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Götz Warnke

Nachhaltige Mobilität nimmt Fahrt auf

Ein Bericht von Götz Warnke

Man kommt weiter als man denkt: Micro-Auto mit rumänischem Kennzeichen in Warschau [Foto: Götz Warnke]

Während die Ergebnisse der internationalen Klimadiplomatie aus Sicht eines engagierten Klimaschutzes irgendwo zwischen enttäuschend und erschreckend changieren, sieht es bei vielen praktischen Entwicklungen in den drei Sektoren der Energiewende anders aus: So haben die Erneuerbaren Energien erstmals die Kohle als größten Stromerzeuger weltweit abgelöst. Die Fotovoltaik findet immer mehr Interesse und Aufstellungsformen: als Pflanzen schützende Agri-PV, auf Carports, vertikal als Zäune oder sogar schwimmend. In Deutschland legt der Wärmepumpen-Markt trotz aller Gegenpropaganda dieses Jahr um 50 Prozent zu, und nährt sich damit der in anderen EU-Staaten üblichen Akzeptanz dieser Technik an. Freiflächen-Solarthermie hilft nicht nur Kommunen bei der Dekarbonisierung ihrer Wärmenetze, sondern auch dem Wärmebedarf des Gewerbes. Dazu kommen neue technische Lösungen wie die Aquathermie, die Wärmeversorgung mittels Wasserkraft.

Last but not least tut sich auch im hinsichtlich der notwendigen Dekarbonisierung hinterherhinkenden Mobilitätsbereich in Punkto Nachhaltigkeit eine Menge.

Und dies gilt sowohl zu Lande als auch zu Wasser und in der Luft:

E-Auto-Akzeptanz steigt

Auch wenn der meist ältere deutsche Autofahrer mit dem E-Auto noch fremdelt – weltweit ist die Tendenz zu E-Fahrzeugen eindeutig und auch unumkehrbar. In Deutschland selbst sind es vor allem die Flottenbetreiber, die auf E-Mobilität setzen. Bei ihnen stehen anders als bei den meisten Privatkäufern nicht emotionale Befindlichkeiten, sondern ökonomische Berechnungen im Vordergrund.

Erfolgreich gegen „Märchenerzähler“

Die Anti-E-Auto-Vorurteile und -Märchen der Verbrenner-Fraktion finden immer weniger Gehör in der Öffentlichkeit. Der Grund ist, dass Automobilclubs und Auto-Zeitschriften nüchtern und objektiv über die Stärken, aber auch die Schwächen von E-Autos berichten. Dazu kommt, dass immer mehr Journalisten auch außerhalb des Motorjournalismus ihre eigenen Erfahrungen mit der Emobilität machen. Und schließlich durchqueren engagierte E-Automobilisten mit ihren Fahrzeugen selbst solche Regionen, wo es angeblich kein funktionierendes Ladenetz gibt.

Kleine E-Autos kommen

Das E-Auto war noch nie ein Fahrzeug nur für „Reiche“, wie die frühen Nissan Leafs und Renault ZOEs zeigen. Allerdings war die Auswahl bei Fahrzeugen im unteren Preissegment viele Jahre recht schmal. Dies ändert sich gerade in diesem und im nächsten Jahr. Zudem wird seit längerem am Konzept einer neuen Mobilitätsklasse („M0“) gearbeitet, die sich zwischen den Leichtfahrzeugen (L7) wie der Renault Twizzy und den PKW (M1) einfügt und etwa den japanischen Kei-Cars entspricht. Diese M0-Klasse steht jetzt in Europa kurz vor der offiziellen Einführung.

Bidirektionales Laden auch in Deutschland

Eigenheim-Besitzer, Appartement-Eigentümer und Wohnungs-Mieter mit eigenem Parkplatz und Ladesäule, die über den eigenen Stromanschluss abgerechnet wird, können gespannt sein: endlich kommt das bidirektionale Laden auch in Deutschland in Schwung. Nachdem schon im September die Bundesnetzagentur Regelungsentwürfe zu bidirektionalen Laden vorgelegt hatte, hat nun der Bundestag hinsichtlich der Netzentgelte den Weg zu „Vehicle-to-Grid“ geebnet. Künftig können E-Autos mit ihren Akkus nicht nur das Stromnetz stabilisieren, sondern auch durch netzdienliches Laden Gewinne erwirtschaften.

Fahrzeugintegrierte PV (VIPV)

Nachdem mit dem Lightyear 0 und dem Sono Sion das Konzept eines solarbetriebenen Autos vorläufig gescheitert ist, kommt die VIPV nun quasi durch die Hintertür zurück: Firmen wie die zu Sonosolar umbenannte Sono Motors GmbH oder die OPES Solar Mobility statten Nutz- und Freizeitfahrzeuge mit flexiblen Solarmodulen aus – zwecks Versorgung von Kühlsystemen, Reichweiten-Verlängerung oder Energieeinsparung. Für die kühl kalkulierenden Fahrzeugbetreiber ergeben sich dabei finanzielle Vorteile.

Im privaten Bereich, jenseits solcher ökonomischen Aspekte, gibt es auch immer wieder überraschende Projekte: So hat Donald Duck in Entenhausen kürzlich sein Auto auf Elektroantrieb umgerüstet – und das sogar mit PV-Modulen! Jetzt heißt es abwarten, ob die Umrüstung erfolgreich war oder sich letztlich als „lahme Ente“ entpuppt.

Elektrische Nutzfahrzeuge und mobile Geräte

Elektromobilität zu Lande darf sich nicht nur auf PKW, LKW, Busse und Wohnmobile beschränken. Sie muss auch Lösungen für Fahrzeuge im Bauwesen wie elektrische Betonfahrmischer, in der Landwirtschaft wie E-Traktoren und E-Radlader sowie im öffentlichen Dienst mit E-Müllfahrzeuge und -Straßenkehrwagen. Insbesondere auf den Feldern in der Landwirtschaft, wo es keinen Fremd- und Querverkehr gibt, werden inzwischen erste solarbetriebene und KI-gesteuerte Hackroboter zur pestizidfreien Unkrautbekämpfung eingesetzt. Durch die im Ukrainekrieg erprobte Technik der (halb-)autonomen, elektrisch angetriebenen Roboter wird sich die Entwicklung in diesem Bereich noch mal deutlich beschleunigen. Aber auch einfache Maschinenhacken werden mittlerweile elektrifiziert.

Auf dem Wasser

Hier gab es in den letzten Wochen einen wirklichen Durchbruch: mit dem Neoliner Origin hat erstmals ein moderner Fracht-Großsegler den Atlantik von der Bretagne nach Baltimore überquert. Das 136 Meter lange Ro-Ro-Schiff hat rund 3.000 m² Segelfläche und kann dadurch den CO2-Ausstoß seines Hilfsdieselmotors um bis zu 90% senken. Windkraft wird künftig der Hauptantrieb einer CO2-neutralen Seeschifffahrt sein. Dazu werden mit PV-Strom versorgte Elekromotoren und ggf. auch Brennstoffzellen als Hilfsantriebe kommen. Und selbst Containerriesen lassen sich zu Windschiffen umrüsten (SONNENENERGIE 2021/04, S. 36 f.)

Manche seegängigen Fähren wie die Frisia E-I fahren inzwischen sogar schon rein elektrisch; kleinere Fluss- und Hafen-Fähren sowieso. Und in diesem Sommer ging mit der Blue Marlin“ das erste Binnenschiff in Betrieb, das unter günstigen Bedingungen ausschließlich mit der Energie seiner an Deck montierten 192 Solarmodulen fahren kann.

Und wie bei den landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen, so werden jetzt auch auf dem Wasser erste Arbeitsschiffe wie z.B. Seilbaggerschiffe elektrifiziert.

In der Luft

Der Raum zwischen Himmel und Erde ist wohl am schwersten zu dekarbonisieren: Anders als in der Schifffahrt ist hier jedes Kilogramm Gewicht von großer Bedeutung, und es fehlt die Option eines Windkraft-Antriebs. Und so kommt aus Klimaschutz-Gründen nur das elektrische Fliegen in Betracht.

Doch auch hier bewegt sich was: so hat die polnische Bergrettung in diesem Juli das schwedische eVTOL Jetson One kürzlich erfolgreich unter schwierigen Bedingungen ausprobiert. Zwar kann der leichte, einsitzige Senkrechtstarter keine verletzten Bergsteiger abtransportieren, aber für die Suche und medizinische Erstversorgung ist er gut geeignet.

Ebenfalls im Juli fand in Dänemark der erste elektrische Inlandsflug statt – über die 200 km lange Strecke von Sonderburg nach Kopenhagen. Zum Einsatz kam dabei eine ALIA CTOL des us-amerikanischen Herstellers Beta Technologies, die eine maximale Reichweite von 622 km hat und neben dem Piloten 5 Passagiere transportieren kann.

Und auch das Luftschiff, dieses reichweiten- und schwerlast-starke Luftverkehrsmittel, könnte jetzt mit wasserstoff-elektrischem Antrieb eine Renaissance erleben; in Großbritannien arbeitet man derzeit daran.

Fazit

Mit der Wende zu einer nachhaltigen Mobilität geht es derzeit voran. Auch wenn der Focus bei den meisten Bürgern aus Gründen des Alltagserlebens mehr auf dem Straßenverkehr liegt, so sind Schiffs- und Luftverkehr, die zusammen bis zu sechs Prozent der weltweiten CO2-Emissionen ausmachen und damit als Land weltweit hinter China, den USA und Indien auf dem 4. Platz ständen, wichtige Handlungsfelder. Ohne eine erfolgreiche Verkehrswende wird sich die Klimakrise nicht stoppen lassen.