Ein Webinarbericht von Heinz Wraneschitz

[Foto: IB Sing.]
„Am Anfang sind die Leute auf die andere Straßenseite, wenn sie mich gesehen haben. Jetzt grüßen sie mich wieder.“ An diesen zwei Sätzen von Erwin Karg lässt sich ablesen, wie sich in den vergangenen 16 Jahren das Ansehen der Erneuerbaren Energien in der Gemeinde Fuchstal im oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech verändert hat. Denn als Karg, seit immerhin 24 Jahren der 4.000-Einwohner-Gemeinde, damals begann, der Bürgerschaft eine Nahwärmenetz auf Basis Bioenergie schmackhaft zu machen, kam das zunächst nicht bei allen gut an.
Parteipolitisch hat die Gemeinde etwas, was man vor allem in süddeutschen Landregionen kennt: Weder CSU noch SPD, Grüne Linke oder andere Parteien, sondern ELfF, FWGA, FWGL, FWGS und NLF heißen die Gruppierungen, die den Gemeinderat stellen. Karg ist von den drei Freien-Wählergemeinschaften (FWGs) nominiert worden. Vielleicht lässt sich ohne parteipolitische Scheuklappen leichter das umsetzen, was Karg in seiner Amtszeit, die Ende April endet, geschafft hat: Gemeinsam mit seinem instinktiven Kämmerer, dem Gemeinderat und einem ortsnahen Planungsbüro „wollten wir die Erneuerbaren Energien (EE) als Einnahmequelle haben, weil wir früh erkannt haben, dass wir damit Geld verdienen können“, erzählt der Bürgermeister freimütig in einem Online-Energieseminar von Martin Stümpfig.
Der wiederum ist Energiesprecher der Grünen-Landtagsfraktion in Bayern. Und weil ihm nach eigenem Bekunden bewusst ist, „dass immer mehr Kommunen finanzielle Nöte haben und gerade am Land Kanalisation und andere Infrastrukturen hohe Investitionen einfordern“, hat er Karg als Protagonisten eingeladen, damit andere Kommunen von dessen Erfolgen profitieren können. Denn – auch das weiß Stümpfig: Ebenfalls gerade in ländlichen Gebieten „gibt es viele Möglichkeiten für Wertschöpfung durch EE“. Zuletzt habe das bayerische Klimagesetz dafür noch bessere Voraussetzungen geschaffen, als durch das bundesdeutsche EEG ohnehin schon – und auch außerhalb des Freistaats – vorhanden sind.
Von der Windkümmerin zur Windprojektleiterin
Einige Beispiele dafür nennt Maria Burghardt. Die ist Windenergie-Projektleiterin beim in der Kreisstadt Landsberg am Lech angesiedelten Ingenieurbüro (IB) Sing. Das einstige Familienunternehmen hat sich seit 2012 zu einem IB mit Schwerpunkt EE und inzwischen über 20 Mitarbeiter:innen entwickelt; Burghardt ist eine von ihnen. Und sie hat vor allem jede Menge Erfahrung im Windenergiebereich eingebracht. Denn zuvor war sie bei der regionalen Energieagentur Ebersberg-München tätig, unter anderem als freistaatlich beauftragte Windkümmerin für Oberbayern und Schwaben. Und schon damals hat sie klar gesagt, was auch Bürgermeister Karg immer wieder betont: Bürger und Kommunen können von Windrädern profitieren.
Deshalb gibt sie zwar zu, die Finanzierung von Wind- oder Solarkraftwerken über so genannte Nachrangdarlehen „auch ihre Berechtigung haben kann“. Doch zuvorderst plädiert sie für Kommanditistenstrukturen bei EE-Projekten. „An einer GmbH & Co KG sind die Leute direkt beteilit. Das ist das ehrlichste Beteiligungsmodell.“
Durch Eigenprojekte zu Einnahmen
Erwin Karg geht noch einen Schritt weiter: „Es geht nur mit GmbH und Co KG.“ Jedenfalls dann, wenn eine Gemeinde Eigenprojektentwicklungen betreibt unter Zuhilfenahme eines Dienstleister-IB, wie es Fuchstal beispielhaft vormacht. So laufen hier zwei große Windprojekte auf dem Gemeindegebiet, jeweils für um die 22 Mio. Euro errichtet. Beim ersten im Jahr 2019 war es noch schwierig, Anteilseigner im und um den Ort herum zu finden. Deshalb nahm man zum Beispiel die Stadtwerke Bad Tölz mit einem sechsstelligen Betrag als einen von 115 Kommanditisten auf. Doch beim zweiten Projekt, 2024 umgesetzt, waren die Anteile schnell an 256 lokale Interessent:innen verkauft. Wobei hier die Gemeinde alleine schon die Hälfte der Kommanditistensumme eingebracht hat. Denn Ortschef Karg benennt das klare Ziel: „Wir wollen Geld verdienen als Kommune.“
Das wiederum passiert auf mehreren Wegen: Einerseits durch Gewinne, die vor allem nach der Tilgung der Kredite auflaufen. Die Flächenpacht, die aber nicht zu hoch sein dürfe. Dann durch die Gewerbesteuer, weil die Betreibergesellschaft am Ort angesiedelt ist. Nicht zuletzt aber auch, weil seitens der Windgesellschaft pro kWh 0,2 Cent in den Gemeindesäckel fließen.
Breit aufgestelltes EE-Portfolio
Karg beziffert den Betrag, welcher der Gemeinde aus EE-Anteilen aktuell zugutekommt, auf jährlich um die 600.000 Euro – bei einem Gemeindebudget von 24 Mio. Euro ein nicht zu vernachlässigender Betrag, Tendenz steigend, je nach Stand der Kreditrückzahlung. Die Summe stammt natürlich nicht allein aus Windkraft, sondern auch aus insgesamt vier Solarparks zwischen 750 und 2.200 kWp Leistung oder 600 kWp PV-Anlagen auf kommunalen Dächern.
Nicht zu vergessen ist auch der Verkauf von Ökowärme. Seit Beginn des Netzbaus mit Anschluss an eine bäuerliche Biogasanlage im Jahre 2009 hat sich viel getan in Fuchstal. Das Netz ist auf 12,5 km angewachsen, 200 Grundstücke sind bereits damit erschlossen, die Wärme kommt fast komplett vom Biogas-BHKW, einem Hackschnitzelheizwerk und seit Neuestem einem Biogaskessel. Doch selbst mit 9,85 Cent brutto pro kWh Wärme „sind die Bürger in der Gemeinde nicht glücklicher“, verrät Bürgermeister Karg.
Wobei: Traurig ist er deshalb nicht. „Mir hat`s Spaß gemacht“, sagt er im Rückblick auf die Zeit seit 2009. Denn mit den Einnahmen aus den EE-Projekten sei es der Gemeinde möglich, „im Kindergarten mehr Personal zu haben als der Schlüssel vorgibt“. Man habe Kinderspielplätze gebaut, fördere Vereine „wenn sie was brauchen“, baue ein neues Feuerwehrhaus und eine neue KiTa. Und auf dem gemeindeeigenen Gewerbegrund steht sogar eine (fossile) Tankstelle, gibt er zu…
Vom Wärmetopf zum Stromspeicher
Aber Fuchstal hat auch einen “Wärmetopf“ mit weiteren Speicherbatterien: Dorthin fließt überschüssiger Windstrom über eine gemeindeeigene 20kV-Leitung, der ansonsten abgeregelt werden würde. Power to Heat (P2H) mal ganz anders. Das aber war nur möglich, weil es eine 75-prozentige Förderung für diese neuartige P2H-Variante gab – auch hier ist Bürgermeister Karg ehrlich.
Gefahr durch Reiches „Netzpaket“
Hier aber ging Martin Stümpfig auf die aktuelle Bundespolitik ein: Nicht möglich wäre künftig eine solche Umsetzung, wenn die Ökostromerzeugung so eingeschränkt würde, wie die aktuellen Ideen der CDU-Energieministerin Katherina Reiche befürchten ließen. Hierbei nannte der Grüne besonders das “Netzpaket“ der Ministerin, gegen das es eine von der DGS und anderen Organisationen getragene Ablehnungsfront gibt. „Wo mehr als drei Prozent abgeregelt wird, kann der Netzbetreiber dann den Ausbau stoppen. In Bayern sind es 6,5 Prozent in allen ländlichen Gebieten.“ Sprich: Die dortigen Verteilnetzbetreiber könnten womöglich allen EE-Ausbau stoppen.
Ob dann noch das von der Gemeinde demnächst geplante größere Batterie-Speicherprojekt kommt? Das stünde dadurch aber wohl nicht in den Sternen, so Karg. Zumal er sicher ist, dass auch damit Geld verdient werden kann. Zumindest dann, wenn des Bürgermeisters Nachfolger:in genauso bissig ist wie er: „Wenn Fuchstal losläuft, ist das wie ein Rauhaardackel. Der lässt sich nicht aufhalten.“ Daran könnten sich viele andere Kommunen ein gutes Beispiel nehmen – oder?
