Eine (leicht) persönliche Situationsbeschreibung von Heinz Wraneschitz
Ach, was muss man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
welche Gas und Wasserstoff hießen.
Wilhelm Buschs Max und Moritz fiel mir spontan ein, als ich zufällig diese MDR-Nachricht angezeigt bekam: „In einem Gaskraftwerk grünen Wasserstoff verbrennen: Im kommenden Jahr sollte dazu in Leipzig der Probebetrieb beginnen. Daraus wird aber nichts.“ Denn „eigentlich ist das noch junge Heizkraftwerk HKW Süd H2-ready. Doch die geplante Beimischung findet nicht statt – weil die Förderung ausbleibt“, heißt es ergänzend bei ZfK.

Deshalb hab ich mich ein bisschen umgehört und umgeschaut zu dem immer wieder hochgejazzten Begriff „H2-ready“. Den verwendet zum Beispiel laufend die Atom- und Gas-affine Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, um den Menschen ihre Milliarden-schweren Gaskraftwerkspläne schmackhaft zu machen.
Aber was genau bedeutet eigentlich H2-ready? Praktisch fast nichts Konkretes. Das stellt selbst der Gas- und Wasser-Kompetenzverein WVGW eindrücklich klar: H2-ready „bedeutet entweder, dass bestehende Systeme technisch für die Umstellung geeignet sind, oder dass sie so modifiziert werden können, dass sie vollständig oder teilweise wasserstofftauglich sind. Der Begriff kann auch spezifizieren, wie viel Wasserstoff ein System aufnehmen kann, etwa „H2-ready für 20 Vol.-%“.“
Dabei denken viele bei H2-ready: „Da kann man einfach den Brennstoff Erdgas durch den Brennstoff Wasserstoff (H2) ersetzen“. Zwar ist – wiederum laut WVGW – „das Gasnetz zu 96 Prozent bereit für Wasserstoff“. Die erst „bis 2040 sollen bis zu 100 Prozent möglich sein“, heute „dürfen dem Erdgas (nur; d. Red.) bis zu 10 Prozent Wasserstoff beigemischt werden“.
Eigentlich waren im Leipziger HKW Süd die ersten Tests mit H2 für Sommer 2026 geplant. „Doch das könne man immer nur wenige Stunden machen. Den Wasserstoff werden Lkw bringen“, hatte im Frühjahr 2024 der MDR berichtet. Von H2 aus der Leitung war schon damals keine Rede. Nun aber die – anders als die ursprüngliche Jubelarie – nicht per Presseinfo verkündeten H2-Test-Absage. Auf unsere Nachfrage zu den Gründen antwortete Frank Viereckl, der Pressesprecher der „Leipziger Gruppe“: „Die Turbinen im HKW Leipzig Süd sind für den 100%igen Betrieb mit Wasserstoff ausgelegt. Dafür müssten die Brenner getauscht werden, was in kürzester Zeit möglich wäre.“ Und warum wurden die Tests abgesagt? „Wir haben Förderung beantragt und für diese Projektphase nicht bewilligt bekommen. Ohne Förderung macht es für uns keinen Sinn“, so Viereckl weiter.
Nie getestete Kraftwerkskomponenten
„Man hat nie getestet, ob die Komponenten mitmachen“: So begründet MDR-Wissenschaftsredakteur Ralf Geißler in seinem Beitrag (nach Min. 4.00) , warum überhaupt in Leipzig öffentlich geförderte Tests geplant waren – trotz des H2-Ready-Versprechens von Hersteller Siemens.
Der Energie- und Wasserversorgerverband BDEW propagiert natürlich auch H2-Ready. Zum Beispiel stellte er 2023 ein immer noch beworbenes „Fact Sheet“ vor, das sich mit H2 in Hausheizungen beschäftigt. „Ein klimaneutrales Deutschland bis 2045 bedeutet, dass auch der Wärmemarkt innovative technische Lösungen braucht. Einige davon sind Gasgeräte, die mit Wasserstoff betrieben werden können. Denn bei der Verbrennung ist Wasserstoff CO2-frei und kann da zum Einsatz kommen, wo heute noch herkömmliches Erdgas fließt“, lautet eine Begründung des Verbands. Doch wohlgemerkt: darin steht das Jahr 2045. Und wenn der BDEW aktuell anprangert: „Jede dritte Heizung in Deutschland ist älter als 20 Jahre – und damit häufig ineffizient und klimaschädlich“, dann dürfte das auch bedeuten: Wer heute eine neue Gasheizung einbaut, soll in den nächsten 20 Jahren daran nichts ändern. Also auch nicht nachfragen, was es genau bedeutet, dass diese H2-ready-Heizungen „während der Lebensdauer mit nur geringem Umstellungsaufwand mit 100 Vol.-% Wasserstoff betrieben werden“ können. Und nach den 20 Jahren gülte dann ja wieder: „Jede dritte Heizung in Deutschland ist älter als 20 Jahre – und damit häufig ineffizient und klimaschädlich.“
Das Rechercheportal Correctiv geht noch weiter und stellt klar: Es gebe schlichtweg „Falsche Wasserstoff-Versprechen: Der grüne Wasserstoff fehlt und würde für Privathaushalte viel zu teuer sein.“
„H2-ready ist nur ein Werbeschild“
Ein hochdekorierter Wasserstoff-Professor, der namentlich nicht genannt werden will, hat mir dieser Tage im Prinzip genau diese Methode bestätigt: „H2-ready ist ein reines, aufgeklebtes Werbeschild.“ Ob auf Gaskesseln oder Heizkraftwerken. Doch wollen Politiker:innen wie Katherina Reiche das überhaupt wissen? Oder steckt hinter ihrem Einsatz für „H2-ready“ ohnehin nur das Interesse, dass Deutschland so lange wie möglich Fossil-Energien aus dem Ausland importieren soll, ja muss?
Übrigens wurden 2024 dafür 69 Mrd. Euro ausgegeben, ein Wert von 1,6% der deutschen Wirtschaftsleistung. Doch das waren immerhin 66 Mrd. Euro weniger als 2022 – als die Energiekrise Höchstpreise produzierte und sich vor allem die Öl- und Gaslobby die Taschen füllte. Verluste für die Fossilienlobby. Aber was könnte man dafür nicht alles hierzulande an Wind-, Solar-, Biogaskraftwerken oder Speichern finanzieren? Doch genau diesen Ausbau will das Bundeswirtschaftsministerium ausbremsen – mit finanziellen Einschnitten vor allem für Privatleute. Für die Demokratisierung der Energiewirtschaft würde so die Notbremse gezogen.
Wo genau war das trojanische Atom- und Gas-Pferd Reiche damals nochmal beschäftigt? Sie war vom 1. Januar 2020 bis zu ihrem Wechsel in das Bundeswirtschaftsministerium Vorsitzende der Geschäftsführung der Eon-Gesellschaft innogy Westenergie GmbH. Ein Schelm, wer da an ein böses Mädchen denkt – bei Max und Moritz waren es „böse Buben“. Aber wir haben ja Gleichberechtigung.