Über eine Doktorarbeit berichtet Heinz Wraneschitz

[Screenshot: Wraneschitz]
Am Dienstag, 10. März 2026 nannte Ursula von der Leyen Deutschlands vollzogenen Atomausstieg einen „strategischen Fehler“. Laut der EU-Kommissionspräsidentin habe die Bundesrepublik „einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken“ gekehrt. Auch hierzulande Aktuell sehen schon wieder – eigentlich für die Bevölkerung verantwortliche – Politiker:innen wie Bundesenergieministerin Katherina Reiche (CDU) wieder in neuartigen Atomkraftwerken die Zukunft unserer Stromversorgung. Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus Söder hatte Ende 2025 gar von einem in Kanada funktionierenden „Small Modular Reactor“-Atommeiler (SMR) erzählt. Kanadas Regierung widersprach. Denn dort gibt es gar kein SMR, nur eine vage Idee dafür. Trotzdem legte Söder im März 2026 nach – obwohl Kanzler Friedrich Merz (CDU) endlich deutlich klarmachte: Atom in Deutschland ist endgültig aus.
Vielleicht hatte Merz ja vorher von dieser brandaktuellen Doktorarbeit „Long-Term Development of the Nuclear Power System: A Socio-Techno-Ecological Analysis of Technology, Narratives and Sustainability Gaps“ erfahren. Damit hat Fanny Böse der Politik nämlich einen Schlag ins Mini-Atomwunsch-Kontor versetzt. Böse sagt nämlich klar und deutlich: „Diese Ideen sind fern jeder Realität!“
Wenn die BASE mit der Böse…
Wäre diese Dissertation in Zusammenarbeit mit „Linksgrün-Versifften“ (Rechts-Neu-Sprech, siehe „1984“) entstanden, müsste man wohl sehr kritisch sein. Doch Böse ist beim BASE tätig, dem Bundes-Umweltministerium nachgeordneten Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, und Gastwissenschaftlerin der TU Berlin.
Sie hat nun klargestellt: Zwar werde immer wieder erwartet, SMR-Reaktoren würden die Kernkraft günstiger machen. Sie haben aber weniger als 300 MW elektrischer Leistung. „Das Problem ist aber zunächst der Kostennachteil gegenüber den bestehenden Techniken: den müssen sie erst einmal kompensieren.“ Dafür trug Fanny Böse „Lernraten“ vor: „Erst ab 3.000 Reaktoren mit identischem Design ist ein SMR gleichteuer wie heutige AKW. Das gibt Ihnen vielleicht eine Idee, von welchen Dimensionen wir sprechen.“ Denn Status Quo seien vereinzelt realisierte SMR: zwei in Russland, einer in China. Die US-Firma NuScale wiederum, die sich selbst als „the global leaders in SMR nuclear technology“ bezeichnet, hat laut der Wissenschaftlerin „finanzielle Schwierigkeiten. Wir sind also ganz weit entfernt“ von der Zahl 3.000.
Warum aber werden diese Neu-Atom-Ideen trotzdem immer wieder in die Öffentlichkeit gestellt, wurde die BASE-Mitarbeiterin gefragt. Ihre Antwort: „Das ist das Kernenergieparadoxon“; verschiedenste Energie-Organisationen „haben über lange Jahre ihre alten Szenarien im Blick und lassen die unrealistischen Annahmen weiterleben.“ Konkret nannte sie z.B. die Internationale Atomenergiebehörde IAEO, die Internationale Energieagentur IEA oder den Weltklimarat IPCC.
Explodierende Bauzeiten und Kosten
Ohnehin stagniere der Atom-Zubau seit den 1980er Jahren; die installierte elektrische Atomkraftwerks-Leistung sank von etwa 105.000 MW (1990) auf um die 95.000 MW (2020). Zubau sei außer in Ländern wie China oder Russland, wo der Staat für die Kosten aufkommt, kaum zu verzeichnen. Und die wenigen aktuell im Bau befindlichen LWR-Meiler in westlichen Ländern seien „stark überteuert und dauern deutlich länger als erwartet“. Beispiel Flamanville-3 im Nachbarland Frankreich: Der sollte ursprünglich 4,3 Mrd. US-$ kosten, zurzeit stehen 25 Mrd. US-$ im Raum. Gebaut wurde dort 17 Jahre lang, geplant waren gerade mal 4,5.
Der Atom-Strompreis spreche gegen neue Meiler: der lag 2022 bei 180 US-$ pro MWh. Denn darin seien weder Kosten für den Rückbau der AKW noch für die Endlagerung berücksichtigt. Zudem produzierte man zu diesem Zeitpunkt Solar- und Windstrom bereits für unter 60 US-$/MWh, Tendenz weiter stark sinkend, erläuterte Fanny Böse. Deshalb nannte sie „die Annahmen von deutlich niedrigeren Atomstrom-Kosten als wir heute haben unrealistisch“.
Die kürzlich promovierte Wissenschaftlerin hatte im Verlauf ihrer dreijährigen Erarbeitung der Dissertation demnach festgestellt: Es gebe immer wieder „die Erwartung an langfristig greifbare Technologien. Aber Energieszenarien sind (wohl auch, d.Red.) in der Wissenschaft abstrakt, sind Annahmen und Narrative.“ Oder es seien gar „Projektionen von Experten auf aktuell vorgegebene Roadmaps und auf politische Pläne“.
Und dann kam Fanny Böse noch einmal auf das Kernenergieparadoxon: Die „hypothetischen und sehr optimistischen Annahmen“ einiger internationaler Organisationen mit starken Ausbauszenarien stünden bis heute „im starken Kontrast zur Realität“, würden aber weiterhin in der realen Welt genutzt. Ihre Forderung deshalb: „Wir brauchen einen kritischen Diskurs und möglichst eine Anpassung“, damit es zu guten energiepolitischen Entscheidungen kommen könne.
Am Ende sei Atomfan-Politiker:innen wie Ursula vdL, Markus Söder oder – zuletzt – Jens Spahn (CDU-Fraktionschef im Bundestag) ein Ort empfohlen, an dem sie ihre gespenstischen Pläne bald ebenfalls unterbringen sollten: Im Atomkeller von Haigerloch.
