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Heinz Wraneschitz

Es war einmal: Elektroautos made in Franken

Ein historischer Bericht von Heinz Wraneschitz

CityEL in der Ausstellung in Aub. Es gab sogar eine Feuerwehrauto-Variante (links)
[Foto: Heinz Wraneschitz bildtext.de]

Aub bei Würzburg, im Frühjahr 2005

Aub, eine 600 Jahre alte unterfränkische Kleinstadt ein paar Kilometer südlich von Würzburg. Sehenswert: Die verträumte, romantische Innenstadt; das Schloss mit den Ritterspielen im Sommer; im Winter ein Faschingsumzug, welcher zweimal die historische Altstadt umkreist. Doch seit 1996 kommen auch Auto-Interessierte nach Aub, denn hier befindet sich die Citicom AG, die größte Elektroauto-Fabrikation Europas.

Gründer und Unternehmenschef ist Karl Nestmeier, ein bodenständiger 40-Jähriger Elektromeister. Er machte das Städtchen an der Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg weit über Deutschlands Grenzen hinaus gerade bei Umweltinteressierten bekannt. Der Grund: Nestmeiers damalige Citicom GmbH holte die Produktion des weltweit wohl meistgebauten Elektro-Pkw aus Dänemark in Frankens Provinz.

Bereits über 5.500 City-EL & Co

Vom City-EL und seinen Vorgängertypen wurden bislang über 5.500 „Elektro-Leichtmobile“ produziert – die meisten sind immer noch unterwegs: „25 Jahre Lebensdauer ist kein Problem“ meint Unternehmer Nestmeier. In seinen Fertigungshallen werden nicht nur neue City-EL produziert: Die Mitarbeiter bringen auch alte Modelle auf den technisch neuesten Stand: Oft bleibt nur die Kunststoff-Karosse erhalten.

Olympia-erprobt

Extrem ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückte das einsitzige Automobil mit drei Rädern während der Olympiade 1992 in Barcelona: Damals hießen die Vehikel noch Mini-EL und waren als Kamerafahrzeuge eingesetzt: Um die Laufwettbewerbe möglichst aus der Nähe filmen zu können, dabei aber die Athleten nicht unnötig mit Motorabgasen und Lärm zu belasten waren die Mobile mit Elektromotor ideal.

Außer dem spanischen Olympia-Komitee waren in den 1990er Jahren „in erster Linie Öko-Akademiker“ die Käufer der kleinen Elektroflitzer: Der Fahrer konnte ein Kind (mit coolem Blick nach hinten) oder einen Kasten Mineralwasser mitnehmen. Dieses Prinzip ist auch heute noch unangetastet. Doch während die ersten Mini-EL mit normalen Elektromotoren ausgestattet waren, eine Reichweite von 50 km hatten und die Batterien nach weniger als 10.000 km ausgetauscht werden mussten, setzte Nestmeier auf Innovationen.

Nach der Produktionsverlagerung änderte sich zuerst der Typ: Aus Mini-EL wurde City-EL; nicht ein „kleines“, sondern ein Auto „für die Stadt“ ist es, und das sollte schon beim Namen klar werden.

Reichweite und Geschwindigkeit

Aber auch technisch tat sich seither einiges: Moderne Scheibenläufer mit 4,5 Kilowatt Leistung beschleunigen die Elektromobile heute auf bis zu 65 km/h in der schnellsten Version. Zudem „haben die Fahrzeuge eine Reichweite von 90 km, und wir haben welche draußen mit 24.000 km auf der Batterie“ berichtet Karl Nestmeier freudestrahlend. Dabei stehe nicht mehr die Ökologie bei der Kaufentscheidung im Vordergrund. „Der CityEL ist ein preisgünstiges, praktisches Nahverkehrsfahrzeug“: Schon für 6.599 Euro sei der Kleine aus Aub zu haben; die Cabrio-Version kostet 650 Euro mehr, zitiert Nestmeier die Preisliste, welche auch neuartige Leasing-Ideen enthält. Seit Kurzem ist sogar Selbstbau möglich: In Zwei-Tages-Veranstaltungen bauen sich Do-It-Yourself-Freaks ihr eigenes Auto zusammen – dafür winkt ein Preisnachlass.

Doch bei den Kunden – 80% aus Deutschland – hat Citicom nicht mehr nur die Ökofreaks im Blick: inzwischen schielt Nestmeier stärker auf Handwerksbetriebe. Denn mit dem Fahrzeug lasse sich auch heute noch gut werben, zeige seine Erfahrung.

Produktion bald verdoppelt

Zurzeit bauen 11 Mitarbeiter in den nach Öko-Konzept errichteten und mit Klein-Blockheizkraftwerk selbstversorgten Auber Fertigungshallen „monatlich 10-12 Fahrzeuge, alle bereits verkauft. Bis zum Sommer sollen es doppelt so viele pro Monat sein“ erläutert Vorstand Nestmeier die kurzfristigen Ausbaupläne. Dass Citycom im ersten Quartal 2005 gut 50% mehr Umsatz hatte als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs lässt den Unternehmer hoffen. Außerdem wurde im Frühjahr 2005 außerbörslich das Kapital der Aktiengesellschaft erhöht – eine Million Euro für Produktionsausbau und Liquidität.

Mittelstand liefert zu

Denn: „Unsere Zulieferer sind fast nur kleine und Mittelstands-Betriebe“ und die sollten möglichst zügig bezahlt werden, so Nestmeiers Philosophie. Zudem setzt er zu 70% auf inländische Bauteile: So käme das Sitzpolster aus Nürnberg, der Motor aus der Nähe von Freiburg. Doch bei den Batterien sei man auf China angewiesen, denn nur von dort kämen laut Nestmeier neue Konzepte. Dennoch verlässt sich Citycom nicht alleine auf die Lieferanten: Im Auber Unternehmen wird auch stark am Thema Batterieladezustand geforscht, wovon mehrere aufgebaute Messplätze zeugen.

„Äußerst sicher“ laut Tests

Worauf Karl Nestmeier ganz besonders stolz ist: „Die Fahrgastsicherheit ist besser als bei konventionellen Kleinwagen“ berichtet er über Erfahrungen als Crashtests. Durch den doppelwandigen Aufbau der Kunststoffkarosserie mit Hartschaum dazwischen habe der CityEL „eine Knautschzone rundum“ und halte auch den Heckaufprall eines 38-Tonners problemlos aus, behauptet Nestmeier mit Hinweis auf „nur 100 Euro Haftpflichtkosten pro Jahr“. Auch die Verbrauchswerte seien beachtlich: 5 Kilowattstunden Strom für 100 km kosteten knapp 1 Euro. Der CityEl sei also „angepasste Mobilität, das richtige Fahrzeug für die richtige Anwendung“ setzt Citicom-Chef Karl Nestmeier auf Pendler, oder auf Handwerker, die Material zur Baustelle transportieren müssen. Fahrer könnte dann der Lehrling sein – 16 Jahre jung und mit dem neuen Führerschein, Klasse S.

Vor 20 Jahren war die CITICOM AG aus Aub bei Würzburg Europas größter E-Auto-Hersteller. Vom „CityEL“ waren damals bereits 5.000 Exemplare produziert worden. Doch mit der geplanten ständigen Weiterentwicklung bei Verbrauch und Reichweite war es bald danach zu Ende, ebenso mit der erhofften Ausweitung der Produktion durch Kapitalerhöhung. Aktuell gibt’s offensichtlich nur noch gebrauchte CityELs, zum Beispiel von Kamm Solarfahrzeuge GmbH in Auenwald/BaWü.

Dieser Bericht wurde 2005 in ähnlicher Form in mehreren Medien veröffentlicht.