Ein Gegenüberstellungsversuch von Heinz Wraneschitz

„Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen!“ Ist dieser Spruch auch auf Windkraftwerke übertragbar? Die Großformatigen bestimmen die Negativ-Schlagzeilen der Medien, weil selbsternannte „Landschaftspfleger:innen“ oder bekennende Windhasser:innen bis heute lautstark gegen „Windmühlen der Schande“ losschreien. Mini-Windräder tauchen dagegen kaum in Presse, Funk, Fernsehen, (A-?)Sozialmedien auf. Warum also stellen Windmüller:innen nicht lieber die Un-Kritisierten „Kleinen“ auf, statt sich mit einer nicht aussterbenden Gegnerschaft und überbordender Bürokratie für Großwindkraft herumzuschlagen?
Wer nach „Windkraft für zuhause“ im Weltweitweb sucht, bekommt jedenfalls eine unendliche Zahl solcher Miniwindräder am Bildschirm serviert. Gerade bei Maschinen mit vertikal angebrachten Rotoren ist die Auswahl schier unüberschaubar. Aber auch solche mit „Flügeln“ sind zu finden.

Die Kosten dafür: Sind so unterschiedlich bei fast gleich aussehenden Maschinen gleicher Leistung, dass interessierte Menschen schnell zurückweichen.
Vielen potenziellen Heimwindmüller:innen aus ganz Deutschland kam deshalb offensichtlich dieses Web-Seminar-Angebot des Carmen e.V. aus Straubing am Dienstag gerade recht: „Einführung in die Kleinwindenergie“ versprach das „Centrale Agrar-Rohstoff Marketing- und Energie-Netzwerk e.V.“ zu leisten, in gerade mal einer Stunde Online-Veranstaltung. Ein offensichtlich mutiges Unterfangen von Bayerns halbstaatlicher Beratungsstelle für Regenerativ-Energien.
Reicht eine Stunde Information?
Langjährige Fachleute wie Patrick Jüttemann aus Bad Honnef würden ein solches Versprechen sicherlich nicht abgeben. „Wer fundiert erfahren will, wie zum Beispiel Wind-, Sonnen- und Speicherkraft zusammenpassen; wie mit Windstrom geheizt wird; wie mit Behörden zusammengearbeitet wird: Genau dafür ist das Werk gemacht“, steht in der jüngsten Ausgabe der DGS-Magazins Sonnenenergie über dessen „Fachbuch Kleinwindkraft“ zu lesen. Darin hat der Nicht-Nur-Betreiber eines Fachverlags (inzwischen bereits in der 3. Neu-Auflage) auf 218 Seiten Fakten zu dieser Technologie zusammengetragen. Im Wesentlichen beschäftigt sich Jüttemann mit der Frage: „Warum und wo macht Kleinwindkraft Sinn?“ Reicht dazu eine Stunde Lesen? Unmöglich.
Carmen-Beraterin Vera Mittermeier dagegen bringt den Mut auf, dieselbe Frage in ihrer Ein-Stunden-Information beantworten zu wollen. Von der Definition, was eigentlich Kleinwindkraftanlagen genau sind, über deren Potenziale, Technische Grundlagen, Wirtschaftlichkeit, rechtliche Rahmenbedingungen bis zu einem Praxisbeispiel reicht ihr Parforceritt durch diese Technologie. Um all das zu erfassen, bräuchte man selbst bei der gedruckten Carmen-Broschüre mehr Zeit.
Jedenfalls wird schnell klar: Klein ist relativ. Denn die Anlagen können schon mal 50 Meter hoch sein, Rotordurchmesser bis zu 16 Meter aufweisen und ihre Leistung mit 100 Kilowatt (kW) angegeben sein. Deshalb werden bei den Kleinen drei Leistungsklassen unterschieden: Die „Mini“ zwischen fünf und 30 sowie die „Mittel“ zwischen 30 und 100 kW seien laut Mittermeier zuvorderst „für Gewerbebetriebe und Landwirtschaft mit Netzkopplung zur Überschusseinspeisung“ geeignet.
Das, was landläufig (und eben auch in der WWW-Suche) unter Kleinwind verstanden wird, ist jedoch die Klasse der „Micro“-Windkraftanlagen. Die stünden meist in der Nähe von Wohngebäuden, seien entweder ans Stromnetz gekoppelt, aber oft auch als batteriegestütztes Inselsystem ausgeführt, so die Carmen-Referentin.
Unterschiedliche Verbreitung von Klein-Windkraft
Auch Zahlen hatte sie dabei: Dass mit 211 Anlagen die meisten in Schleswig-Holstein laufen und in Niedersachsen die zweithäufigste Zahl (123) davon bekannt ist, muss nicht verwundern. Aber dass gleich an dritter Stelle Bayern mit 105 Anlagen folgt, ist nicht unbedingt zu erwarten.

Ein großer Wermutstropfen in Mittermeiers Darstellung: Sie arbeitete zwar deutlich heraus, dass bei einer Verdoppelung der Windgeschwindigkeit die (momentane) Leistung der Maschinen um den Faktor acht steigt. Sie zog dabei aber – zumindest für Süddeutschland – ziemlich unrealistische Werte von 5 bzw. 10 Metern pro Sekunde (m/s) heran – die tatsächlichen Jahres-Durchschnittswerte liegen hier meist unter 3,5 m/s in 10 Metern Nabenhöhe. In dieser Größen- und Höhenordnung sind jedoch die meisten Kleinwindanlagen errichtet – denn in vielen Ländern sind diese bis zu Gesamthöhen von 15 Metern verfahrensfrei. Zumindest vom Grundsatz her. Doch die Referentin wusste auch zu berichten: Im Einzelfall kann die Behörden-Entscheidung ganz anders ausfallen.
Schwieriges Erreichen von Wirtschaftlichkeit
Dabei ist der Wirtschaftlichkeit gerade bei den „Mikro“- und „Mini“-Anlagen ohnehin nicht rosig. Das Wissen um die echt vorhandene Windgeschwindigkeit – möglichst durch eine Ganzjahresmessung in geplanter Nabenhöhe nachgewiesen – sei das A und O. Zudem: Wer darauf achte, das System möglichst so groß (oder klein) auszulegen, damit der Eigenverbrauch abgedeckt, aber nur wenig Strom ins Netz abgegeben wird, fährt laut Mittermeier am besten.
Das zeigte sie auch am Praxisbeispiel einer Bauernhof-Windkraft: 160.000 Euro hat der Landwirt investiert, die Leitungsverlegung selbst übernommen, 1.100 Euro Betriebskosten hat er jährlich zu tragen. Von den erzeugten 25.000 kWh der offiziell 30 kW leistenden Anlage mit 42 Metern Nabenhöhe und 14,1 Metern Rotordurchmesser speist er gerade mal 5 Prozent ins Netz ein: Das Windkraftwerk sollte im Wesentlichen die Grundlast von 8 kW decken; dieses Planungsziel wurde also erreicht. Dennoch zitierte die Referentin den bäuerlichen Betreiber mit dem Satz: „Kleinwindkraft ist kein Ding zum Geldverdienen.“
Wer suchet – findet auch den richtigen Anbieter?
Vor allem aber gelte es, bei der Anschaffung den passenden, seriösen Anbieter zu finden, hob Vera Mittermeier ausdrücklich heraus. Doch unseriöse wollte sie „aus Neutralitätsgründen“ nicht nennen. Als Entscheidungshilfe verwies sie auch auf jenes Fachbuch von Patrick Jüttemann. Der kritisiert darin sowohl den Markt – also viele der Anbietenden – wie auch die „sinnfreien Youtube-Videos“. Die können wohl vor allem deshalb laufen und Beachtung finden, weil es in der ganzen deutschsprachigen D-A-CH-Region „kein unabhängiges Qualitätslabel gibt. Verbraucher sind bei der Anlagenauswahl weitgehend auf sich gestellt“, ist der Autor sicher. Und so dürften am Ende viele Teilnehmende mit dieser Meinung aus dem Carmen-Web-Seminar gegangen sein: „Kleine Windkraft, große Sorgen!“ Besser also, vor einer Entscheidung für oder gegen Kleinwindkraft doch mit Praxis-Menschen wie Jüttemann zu reden. Aber das dauert sicher länger als eine Stunde. Ein guter Anstoß zum Nachdenken über Kleinwindkraft war die Carmen-Veranstaltung dennoch allemal.
