Newsletter
Heinz Wraneschitz

Erneuerbare Energien statt unkalkulierbarer Urangefahren

Eine Tatsachen-Beschreibung von Heinz Wraneschitz

Ewigkeitslast und ungeklärt: Die Endlagerei – nicht nur in Deutschland
[Foto: Heinz Wraneschitz]

Am Dienstag, 10. März 2026 nannte Ursula von der Leyen Deutschlands vollzogenen Atomausstieg einen „strategischen Fehler“. Laut der EU-Kommissionspräsidentin habe die Bundesrepublik „einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken“ gekehrt. Entweder hatte sie bis dahin den wenige Tage zuvor veröffentlichten neuen Uran-Atlas noch nicht gelesen – oder bewusst ignoriert. Auf jeden Fall fehlt bei ihrer Atomkraft-Bewertung der Blick auf die Schäden, die dieses Schwermetall schon angerichtet hat oder anrichten kann. Im Uranatlas gibt es dafür nämlich klare Beweise.

Beispiel Niger: Bis 2024 haben 158.472 Tonnen Uran das Land verlassen. Auf den aktuellen Weltmarktpreis hochgerechnet, sind dafür fast 24,5 Mrd. US-Dollar geflossen. Doch trotzdem gehört Niger weiterhin zu den ärmsten Ländern der Welt. Gleichzeitig liegen 20 Mio. Tonnen radioaktiver Abraum offen und ungeschützt aufgetürmt rund um die Minen, ist im Uranatlas nachzulesen. Und deshalb ist „die Hintergrundstrahlung 200-fach erhöht“. Zudem werde „auch die Lebensgrundlage der Tuareg in Niger durch den Abbau zerstört“. Gerade afrikanische Länder seien die Leidtragenden solch „strahlender Hinterlassenschaft“; aber auch die Ureinwohnenden im größten Uranproduktionsland Kanada seien schwer betroffen: sie wurden schlichtweg nicht über die Abbau-Gefahren aufgeklärt, wie Horst Hamm berichtet.

Hamm ist Geschäftsführender Vorstand der Nuclear Free Future Foundation (NFFF) und Projektleiter für die Erstellung des Uranatlas. Dieser wird als Kooperationsprojekt von NFFF, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Umweltstiftung Greenpeace, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, .ausgestrahlt sowie von der Internationalen Ärzt*innen-Organisation IPPNW herausgegeben.

Völlig neu ist in der 3. Auflage des Uranatlas laut Hamm nun beispielsweise jener Abschnitt, der sich mit dem russischen Staatskonzern Rosatom beschäftigt. Die Firma, „Der geopolitische Arm Putins“, treibe – über den Staatshaushalt finanziert – nicht nur weltweit den AKW-Ausbau massiv voran, sondern „schafft Abhängigkeiten beim Handel mit Uran und Brennelementen“. Zum Beweis nennt der Atlas die lediglich sechs AKW, die Rosatom in Russland baut, „außerhalb des Landes sind es fast dreimal so viel“. Ein anderer Aspekt, der Angst macht: „Der Konzern kontrolliert 45 Prozent der weltweiten Urananreicherung und 22 Prozent der weltweiten Brennelemente-Kapazität. Ohne Rosatom geht praktisch nichts auf dem weltweiten Atom- und Uranmarkt.“

Mehr für Krieg als für Frieden?

Einen erheblichen Teil des Uran-Atlas nimmt der Zusammenhang zwischen friedlicher und militärischer Atomnutzung ein. In der Pressekonferenz zur Vorstellung der Neuauflage erklärte Horst Hamm ausdrücklich: „Wer abgebrannte Brennelemente hat, kann damit eine Plutoniumbombe bauen. Neue Staaten können in den Besitz von Atomwaffen gelangen.“ Nicht nur für ihn, sondern für alle am Uran-Atlas Beteiligten steht jedenfalls fest: „Atomkraft hat immer das Potential für die Atombombe. Nahezu alle neuen Atomkraftwerke (AKW) werden von oder in Atomwaffenstaaten gebaut. Das Bauen neuer AKW ist meist nur heiße Luft.“ Was zum Beispiel mit Blick auf China nachvollziehbar scheint: Dort werden so viele Erneuerbare-Energiesysteme neu installiert, dass es Atomkraft gar nicht mehr zur Stromerzeugung bräuchte – wird Uran also nur für militärische „Abfallprodukte“ benötigt?

Südafrika: Uran Gold-Nebenprodukt

Im Atlas zu finden ist beispielsweise auch die Tatsache, dass seit 1952 selbst in Südafrika Uran aus der Tiefe der Erde an die Oberfläche gefördert wird – wenn auch als Nebenprodukt von Goldminen. Das habe aber gereicht, „um Südafrika zum wichtigsten Uranproduzenten Afrikas zu machen“. Seit Beginn des südafrikanischen Goldrauschs in Johannesburg am Ende des 19. Jahrhunderts liege das Schwermetall in der ganzen Stadt als strahlender Abfall; andere Regionen kamen später dazu. Ignoriert werde offensichtlich bis heute die Gefahr, die von den Abraumbergen ausgeht. Denn schon zuzeiten des Apartheid-Regimes wurde vielen „Arbeiter*innen mit verdächtigen Krankheitssymptomen ein letzter Monatslohn gegeben und sie wurden entlassen“.

Doch nicht nur im Stammland, gerade auch im bis 1990 ebenfalls zu Südafrika zählenden Namibia wird Uran abgebaut: Über und unter Tage. Natürlich nicht für eigene, sondern für französische oder chinesische Konzerne. Das russische Staatsunternehmen Rosatom wiederum hat „Pläne, in Tansania eine Pilot-Aufbereitungsanlage am Mkuju-River zu bauen. Projekte wie diese sind für den russischen Staatskonzern auch ein geopolitisches Werkzeug.“ Sprich: Früher gab es offenen Kolonialismus (wie z.B. das Deutsche Reich im heutigen Namibia) – inzwischen könnte man das Energiekolonialismus nennen.

Deutschland: Die Tricks der Regierung

Auch in Deutschland gab es bekanntlich Uranabbau: Schon im Dritten Reich waren die Uranbergwerke im Erzgebirge gegründet worden – das Ziel war der Bau einer Atombombe. Später wurde in der DDR weiter nach Uran gegraben – wenn auch verbrämt unter dem Begriff „Wismut“. Doch in dieser Zeit sei der Uranbergbau ausdrücklich von der dortigen Strahlenschutzverordnung ausgenommen gewesen, erfährt man aus dem Uranatlas. Und auch: „Der Rohstoff ging fast 20 Jahre ausschließlich in das Atombombenprogramm der Sowjetunion.“

Mit dem Ende der DDR war zwar damit Schluss. Was jedoch kaum öffentlich wahrgenommen wird: „Die Hinterlassenschaft der Wismut wurde nach der deutsch-deutschen Vereinigung damit nicht dem Atomrecht der Bundesrepublik unterstellt, sondern dem Strahlenschutzrecht der DDR aus dem Jahr 1984. Ein einfacher gesetzgeberischer Trick reichte damit aus, um unzählige Milliarden bei der Sanierung einzusparen.“

Trotzdem: Während in Sachsen die Abraumhalden gesichert sind, wurden (und werden?) „die alten Goldhalden in Südafrika durchgesucht, weil dort mehr Uran drin ist als sonst irgendwo“: Diese Zusatzinformation gab Studienleiter Hamm in der Pressekonferenz preis.

Welt: Endlagerprobleme und Atomkatastrophen

Und dann gibt es laut dem Uran-Atlas-Projektleiter ja auch noch zwei ebenfalls völlig offene Atom-Kern-Punkte: „Das Wohin mit der bedrohlichen Ewigkeitslast Atommüll ist ungeklärt, Ausgang ungewiss. Und schauen wir nach Tschernobyl: Bis heute können die geschmolzenen Reaktorkerne nicht geborgen werden. Beides hätte nach Meinung der Atom-Industrie nie passieren dürfen.“ Deshalb nannte Horst Hamm die „Atomkraft, die gefährlich ist und bleibt, eine Verschwendung zweistelliger Milliardengelder“. Auch dazu steht jede Menge im frei verfügbaren pdf-Uranatlas, der sicher nicht so massiv mitfinanziert wurde vom Deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Geht es aber nach Ursula von der Leyen, dann kommen wohl bei der Atomkraft noch einige Milliarden öffentliche Gelder hinzu.

Fazit: EE statt Atom

Der inzwischen dritte „Uran-Atlas“ von BUND Naturschutz und den anderen Organisationen zeigt also: Der Rohstoff für Atomkraftwerke ist für die Produktion von Atomwaffen unbedingt notwendig. Die Gefahren liegen aber nicht nur in möglichen GAUs oder Atombomben: Gerade bei der Gewinnung gibt es erhebliche Risiken für Mensch und Umwelt.

Zugegeben: Bei der Rohstoffgewinnung gibt es momentan noch auch auf der Erneuerbaren-Seite Umweltschäden. Doch die lassen sich durch bewussten Umgang mit der Natur vermeiden – man (Hersteller wie Politik) muss nur Wollen wollen. Dann jedoch liefert uns die Sonne Jahrmilliarden lang kostenlos Energie. Die Atomprobleme aber lassen sich auch Jahrtausende lang nicht lösen.