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Heinz Wraneschitz

Die Dummheit der fossil verhafteten „alten“ Energiewirtschaft

Eine Bestandsaufnahme von Heinz Wraneschitz

[Wie sicher ist die Stromversorgung wirklich?
Foto: Heinz Wraneschitz]

Mehrere, teils exklusive Viertel im Süden Berlins östlich des Wannsees waren Anfang Januar 2026 tagelang stromlos. Nach Meinung unseres Bundesinnenministers Alexander Dobrindt (CSU), der schon als einstiger Verkehrsminister am Niedergang der Deutschen Bahn mitverantwortlich war, waren dafür „Linksextremisten und radikale Klimaaktivisten“ verantwortlich. Gegen diese will Dobrindt jetzt schon „zurückschlagen“. Das, obwohl bislang sehr wohl Zweifel daran bestehen, ob wirklich Verbrecher:innen aus den vom Minister genannten Gruppen dahinterstecken. Oder haben womöglich russisch motivierte Spione das Abfackeln der Kabelbrücke verursacht? Die augenscheinlich putinfreundliche AfD-Fraktion im Berliner Rathaus wollte jedenfalls 2024 ganz genau wissen, warum damals ein zweistündiger Stromausfall passiert ist.

Viel seltener aber wird jene Firma für den Stromausfall verantwortlich gemacht, die ihn überhaupt erst möglich gemacht hat: Die stadteigene Stromnetz Berlin GmbH. Denn zwar waren die Stadtteile grundsätzlich gleich über fünf 110kV-Mittelspannungsleitungen versorgt. Doch alle fünf mal drei dicken Kabel liefen über ein und dieselbe Kabelbrücke. Und so konnten sie durch einen einzigen Feueranschlag zerstört werden. Nachzulesen zum Beispiel im offen zugänglichen Netzausbauplan für die Hauptstadt.

Was ist redundant?

Dabei ist Redundanz der Grundsatz, damit die hiesige Stromwirtschaft funktioniert. Auch wenn das Wirtschaftsministerium von Frau Reiche dies offenbar nicht für so wichtig erachtet. Und weil laut Fachleutemeinung „der Nutzen von Redundanz selten sichtbar ist, wird sie in Zeiten stabiler Netze oft vertagt.

Netzbetreiber haben kaum finanzielle Anreize, in Resilienz zu investieren. Verteilnetzbetreiber finanzieren sich über Netzentgelte, deren Höhe von der Bundesnetzagentur reguliert wird. Investitionen, die über den üblichen N-1-Standard hinausgehen, werden oft nicht anerkannt. Das Ergebnis: Netzausbau wird priorisiert – Resilienz bleibt auf der Strecke“, formuliert es Armin Lutz, ein auf Blackout-Resilienz-Beratung spezialisierter, beratender Ingenieur.

Ist das nun Renditegeilheit der Netzfirmen – oder schlichtweg die Dummheit derer Manager:innen? Von denen scheinen jedenfalls nicht viele – oder nur wenige? – so strukturiert und zukunftsorientiert zu denken wie Jens Meier. Der Chef der Lübecker Stadtwerke und Mitbegründer der Initiative „CEO der Zukunft“ hob nämlich in einem Interview für das Stadtwerke-Magazin ZfK heraus: „Die Generation, die in den letzten 20 Jahren die Spitzen der kommunalen Unternehmen geprägt hat, musste ihren Fokus auf Herausforderungen wie die Energiemarktliberalisierung und den Umgang mit neuen Regulierungssystemen setzen. Die nächsten zehn Jahre verlangen etwas anderes: Führungskräfte, die nicht nur Fachwissen mitbringen, sondern Transformation gestalten können… und branchenfremde Expert:innen für diese Aufgaben zu gewinnen.“

Von Politik über Lobby zurück zur Politik

Gerade Letzteres scheinen einige Energieunternehmen anders zu verstehen als notwendig. Das sieht man zum Beispiel am Lebenslauf von „Gas-Kathi“, die man auch getrost „Trojanisches Atompferd der Bundesregierung“ nennen kann. Die aktuelle Bundesenergieministerin Katherina Reiche (CDU) ist nämlich laut Wikipedia „Politikerin (CDU), Lobbyistin und Managerin“. Ab 1998 im Bundestag, diente sie unter dem einstigen Energiewende-Bremser Peter Altmaier (CDU) als Parlamentarische Staatssekretärin im Umweltministerium, danach war sie bis 2015 unter dem bereits erwähnten CSU-Mann Dobrindt im Verkehrsministerium tätig. Kaum raus aus dem Bundestag wechselte sie die Seiten, wurde zunächst Hauptgeschäftsführerin beim Stadtwerke-Verband kommunaler Unternehmen (VKU), danach Vorsitzende der Geschäftsführung des fossil orientierten Energiekonzerns Westenergie. Und schwuppdiwupp: Seit Mai 2025 verantwortet sie den Energiebereich der Bundesregierung – zum Nutzen für wen auch immer.

Lange Erfahrung mit falschen Annahmen

Übrigens verschätzte sich jene Frau Reiche schon 2012 massiv und war mitverantwortlich für die Bremse des notwendigen Ausbaus der Erneuerbaren: „Künstliche Energieverknappung“ nannte das EEG-Miterfinder Hans-Josef Fell kürzlich in einem ausführlichen Kommentar. Dazu passt auch die aktuelle Feststellung des Fachverbands Biogas: „Der Entwurf des Netzentwicklungsplans ignoriert erneut Rolle der Bioenergie.“ Sprich: Die Bundesnetzagentur folgt offensichtlich den Vorgaben der fossil orientierten Ministerin.

Nicht nur damit wird klar: Das vom „CEO der Zukunft“-Mitgründer Meier geforderte Energiewirtschafts-Umdenken hat im Bundeswirtschaftsministerium nicht Einzug gehalten. Stattdessen hält man (bzw. Frau) dort an fossil ausgerichteten Strukturen fest, wie Reiches – gottseidank letztlich erfolgloses – Herumreiten auf „mehr Gaskraftwerke“-Forderungen eindeutig belegt.

Theorie statt Praxis

Ein anderes Thema, nämlich grüner Wasserstoff, wird dagegen zuvorderst auf der theoretischen Ebene vorangetrieben. Nicht für die Ökostrom-basierte Erzeugung des für die Vergrünung der Chemie- oder Stahl-Wirtschaft notwendigen Rohstoffs, sondern für die „bilaterale Zusammenarbeit bei der Entwicklung der Wasserstoffinfrastruktur und der Regulierungsstandards“ haben Reiche-Chef und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sowie der indische Premierminister Narendra Modi dieser Tage eine Absichtserklärung unterschrieben.

Hilfe für die Ukraine statt nicht vorhandener Energien

Anders, also praktisch, agieren Firmen der echt Grünen Energie-Wirtschaft. Greenpeace Energy zum Beispiel hat „gemeinsam mit der ukrainischen Stadt Trostjanez ein Modellprojekt für nachhaltige Wärmeversorgung fertiggestellt. Die Pilotanlage ist beispielgebend für die Modernisierung von hunderttausenden Wohnungen“ in dem von Putin und Co. überfallenen Land.

Stattdessen – die energetisch noch rückwärts gerichtetere CSU darf natürlich nicht fehlen bei augenscheinlich unsinnigen Vorschlägen – kommt aus Bayern die fast als Satire durchgehende Ankündigung: „Die Energie-Welt scharrt mit den Hufen: Wir haben ein weltweites Wettrennen bei der Erforschung wie Nutzung der Kernfusion – Geschwindigkeit ist jetzt entscheidend. Bayern geht voran. Wir sind führend bei der Fusionsforschung. In Garching werden wir einen Demonstrationsreaktor bauen, in Gundremmingen wird der erste kommerzielle Fusionsreaktor der Welt entstehen. Und: In Südbayern wollen wir einen kommerziellen Fusionsreaktor mit Lasertechnologie an den Start bringen. Klar ist: Das alles passiert nicht über Nacht – aber deutlich schneller als noch vor Kurzem gedacht: Bereits in etwa 15 Jahren (die bekannte Wasserstoff-Konstante, die immer wieder erneuert wird; d.Red.) könnte aus dem Traum von sauberer, sicherer und nahezu unerschöpflicher Energie Realität werden“, bejubelt Bayerns CSU-Wissenschaftsmininster Markus Blume die von der Staatsregierung verbreiteten, hochtrabenden Ankündigungen, zu denen auch Mini-Atomkraftwerke (AKW) gehören.

Für handfeste, nachhaltige Energien

Dabei sind nach Kenntnis des Grünen Energiesprechers im Bayerischen Landtag Martin Stümpfig „die Fusionsideen groß, aber wenig sinnvoll. Denn an allen AKW-Standorten sind bereits Batterie-Projekte fest am Laufen“ – zum Beispiel am Ex-AKW Isar I oder im von Blume genannten Standort Gundremmingen. Anders als die CSU fordern Bayerns Grüne „konsequenten Ausbau der Erneuerbaren, kombiniert mit leistungsfähigen Batteriespeichern und modernen Stromnetzen“. Die „ermöglichen Flexibilität im System, Versorgungssicherheit zu günstigen Preisen und Wertschöpfung im eigenen Land“, so Stümpfig in einer Mail an die Redaktion. „Die unsichtbare Macht der Fossilokratie beherrscht die Welt“, wie das die Energiewirtschaftlerin Prof. Claudia Kemfert kürzlich in einem Gastbeitrag für „Focus“ treffend zusammengefasst hat.

Doch nicht nur die Politik, auch die Verbraucher:innen lernen kaum hinzu. Ja, man schränke bei hohen Energiepreisen den Verbrauch gerne ein. Aber: „Wenn eine Person erfährt, dass der eigene Haushalt mehr spart als der Durchschnitt, reduziert dies möglicherweise ihre Anstrengungen“, haben Professor Martin Kesternich und sein Forscherteam der Universität Paderborn kürzlich in einer Studie herausgefunden; er nennt es „Bumerang-Effekt: selbst unter den Bedingungen einer akuten Energiekrise können soziale Vergleichsinformationen auch kontraproduktiv sein.“

Die Guten ins Töpfchen“ – bezahlen solls die Allgemeinheit

Ach ja, fast wäre es unter den Tisch gefallen: Statt für Resilienz in den eigenen Reihen zu sorgen und Ortsteile mindestens von zwei Seiten zu versorgen, fordert der Kieler Oberbürgermeister (SPD) Ulf Kämpfer, im Ehrenamt VKU-Präsident „den Aufbau einer „Nationalen Reserve Blackout und Krisenintervention“. Sprich: Gewinne der Netzbetreiber sollen eingestrichen, Kosten der Allgemeinheit aufgebürdet werden.