel einer 100%igen erneuerbaren Energieversorgung. Haben wir die erreicht, brauchen wir keine anderen Dinosaurier- oder Zukunftstechniken.
Der Wortlaut des gemeinsamen Windpaktes ist auf der Website von WindEurope zu finden; der Text kann hier in englischer Sprache heruntergeladen werden.
